Bitte warten...

Nobelpreis Medizin 2013 Die Preisträger und ihre Forschung

Rätselraten heute weltweit, wer denn nun in diesem Jahr den Medizin-Nobelpreis gewinnen und damit die Nobelpreiswoche einläuten würde. Seit kurz vor zwölf hat das Rätselraten ein Ende – die Auszeichnung in der Sparte Medizin geht in diesem Jahr an James Rothman, Randy Schekman und den in Deutschland geborenen Thomas Südhof. Sie erhalten den Nobelpreis für ihre Entdeckungen zu Transportprozessen in Zellen, genauer für die Erkenntnisse in Sachen Vesikelverkehr. Ulrike Till, Medizinexpertin in der SWR2 Wissenschaftsredaktion stellt die Preisträger und ihre Forschung vor.

Nobelpreis Medizin - Wer hat ihn bekommen?

Thomas C.  Südhof

Thomas C. Südhof

Aus deutscher Sicht ist natürlich Thomas Südhof der spannendste Preisträger – er lebt und forscht zwar schon seit 1983 in den USA, stammt aber aus Göttingen. Der 57-jährige hat in seiner Heimatstadt Medizin studiert, ging dann als Postdoc nach Amerika und hat dort seit 2008 einen Lehrstuhl an der berühmten Stanford Universität. Als junger Wissenschaftler hat er im Labor der beiden Nobelpreisträger Michael Brown und Joseph Goldstein gearbeitet – der Grundstein für eine steile Forscherkarriere. Dieses Jahr hat er auch schon den in Wissenschaftskreisen hochangesehenen Lasker Preis gewonnen – die meisten Laskerpreisträger bekommen irgendwann auch den Nobelpreis. Südhof teilt sich den Preis mit zwei amerikanischen Forschern, dem Zellbiologen James Rothman, der in Yale unterrichtet und dem Berkeley-Professor Randy Schekman.

Wofür?

Vesikelverkehr in Zellen - Forschung von James E. Rothman

Vesikelverkehr in Zellen - Forschung von James E. Rothman

Die drei Forscher haben erstmals das Transportsystem der Zelle im Detail entschlüsselt. Man kann sich das vorstellen wie in einem Hafen: ganz viele verschiedene Container müssen zur richtigen Zeit an den richtigen Ort transportiert werden. Und zwar sowohl innerhalb der Zelle als auch von einer Zelle zur anderen. Die Fracht sind zum Beispiel Hormone, Nervenbotenstoffe oder auch Zytokine, die eine Schlüsselrolle für unser Immunsystem spielen.

Randy Schekman hat dabei bei Experimenten mit Hefe entdeckt, welche Gene dieses Transportsystem regulieren; James Rothman hat herausgefunden, dass kleine Bläschen, sogenannte Vesikel, die Fracht genau an die richtige Stelle transportieren.

Und Thomas Südhof bekommt den Nobelpreis dafür, dass er als erster Forscher das Timing beim Zelltransport erklären kann: man wusste schon vorher, dass Calcium-Ionen entscheidend sind, aber erst Südhof hat das Wechselspiel zwischen Kalziumsignalen und Nervenzellen ganz genau erforscht; vor allem hat er in Nervenzellen bestimmte Proteine entdeckt, die für Kalzium empfänglich sind. Der Informationsaustausch mit Hilfe der Kalziumsignale funktioniert buchstäblich blitzschnell -- damit lässt sich unter anderem erklären, warum wir in Gefahrensituationen innerhalb von Millisekunden reagieren können.

Was bringt es medizinisch?

Darstellung von Nervenzellen und ihren Verbindungen

Darstellung von Nervenzellen und ihren Verbindungen

Was die drei Wissenschaftler herausgefunden haben, betrifft ganz verschiedene Abläufe in unserem Körper. Bei Krankheiten wie Diabetes etwa ist die Ausschüttung des Hormons Insulin gestört – wenn wir die genauen Fehlfunktionen innerhalb der Zelle kennen, kann das helfen, die Krankheit besser zu behandeln. Das gilt auch für verschiedene neurodegenerative und psychiatrische Erkrankungen: wie die Zelle Nervenbotenstoffe transportiert, spielt eine zentrale Rolle bei Schizophrenie und Depressionen; auch für die Forschung an Alzheimer und Parkinson sind die Erkenntnisse von Thomas Südhof und seinen Kollegen wegweisend.

Man weiß zum Beispiel, dass das das Protein alpha-Synuklein neben anderen Faktoren die Kommunikation von Nervenzellen steuert und unser Gehirn jung und leistungsfähig erhält. Bei Parkinson ist dieser Mechanismus gestört, das führt zu Bewegungsstörungen und geistiger Einschränkung – Wissenschaftler arbeiten seit einer Weile intensiv daran, Wirkstoffe zu finden, die das wieder ins Lot bringen. Im Moment ist zwar noch kein Heilmittel in Sicht, auch in der Alzheimerforschung gibt es noch keinen Durchbruch – aber wenn ein Heilmittel entdeckt wird, dann hat die Forschung von Rothman, Schekman und Südhof mit Sicherheit den Grundstein dafür gelegt.

Vor 5 Jahren ging zum letzten Mal ein Medizin-Nobelpreis an einen Deutschen, den Krebsforscher Harald zur Hausen – warum sind deutsche Preisträger so selten?

Das liegt zum einen natürlich daran, dass Deutschland einfach weniger Forschungseinrichtungen hat als ein Riesenland wie die USA – aber auch kleine Nationen wie England schneiden bei den Nobelpreisen besser ab als wir. Das hängt damit zusammen, dass Wissenschaftler in Großbritannien und Amerika, aber auch in Skandinavien, viel früher selbständig arbeiten können und Verantwortung für eine eigene Forschergruppe bekommen. Und die entscheidende Nobelpreisarbeit findet eben oft in jungen Jahren statt.

Thomas Südhof (l.) und James Rothman (r.), zwei der diesjährigen Medizin-Nobelpreisträger

Thomas Südhof (l.) und James Rothman (r.), zwei der diesjährigen Medizin-Nobelpreisträger

Bei uns bleiben Nachwuchswissenschaftler in der Regel deutlich länger abhängig von ihren Laborleitern, außerdem müssen junge Professoren oft so viel Lehre leisten, dass für intensive Forschung gar nicht mehr viel Zeit bleibt. Das ist an amerikanischen Elite-Unis anders – deshalb ist es sicher auch kein Zufall, dass Thomas Südhof nach seiner deutschen Promotion in die USA gegangen und dort geblieben ist. Allerdings gibt es durchaus auch in Deutschland optimale Forschungsbedingungen: vor allem an Max-Planck-Instituten und Helmholtz-Zentren – an Universitäten dagegen sind selbst in Exzellenzclustern Geld und Zeit oft Mangelware.

Weitere Themen in SWR2