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Mission ohne Wiederkehr Die Besiedelung des Mars

2012 hat sich ein privat finanziertes, internationales Konsortium mit Sitz in den Niederlanden den Namen Mars One gegeben. Der Name ist Programm: Die selbsternannten Pioniere wollen als erste auf dem Mars sein – nicht mit Sonden, Robotern oder Rovern, sondern mit Menschen. Wichtigster Punkt der Reise: Das Unternehmen macht keine Hoffnung auf Rückkehr.

Mars One

Eine Siedlung von Mars One

Die 60er-Jahre des letzten Jahrhunderts waren die Pionierjahre der bemannten Raumfahrt – und die Hoch-Zeit des Kalten Krieges. Die Sowjetunion startete den ersten Satelliten ins All, mit Juri Gagarin den ersten Menschen und vollführte das erste Andock-Manöver in der Umlaufbahn. Als Reaktion entstand hinter verschlossenen Türen die Idee einer amerikanischen One-Way-Mission zum Mond. Solch ein Projekt ließe sich schneller verwirklichen, wenn die Mannschaft nicht auch noch aufwendig von der Mond-Oberfläche zurückgeholt werden müsse.

Abgeschossen

Aus ethischen Gründen entschied sich die amerikanische Raumfahrtbehörde NASA aber gegen diesen Weg. Stattdessen entwickelte sie die größeren Apollo-Kapseln für drei Astronauten sowie eine Landefähre, die über eine Wiederaufstiegs-Kapsel von der Mond-Oberfläche verfügte – Rückreise inklusive. Das Ergebnis ist bekannt und Geschichte. Armstrong betritt den Mond.

Mann im Mars

Am 20. Juli 1969 landete Apollo 11 auf dem Mond

Am 20. Juli 1969 landete Apollo 11 auf dem Mond

Seit rund vier Jahrzehnten werden Mars-Missionen geplant. Neben den hohen Kosten ist der Grund für diese jahrzehntelange Verzögerung der schwierige Ablauf eines bemannten Fluges zum Roten Planeten. Denn auch hier gilt: Die Crew muss wieder zurück. Die nötige Technik für die spätere Abreise muss bereits beim Start einkalkuliert werden. Und so erlebt die Idee des One-Way-Tickets nun eine Renaissance.

Reise zum Sparpreis

Eine bemannte Ein-Weg-Mission zum Mars ließe sich auf drei Wegen realisieren. Möglichkeit eins, die kompromisslose Variante: Drei Freiwillige fliegen zum Mars, besiedeln ihn, produzieren ihren Sauerstoff, ihr Wasser und ihre Nahrung dort autark, kurzum: Sie verbringen den Rest ihrer Tage dort, bis sie irgendwann eines natürlichen Todes sterben.

MarsOne - Marskapsel  bei der Landung

Mars One - Marskapsel bei der Landung

Die zweite Möglichkeit stellt die ersten Mars-Menschen vor die Herausforderung, anhand der Rohstoffe des Roten Planeten wie Wasser und Eisen selbst für den Bau eines Raumschiffs und damit für ihre Rückkehr zu sorgen. Aus dem Wasserstoff und dem Sauerstoff des Mars-Eises ließe sich beispielsweise durch Elektrolyse der für eine Rückkehr nötige Treibstoff gewinnen.

Und drittens: Zwar könnten die Pioniere auf dem Mars ohne Rückkehrmöglichkeit starten, dabei aber auf ihre Nachfolger hoffen. Ein Raumschiff für den Weg zurück könnte eine spätere Crew mitbringen oder es könnte mit einer unbemannten Transportrakete separat auf den Mars geschossen werden.

Natürlicher Tod im All

Die Mitglieder der Moon Society sind ein privater Interessenverband. Die "Mond-Gesellschaft" hat keine kommerziellen Ziele. Ihre Mitglieder sind vielmehr Idealisten, die es sich leisten können, solch ideellen Forderungen zu erheben, ohne selbst liefern zu müssen. Und dennoch: Ihre Appelle sind angekommen. 2012 hat sich ein privat finanziertes, internationales Konsortium mit Sitz in den Niederlanden den Namen Mars One gegeben.

Bemannt und Befraut

Derzeit rollt die erste Ausschreibungswelle. Das bedeutet: Freiwillige können sich für die "Ausreise" zum Mars 2023 bewerben.

Deutscher lebt zwei Wochen wie auf dem Mars

Deutscher lebt zwei Wochen wie auf dem Mars

Begonnen wird das zehnjährige Training dann mit zehn Gruppen bestehend aus jeweils 4 Personen. Immer zwei Männer und zwei Frauen, das sei eine ideale Kombination. Wie bei einem ewigen Doppel-Date. Schon vor Beginn der offiziellen Ausschreibung hatten sich im letzten Jahr weltweit mehr als tausend Bewerber gemeldet. Sie haben alle ganz klar gewusst, dass ist eine Ein-Wegs-Mission.

Alle wollen weg hier

Und so soll das ganze funktionieren: Mars One kooperiert mit SpaceX – jenem kalifornischen Start-Up-Unternehmen, das mit seinen Dragon-Kapseln schon mehrmals die Internationale Raumstation ISS angeflogen und versorgt hat. Acht dieser Kapseln sollen zunächst Proviant auf den Mars schießen, bevor ihnen die ersten Astronauten in den gleichen Kapseln folgen. Das Landeverfahren wird bis dahin also schon achtmal erprobt worden sein.

Smarties im All

Marsrover

Marsrover

Automatische Rover werden die Kapseln auf dem Mars in Empfang nehmen und zu ihrem endgültigen Bestimmungsort fahren. Sobald die Astronauten eingetroffen sind, müssen sie per Hand kurze Tunnel zwischen den einzelnen Kapseln verlegen. Nach einer beschwerlichen, mehrmonatigen Reise stehen also zunächst einmal die letzten Aufbauarbeiten auf dem Mars an, bevor die Crew sich dort niederlässt.

Lebensmittel und Sauerstoff werden für die Anfangszeit von zwei Jahren von der Erde mitgebracht bzw. von den acht unbemannten Dragon-Kapseln vorausgeschickt. Danach sollen die Astronauten Sauerstoff zum Atmen und Trinkwasser aus dem auf dem Mars vorhandenen Eis selber herstellen. Auch Raketentreibstoff ließe sich mit flüssigem Wasser gewinnen.

Bastelunterricht für Zivilisationen

Marsoberfläche

Marsoberfläche

Wissenschaftler untersuchen derzeit die Möglichkeit, mit Hilfe von Mikroben Ziegelsteine aus dem Mars-Boden zu gewinnen. Den Sand auf der Oberfläche könnte man zu einer Form von Glas schmelzen. Selbst Kunststoffe ließen sich vor Ort herstellen, da es auf dem Mars den nötigen Kohlenstoff, Wasserstoff, Sauerstoff und Stickstoff gibt. Aus all diesen Materialien ließen sich Gebäude errichten.

Kaffeekochen in der Milchstraße

Die Dragon-Kapseln also sollen nur ein erster Schritt sein. Sobald das entsprechende Werkzeug, Öfen und Mini-Fabriken auf dem Mars eingetroffen sind, könnten größere Siedlungen gleich hinter den provisorischen Kapseln erbaut werden, die mit den neuen Kapseln durch Tunnel verbunden sind. Und auch für die Versorgung mit Nahrungsmitteln spielen diese eine Rolle.

Bitte blutig!

In den Kapseln sollen Pflanzen, Obst und Gemüse wie in einer Art Gewächshaus gedeihen. Denn die Ernährung auf dem Mars wird größtenteils vegetarisch sein.

Yuri Gagarin reiste mit einer solchen Kapsel in den Weltraum

Yuri Gagarin reiste mit einer solchen Kapsel in den Weltraum

Es würde ungefähr 100.000 Dollar kosten, ein Kilogramm Lebensmittel von der Erde zu importieren. Das wäre also ein ziemlich teures Steak. Es dürfte unter den Schwerkraftverhältnissen auf dem Mars leichter sein, Pflanzen zu züchten, als an Bord der Internationalen Raumstation, in der Schwerelosigkeit. Sollte aber dennoch etwas schiefgehen, werden wir eine Notverpflegung für die ersten vier Jahre auf den Mars schicken, bevor die Crew überhaupt landet.

Wo ist denn hier das Klo?

Die Reise zum Mars und ihre zehnjährige Vorgeschichte will Mars One medial vermarkten. Über Webcams können Internet-User die Teilnehmer bei ihren Vorbereitungen beobachten – 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche. Entsprechende Werbeeinblendungen sollen dabei helfen, das Projekt zu finanzieren. Neben den technischen Risiken muss eine Mannschaft auf dem Weg zum Mars - und dann auf dem Mars – auch zwischenmenschliche Herausforderungen meistern.

Big Brother erobert den nächsten Planeten

2011 fand in der Nähe von Moskau das Experiment Mars500 statt, bei dem sechs internationale Probanden für 520 Tage das Zusammensein während eines Hin- und Rückfluges zum Mars durchexerziert haben – jedoch stets in dem Bewusstsein, den Versuch jederzeit abbrechen zu können.

Astronaut mit Rover auf dem  Mars

Astronaut mit Rover auf dem Mars

Die Auswertungen des Versuchs Mars500 laufen derzeit noch. Und die Befürchtungen, dass der Mensch, seine Launen und seine Unberechenbarkeit Unsicherheitsfaktoren während solch einer Mission sein könnten, scheinen sich zu bestätigen.

Weiche Knie nach der Landung

Ein Flug zum Mars dauert etwa sechs Monate. Die Russen haben Erfahrungen mit Langzeitmissionen dieser Art, hatten sogar schon fünfmal Kosmonauten an Bord ihrer Mir-Raumstation, die es länger als zwölf Monate dort oben aushalten mussten. Ein solch langer Aufenthalt in Schwerelosigkeit bedingt eine entsprechend lange Phase der Wiedereingewöhnung auf dem Boden. So sind die Raumfahrer nach der Landung zunächst einmal unfähig zu gehen, weil ihre Knochen und Muskeln gänzlich von der Gravitation entwöhnt sind. Diese mangelnde Mobilität wäre nach einer Landung auf dem Mars unvorteilhaft.

Nur 40 Prozent der Erdgravitation

Zudem ist durch die geringere Größe des Mars auch die Gravitation niedriger. Das Leben auf der Erde war jedoch noch nie über einen längeren Zeitraum Mikrogravitation ausgesetzt.

Wird es bald Kinder auf dem Mars geben?

Astronauten-Kind

Seit es diesen Planeten gibt, hatte die Anziehungskraft auf ihm die Größe von 9,8 Meter pro Sekunde zum Quadrat. Niemals musste sich eine Lebensform im Laufe ihrer Evolution an eine andere Beschleunigung gewöhnen. Deswegen gibt es im menschlichen Erbgut kein genetisches Gedächtnis, das dabei helfen würde, sich an Schwerelosigkeit anzupassen. Bis jetzt.

Astronauten-Kinder?

Es wäre nicht nur finanziell teurer und technisch anspruchsvoller, eine Mars-Mannschaft wieder zurückzuholen zur Erde. Es wäre irgendwann auch medizinisch unmöglich. Denn irgendwann werden die Mars-Kolonisten unumkehrbar an ihre neue Umgebung und die geringere Gravitation angepasst sein. Was das nächste Problem mit sich bringe, nämlich eines sexueller Art. Denn man weiß nicht, ob Menschen auf dem Mars überhaupt schwanger werden können und ob sich Kinder so entwickeln werden wie auf der Erde. Mars One will an dieser Stelle aber nicht eingreifen. Die Menschen auf dem Mars sollen unabhängig leben und ihre Entscheidungen treffen.

Neue Erde, Alte Erde

Genau das jedoch will Mars One: die Besiedlung des Planeten, eine Kolonisierung, die mit Folgemissionen alle zwei Jahre fortgeführt werden soll. Dieses Projekt soll unumkehrbar werden – und zwar in doppelter Hinsicht. So wie es für die einzelnen Teilnehmer keinen Rückflugschein zur Erde gibt, soll auch der Außenposten der Menschheit auf dem Mars wachsen, gedeihen, und – geht es nach dem Willen von Mars-One-Generaldirektor Bas Lansdorp - eines Tages möglicherweise unabhängig von der Erde werden.

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