Stich des Ortes, an dem Rudbeck das historische Atlantis verortete. (Foto: SWR, SWR - Gábor Paál)

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Olof Rudbeck der Ältere – Alfred Nobels Urahn

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Gábor Paál (Foto: SWR, Gábor Paál)
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Rabea Limbach und Ralf Kölbel

Schweden ist Ursprung der Zivilisation. Davon war Olof Rudbeck überzeugt. Der direkte Vorfahr von Alfred Nobel war, trotz mancher Irrtümer, ein genialer Universalgelehrter.

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Olof Rudbeck – Kind des Dreißigjährigen Krieges

Der Universalgelehrte Olof Rudbeck der Ältere (1630 - 1702) forschte, komponierte und brachte die Schwedische Medizin voran. Er war Kartograf gilt als einer der Entdecker des Lymphsystems und hat den Botanischen Garten angelegt, in dem später der berühmte Carl von Linné arbeiten sollte - der Begründer der biologischen Taxonomie. Ausgebildet als Mediziner, sah er sich selbst am Ende als ein Anatom, der die Erde seziert und so die Geheimnisse der Vergangenheit ans Licht bringt. So ließ er sich auch selbst porträtieren - wie im Bild oben zu sehen.

Bekannt wurde Rudbeck vor allem für seine "Atlantica" - eine umfassende Theorie von der Entstehung der modernen Welt. Sie geht, kurz zusammengefasst, so: Gottfried

Rudbecks "Atlantica": Kurzfassung

  • Noah hatte drei Söhne, Sem, Ham und Japhet. Die Nachfahren Japhets zogen nach überstandener Sintflut Richtung Schweden.
  • Das schwedische Urvolk besiedelte und eroberte später weite Teile der Welt und wurde so zur Mutter der alten Hochkulturen.
  • Alle Sprachen der Welt gehen auf das Schwedische zurück. Hier wurde auch die Astronomie gefunden. Selbst die großen Mythen der Antike lassen sich in Schweden verorten. Sogar der trojanische Krieg.
  • In Schweden - genauer: bei Uppsala - befand sich auch das sagenhafte Atlantis.

Seine Thesen sind natürlich längst überholt, und doch hat Olof Rudbeck mit seinen Methoden die europäische Wissenschaft stärker beeinflusst als lange angenommen. Auch Gottfried Wilhelm Leibniz interessierte sich für die Schriften seines schwedischen Zeitgenossen.

Und doch ist Rudbeck außerhalb Schwedens weitgehend in Vergessenheit geraten. Wer also war er und was waren seine wissenschaftlichen Errungenschaften?

Gelehrter mit großem Einfluss auf viele Wissenschaftsdisziplinen

Lars Burman leitet heute die Universitätsbibliothek von Uppsala, in der im 17. Jahrhundert Olof Rudbeck für seine wissenschaftlichen Werke recherchierte. Er ist von ihm fasziniert:

Rudbeck war interessiert an Architektur, Astronomie, er war Mediziner, und ein großer Botaniker. Er hat als Zeichner gute Karten und Pläne entworfen. Er wollte die Welt verstehen, hat Ausgrabungen initiiert, Körper seziert. Man kann gar nicht anders als von ihm beeindruckt sein.

Rudbecks Forschungen nahmen Einfluss auf eine Vielzahl von Wissenschaftsfeldern. Im Bereich der Medizin wurde er durch den Bau eines viel beachteten, anatomischen Theaters bekannt. Im Alter von 22 Jahren verfasste er seine Dissertation über den menschlichen Blutkreislauf. Wenig später entdeckte er das menschliche Lymphsystem.

In den Folgejahren widmete er sich der Botanik. 1655 ließ Olof Rudbeck den botanischen Garten von Uppsala anlegen, der später Ausgangspunkt der Forschungen von Carl von Linné werden sollte. Akribisch sammelte und beschrieb er Pflanzen. Und neben der vielen Wissenschaft war er auch noch Komponist und Musiker (eine Kostprobe ist gleich am Anfang in der SWR2 Wissen-Sendung zu hören).

Die Atlantica: Schweden als Ursprung der zivilisierten Welt

Als sich Rudbeck seinem 50. Lebensjahr näherte, begann er schließlich mit der Arbeit an jenem Werk, das ihn mehr als zwei Jahrzehnte bis zu seinem Tod beschäftigte: der "Antlantica", einer universelle Theorie zur Entwicklung der Menschheit. Vier Bände mit insgesamt 3000 Seiten, wobei der letzte Band unvollendet geblieben ist. Ein Gewebe von Naturgeschichte, Sprachforschung, Archäologie und einer Vielzahl mythologischer Überlieferungen von den Griechen bis zur isländischen Edda.

In Hunderten von Argumenten versucht Rudbeck zu belegen, wie sich ausgehend von der Wiederbesiedelung der Welt nach der Sintflut in Schweden das Urvolk der Menschheit herausbildete und aus dieser Wurzel die Völker der Antike – unter ihnen Goten, Skythen und Trojaner – entwickelten. Selbst das verschollene Atlantis, das der antike Philosoph Platon in seinen Schriften differenziert beschrieb, verortete er durch geografische Studien in der Nähe von Uppsala.

Rudbeck setzte auch - wie damals üblich, aber historisch falsch - die Goten mit den alten Schweden gleich. Diese hätten das Römische Reich zu Fall gebracht und waren damit, so die Argumentation, als noch stärker und ruhmreicher anzusehen, als die hoch gerühmten Römer.

Rudbecks Hauptwerk als großer Irrweg?

All diese Thesen sind zwar heute nichts mehr wert, und doch hat sein Werk die Wissenschaft vorangebracht. Denn Rudbeck verwendete für seine Forschung damals völlig neuartige Methoden wie Ausgrabungen oder Sprachvergleiche. Der Rudbeck-Forscher Bernhard Schirg nennt Beispiele, wie Rudbeck die Forschung inspiriert hat.

  • Er gehörte zu den ersten, die bei Ausgrabungen versuchten, von der Tiefe, in der ein Fundstück in der Erde liegt, auf dessen Alter zu schließen. Das Prinzip war richtig– nur in der konkreten Datierung lag er völlig daneben.
  • Rudbeck betrieb das, was man heute vergleichende Linguistik nennt: Er verglich Sprachen miteinander.
  • Und er verglich auch alte Schriftzeichen. Er nahm an, dass sich die Schrift von rohen zu immer weiter ausgearbeiteren Formen entwickelt hat.

An sich ein richtiger Gedanke, meint der Historiker Jonas Nordin. Rudbeck zog daraus nur den falschen Schluss, dass die grobe skandinavische Runenschrift die älteste sein müsste. Rudbeck irrte in seinen empirischen Befunden, aber sein theoretischer Ansatz für die Archäologie und alte Geschichte war in vielerlei Hinsicht weitsichtig.

Aus heutiger Sicht klingen seine Thesen von Schweden als der Wiege der Zivilisation merkwürdig, sagt Bibliotheksleiter Lars Burman. Andererseits war derartiges Denken damals sehr verbreitet. Schweden war am Ende des 17. Jahrhunderts wissenschaftlich bedeutsam und Rudbeck galt als eine der großen Figuren. Er war sehr modern, gleichzeitig wirklich ein Kind seiner Zeit.

Blick zurück: Wissenschaft im 17. Jahrhundert

Im 17. Jahrhundert war die Wissenschaft noch sehr barock, gerade erst in der Neuzeit angekommen und noch durchdrungen von metaphysischen Spekulationen. Das Interesse an den antiken mythen wiederum ist vor dem Hintergrund der zurückliegenden Renaissance zu verstehen, in der die antiken Kulturen - als große Vorbilder - zum zentralen Bezugspunkt der Wissenschaften wurden.

Schweden hatte großen Einfluss nach dem 30jährigen Krieg

Schweden war nach dem 30jährigen Krieg die starke Macht des Nordens. Und die schwedischen Schriften wurden auch in anderen Ländern gelesen und aufgegriffen, wie Bernhard Schirg, Neu-Latinist an der Universität Erfurt, erklärt:

Auch Greifswald, sowie weite Teile des Baltikums und Finnlands waren damals schwedisch. An den dortigen Universitäten findet man tatsächlich hunderte von lateinischen Dissertationen, die Teilthesen aus diesem gigantischen Werk, aufgreifen, vertiefen, absichern, Und das hat durch die lateinische Veröffentlichung auch außerhalb von Schweden ein Echo gefunden hat.

Schirg hat die Bedeutung von Olof Rudbeck im Rahmen des Sonderforschungsbereichs "Transformationen der Antike" an der FU Berlin untersucht. Das hat auch methodische Gründe: Die überwiegende Zahl der wissenschaftlichen Arbeiten der damaligen Zeit sind in Latein verfasst. Doch Altphilologen befassen sich traditionell mehr mit alten römischen Texten als mit neuzeitlichen Dissertationen aus dem schwedischen Sprachraum. Deshalb wurde dort wenig geforscht.

Leibniz und Rudbeck: zwei Universalgelehrte

Der deutsche Universalgelehrte Gottfried Wilhelm Leibniz nahm die Schriften seines schwedischen Zeitgenossen übrigens ebenfalls zur Kenntnis, konnte sich jedoch nicht so richtig dafür erwärmen. Allerdings ist auch vieles von dem, was Leibniz einst gedacht und geschrieben hat, längst hinfällig. So ist das eben mit Universalgelehrten: Ihr Horizont ist so weit, dass sie sich gelegentlich verlaufen. Und zuweilen sind es große Irrtümer, die die Wissenschaft voran bringen.

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