Bitte warten...

Glückliche Reben Ökologischer Weinbau

Wein ist bekanntlich eine Geschmacksfrage. Böse Zungen behaupten, so mancher Gaumen sei durch die zahlreichen industriell erzeugten und künstlich geschönten Weine verdorben. Als Gegensatz dazu gibt es den Biowein mit seinen diskreten Aromen, und eine ganz eigene Forschungswelt darum. Bekommt man von seinem Genuss auch Kopfschmerzen?

Südfrankreich, Provence, 30 Grad im Schatten, strahlend blauer Himmel über langen Rebreihen mit tiefgrünem Weinlaub. Rote Rosenstöcke, Bäume mit sattgelben Aprikosen, Büsche mit orangenen Sanddornbeeren stehen vor den Reben. Zwischen ihnen wachsen Sträucher mit dunkelblauen Beeren, blüht Klee und sprießen verschiedene Gräser. Es duftet nach Thymian und Rosmarin. Das ist der Weinberg des Chateau Duvivier – ein Bioweingut. Die bunte Pracht inmitten der Einöde der benachbarten Weinberge fällt sofort auf. Bei den Nachbarn brütet zwischen den Reben nichts als kahle, blanke, braune Erde in stiller Hitze.

Wein im Blumenmeer

Blühender Lavendel vor einer Weinbergmauer

Blühender Lavendel vor einer Weinbergmauer

Was da in der Provence zwischen den sanft ansteigenden Rebreihen blüht und sprießt, ist kein Zufall der Natur, sondern das Ergebnis langjähriger Versuchsreihen des kleinen Schweizer Ithaka Instituts für Ökologie und Klimafarming. Hervorgegangen ist das Institut aus einer gemeinnützigen Stiftung des Schweizer Bioweinhandels Delinat. Biowinzerinnen und -winzer aus der Schweiz, aus Frankreich und Deutschland holen sich hier Rat für den richtigen Bioweinanbau. Denn sie müssen auf all jene chemisch-synthetischen Spritzmittel verzichten, die im klassischen Weinanbau üblich sind.

Dazu gehören Fungizide, also Pilzbekämpfungsmittel gegen Mehltau. Tauchen Schadinsekten wie der Traubenwickler oder Milben auf, versprüht man üblicherweise Insektizide. Wachsen sogenannte Unkräuter zwischen den Reben oder sogar in die Reben hinein, kommt im konventionellen Weinbau die chemische Keule mit Herbiziden zum Einsatz.

Da wächst kein Gras mehr

Nebel unterhalb des Weinbergs

Gegen Pilze muss gespritzt werden

Das verstörende Ergebnis solcher Weinbergbehandlung kann man rund um das Schweizer Ithaka Forschungsinstitut im Wallis-Tal oberhalb der kleinen Stadt Sion mit bloßem Auge entdecken. An den steilen Hängen in einigen hundert Metern Höhe sieht man bei den konventionell arbeitenden Nachbarn nichts als blanke Erde, selbst an den Wegrainen abgestorbene, fahlgelbe Pflanzen. Der konventionelle Weinanbau ist etwa so umweltfreundlich wie die industrialisierte Landwirtschaft. Artenvielfalt ist hier Fehlanzeige. Konventionelle Weinberge sind ausgeräumte Kulturlandschaften.

Der Unterschied zu den Bioweinversuchsflächen ist mehr als offensichtlich. Zwischen den Rebreihen des Instituts wachsen Johannisbeeren, Kartoffeln, Tomaten, Kürbisse, Kleesorten, Erbsen, bunte Blumen. Man experimentiert mit verschiedenen Samenmischungen, in denen sich bis zu 50 verschiedene Pflanzensorten befinden. All diese Versuche dienen nur einem Zweck. Sie sollen das Bodenleben bereichern und damit die Rebengesundheit fördern.

wein

Echter und falscher Mehltau ist der Hauptfeind von Rebstöcken

Widerstand gegen den Mehltau

Im Unterschied zu Frankreich und der Schweiz haben zumindest in Deutschland immer mehr konventionelle Winzerinnen und Winzer begonnen, zumindest eine Grasbegrünung zwischen ihren Reben auszusäen. Gänzlich kahle Rebberge sind hierzulande selten geworden.
Allerdings kann auch die schönste und nützlichste Begrünung nicht verhindern, dass die Reben immer wieder vom Mehltau befallen werden. Die Pilzschädlinge überziehen Blätter und Trauben wie ein Spinnennetz mit ihren Pilzfäden. Die Traube stellt dann das Wachstum ein, platzt schließlich auf und beginnt zu faulen. Sie ist für den Winzer verloren.

Frau pflückt Weintrauben in einem Weinberg

Bioweinbau bedeutet mehr Aufwand

Um die Schadpilze gar nicht erst aufkommen zu lassen, setzen die Biowinzerinnen und -winzer zu allererst auf die Abwehrkräfte der Rebe selbst. Sie versuchen deren Widerstandsfähigkeit zu stärken. Zu den Klassikern im Bioanbau gehören traditionelle Mittel wie Kaliwasserglas, eine Kalkform, oder Aufgüsse aus Fenchel, Brennnessel und Schachtelhalm.

Biomittel haben Standards

Dank der jahrelangen Erfahrungen der Bioweinforschung können die Biowinzer und -winzerinnen heute standardisierte Begrünungssämereien ebenso im Handel erwerben wie die verschiedenen Stärkungsmittel. Es gibt genauso wie im konventionellen Weinanbau Kataloge mit genauen Beschreibungen der Wirkung und der Anwendung der verschiedenen Biomittel. Man kann sie im Landhandel einfach bestellen.

Biologische Anbaumethoden können zwar die Pflanzen stärken, den Krankheitsdruck mindern, aber man kommt letztendlich nicht drum herum, Kupfer gegen falschen Mehltau und Schwefel gegen echten Mehltau zu spritzen. Beide Stoffe kommen zwar in der Natur vor, sind darum im Bioanbau zugelassen, schaden aber in großen Mengen dem Bodenleben. Darum versuchen die Biowinzerinnen und -winzer mit möglichst wenig auszukommen.

Pilzbenachrichtungen

Trauben im Weinberg

Wetter- und Pilzvorhersagen

Wie häufig die Biowinzerinnen und -winzer spritzen, hängt zu einem Großteil von ihrer Erfahrung ab. Entscheidend ist der richtige Zeitpunkt. Doch sie werden heute nicht mehr alleingelassen mit ihrer Entscheidung. So schickt zum Beispiel die rheinpfälzische Weinbauschule Oppenheim jede Woche eine E-Mail mit Informationen über den derzeitigen Pilzbefall und die Wetteraussichten. Das erleichtert die Arbeit, ändert aber nichts daran, dass Biowinzer mehr Arbeit haben ihre konventionellen Kolleginnen und Kollegen.

Allerdings wird der Mehraufwand auch staatlich honoriert. Je nach Bundesland gibt es zwischen 630 und 700 Euro Zuschuss pro Hektar für EU-zertifizierten biologischen Weinbau. Damit werden die Bemühungen um Artenvielfalt unterstützt. Es wird auch honoriert, dass das Grundwasser nicht mehr durch Pestizide oder zu große Nitratmengen verunreinigt wird.

Wo die wilden Hefen toben

Nun ist der Bioweinanbau ja kein Selbstzweck. So sehr er die Umwelt schont, die Artenvielfalt in den Weinberg zurückbringt, Ziel und Sinn ist es doch, einen geschmacklich anderen, möglichst besseren Wein zu erzeugen. Der entsteht aber nicht nur im Weinberg, sondern auch im Keller. Und dort entscheiden Hefen über den Geschmack und über den Alkoholgehalt des Weins, denn sie besorgen die Gärung des Weins. Normalerweise setzen alle Winzerinnen und Winzer, egal ob sie biologisch oder konventionell arbeiten, Reinzuchthefen ein. Die gibt es vorgefertigt wie beim Backen und man kann sie ganz klassisch im Handel erwerben. Über 100 Reinzuchtsorten listet der Hefeführer der Hochschule Geisenheim auf, je nachdem was für einen Wein man nachher haben möchte, fruchtig oder säurebetont, trocken oder lieblich.

Biowein

Wilde Hefen bringen eigene Geschmacksrichtungen mit

Die Hefen garantieren zuverlässige Ergebnisse, vereinheitlichen aber auch den Geschmack. Genau darum legen viele Biowinzerinnen und -winzer zunehmend Wert auf wilde Hefen, und die gibt es ihrer Ansicht nach vor allem in einem artenreichen Weinberg. Sie siedeln sich auf der Begrünung natürlicherweise an und gehen dann auch auf die Trauben über. Bei den Naturhefen ist allerdings die Gefahr groß, dass sie den entstehenden Alkohol nicht vertragen, absterben und unangenehme Geschmacksnoten zurücklassen. Andererseits zeigen wilde Hefen bei erfolgreicher Gärung auch ein besonderes geschmackliches Bild.

Nachwirkungen

Nun ist Wein bekanntlich eine Geschmacksfrage und Paul Weindel, ein deutscher Biowinzer in der Provence, hat die Erfahrung gemacht, dass mancher Gaumen durch die zahlreichen industriell erzeugten und künstlich geschönten Weine verdorben ist. Bei allen biodynamischen Weinen sind die Aromen diskreter, aber je länger sie mit Sauerstoff in Berührung sind, umso mehr entfalten sich diese dann. Die Hersteller versichern zudem, man könne sehr viel von ihren Weinen trinken, ohne Kopfschmerzen zu bekommen.

Weitere Themen in SWR2