Entwicklungshilfe-Flop Notebooks für Afrika

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Das Projekt "One Laptop per child", "ein Notebook für jeden Schüler", sollte helfen, die Bildungskluft zwischen Arm und Reich weltweit zu überbrücken. Was ist gut zehn Jahre später aus dem Projekt geworden?

Addis Abeba, Äthiopien, im Februar 2008, 70 Grundschüler sitzen auf dem Boden eines Beton-Pavillons und wiederholen vom Lehrer Vorgesagtes. Wenige Kinder verstünden den Sinn des Vorgesagten, erklärt der deutsche Entwicklungshelfer Bernd Sandhaas, hinzu kommt, dass die Ausstattung mit Schulbüchern sehr schlecht ist.

Einen Steinwurf entfernt eine andere Grundschule. Hier tippt die achtjährige Imsaraj Ishatu emsig in ein kleines grünes Notebook. Eine Blase mit der Frage "sechs mal vier" erscheint auf dem Bildschirm; flink gibt Imsaraj "24" ein; ein munteres Glöckchen beschert ihr einen Punkt.

Ein Notebook pro Kind

Alle 67 Schüler in Imsaraj’s Klasse besitzen so ein grünes Notebook, das ihnen die "Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit" GIZ geschenkt hat. Ein Notebook, das gerade 150 Euro kostet. Die Idee dazu hatte 2005 der amerikanische Bildungsforscher Nicholas Negroponte, erklärt GIZ-Mitarbeiter Thomas Rolf.

Sein Projekt "One Laptop per child", "ein Notebook für jeden Schüler", wollte helfen, die Bildungskluft zwischen Arm und Reich weltweit zu überbrücken. Hunderte Millionen Laptops sollten verteilt werden; mit dem Computer sollten sich Kinder in armen Gesellschaften Wissen selbst erarbeiten und so einen Quantensprung in ihrem Leben vollziehen – den Sprung hin zu kritisch-analytischem und kreativem Denken.

Laptops für alle - 6-jähriges Mädchen mit dem so genannten 100-Dollar-Laptop "XO" (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - EPA/NESTOR BACHMANN)
Laptops für alle - 6-jähriges Mädchen mit dem so genannten 100-Dollar-Laptop "XO" picture-alliance / dpa - EPA/NESTOR BACHMANN

Die kleinen grünen Notebooks des Jahres 2008 haben einen Flash-Speicher; der Bildschirm ist auch in gleißendem Sonnenlicht lesbar; der Akku wird mit einer Art Jojo aufgeladen; und wenn ein Gerät im Schulhofgetümmel einmal zu Boden gehe, sei das auch nicht schlimm, sagt Thomas Rolf.

Zehn Jahre später

Was ist aus dem Programm "One Laptop per Child" geworden? "Ach je", sagt Lee Felsenstein, der Computer-Entwickler, der die ersten Laptops baute und der von Anfang an Studien anmahnte, die den pädagogischen Nutzen der grünen Notebooks belegten. Initiator Negroponte jedoch habe seine Mahnungen ignoriert, erzählt Felsenstein. Er habe stattdessen, wie ein Heilsprediger, bei Geldgebern, Entwicklungshelfern und Regierungen geworben.

Heute weiß die Wissenschaft, dass Notebooks die Lernerfolge von Grundschülern nicht verbessern – erst recht nicht in Dorfschulen armer Länder. Und – Robustheit hin, Robustheit her – nach einer Weile ging fast jeder der kleinen grünen Computer kaputt; oder zumindest die Stromversorgung mit Solarzellen, Kurbeln oder Jojos gab den Geist auf. Ersatzteile gab es kaum.

Trotzdem stürzten sich ab 2006 zahlreiche Entwicklungshelfer auf die grünen Notebooks; das arme Peru kaufte eine Million Stück. Schon 2009 jedoch verpuffte die Begeisterung; Frust angesichts ausbleibender Lernerfolge und teuren Elektroschrotts machte sich breit.

Froschgrüner Billig-Laptop für 100 Dollar sollte digitale Kluft überwinden (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - PHOTO: WILSON DIAS/ABR/ITSPRESS Brainpix Group)
Froschgrüner Billig-Laptop für 100 Dollar sollte digitale Kluft überwinden picture-alliance / dpa - PHOTO: WILSON DIAS/ABR/ITSPRESS Brainpix Group

Großes Projekt, fehlende Perspektiven

Insgesamt wurden bis heute drei Millionen der grünen Notebooks produziert – und nicht jene hunderte Millionen, die den Initiatoren vorschwebten. Das Projekt "One Laptop per Child" ist einen stillen Tod gestorben.

Computer in der Schule könnten hilfreich sein, sagt Entwickler Lee Felsenstein – aber nur, wenn sie sorgsam eingebettet sind in solide konzipierten Unterricht. Der große Fehler des Bildungsforschers Nicholas Negroponte sei gewesen, im Laptop eine Art Totem zu sehen, dessen bloßer Besitz Menschen erleuchtet.

Die Amerikaner Nicholas Negroponte (rechts) und Mary Lou Jepsen präsentierten 2005 den Prototyp des 100 US-Dollar-Laptops (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Die Amerikaner Nicholas Negroponte (rechts) und Mary Lou Jepsen präsentierten 2005 den Prototyp des 100 US-Dollar-Laptops picture-alliance / dpa -
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