Ein Elektroschocker (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Rainer Jensen)

Neue Waffen für neue Konflikte Nicht tödliche Waffen

SWR2 Wissen. Von Mirko Smiljanic

Mikrowellengewehre und Druckluftkanonen, Irritationsgranaten und Elektrotaser, Betäubungsgase und Gummigeschosse gehören zu den sogenannten "Nicht tödlichen Waffen". Diese Waffenart soll einen dritten Weg eröffnen zwischen ohnmächtigem Zuschauen und dem Einsatz schwerer Waffen - etwa bei Kämpfen zwischen ethnischen Gruppen. Sie sollen auch verhindern helfen, dass unbeteiligte Zivilisten zu Tode kommen. Jedoch werden sie von Kritikern stattdessen "Selten tödliche Waffen" genannt.

Dauer

Die spanische Exklave Ceuta an der Meerenge von Gibraltar ist seit Jahren Ziel von Flüchtlingen aus Marokko und Mauretanien. Immer wieder stürmen sie die hohen Zäune am Strand von El Tarajal, der Afrika von Europa trennt, und an eben diesem Strandabschnitt Tarajal versuchte am frühen Morgen des 6. Februar 2014 eine Gruppe von 300 bis 400 Flüchtlingen und Migranten die Grenze zu überqueren.

Sie wollten die Mole umschwimmen oder sich an den Steinen entlanghangeln. Wagemutig stürzen sich Männer und Frauen in das mit 15 Grad Celsius empfindlich kühle Wasser, viele können kaum schwimmen, andere klammern sich an den algenbewachsenen Felsen – immer beobachtet von Beamten der Guardia Civil, die diesen Grenzabschnitt sichern. Was dann passierte beschreiben Betroffene und Augenzeugen wie folgt: Die Beamten schossen mit Tränengas und Gummigeschossen auf die Menschengruppen im Wasser.

Zudem setzten sie Schlagstöcke ein und schlugen auf die Menschen, die verzweifelt versuchten, sich an der Mole oder an einem der Boote festzuhalten, hohe Wellen treiben einige Flüchtlinge aufs offene Meer, das Wasser färbt sich rot, all das führte zu teilweise sehr schweren Verletzungen, aber auch zu einer Panik unter den Geflüchteten. Am Ende verstarben mindestens 15 Menschen im Zuge dieses Polizeieinsatzes.

Juristische Aufarbeitung

Erzählt Carsten Gericke. Er ist Rechtsanwalt in Hamburg und berät in dieser Funktion das "European Center for Constitutional and Human Rights" – kurz ECCHR – eine gemeinnützige und unabhängige Menschenrechtsorganisation mit Sitz in Berlin. Gegen den Polizeieinsatz von Ceuta im Februar 2014 ermitteln Staatsanwälte, die juristische Aufarbeitung ist noch nicht abgeschlossen.

Non-Lethal Weapons Program (Foto: U.S. Department of Defense - Tech. Sgt. Joseph Harwood, U.S. Air National Guard)
Übungen im Konfrontationsmanagement um auf zivilen Widerstand vorbereitet zu sein (179th Airlift Wing Security Forces Squadron, Mansfield, Ohio, 2015) U.S. Department of Defense - Tech. Sgt. Joseph Harwood, U.S. Air National Guard

Im Zentrum steht nicht nur die Frage, ob Spaniens Grenzschützer unangemessen gegen die afrikanischen Flüchtlinge vorgegangen sind; wichtig ist auch, ob der Einsatz "Nicht letaler Waffen" oder "Nicht tödlicher Waffen" überhaupt gerechtfertigt war. Genau dazu zählen Tränengas, Schlagstöcke und Gummigeschosse.

Auch "Nicht tödliche Waffen" können tödlich sein, die Vorkommnisse von Ceuta sind nur eines von vielen Beispielen. Aus diesem Grund bevorzugen Polizei- und Militärtaktiker auch die Begriffe "Weniger tödliche Waffen" oder "Weniger tödliche Wirkmitteln" – wobei "weniger" in diesem Fall "seltener" meint. Die Wahrscheinlichkeit tödlicher Verletzungen sei statistisch geringer als beim Einsatz von Pistolen und Gewehren.

Futuristische Waffen

Die Palette "Nicht-" beziehungsweise "Seltener tödliche Wirkmittel" ist breit. Gummiknüppel, Wasserwerfer und Tränengas gehören dazu, aber auch Pfefferspray, infernalisch stinkende Chemikalien, klebrige Netze, Nebelwerfer, Infraschallkanonen, Wuchtgeschosse aus Gummi oder Steinsalz, Elektro-Taser, Blendgranaten, schnellhärtende Schäume, Laser- und Mikrowellengewehre, Elektromagnetische Impulse bis hin zu Narkosemitteln.

Non-Lethal Weapons Program (Foto: U.S. Department of Defense - Luis E. Velazquez, Marine Corps Systems Command)
Teilnehmer beim "Army Distributed Soldier Training", zum Test von nicht tödlichen Waffen in verschiedenen Szenarios U.S. Department of Defense - Luis E. Velazquez, Marine Corps Systems Command

Manche Ideen wirken futuristisch und scheinen aus den Waffenarsenalen von Star Wars zu stammen, andere werden seit Jahren erprobt und in einigen Ländern, den USA etwa, auch schon eingesetzt. Zum Beispiel Elektro-Taser, der Angreifern elektrische Schocks versetzt. Elektro-Taser sind Druckpistolen, die über zwei dünne Drähte 50.000 Volt in den Körper eines Angreifers leiten – mit umwerfender Wirkung.

Eine 100-prozentige Sicherheit gibt es nicht, die Wahrscheinlichkeit, dass Taser tödliche Verletzungen auslösen, sei aber geringer als beim Einsatz von Pistolen. Um die Elektroschocker weniger fehleranfällig zu machen, möchten manche Experten die Drähte durch eine Wolke elektrisch leitender Fasern ersetzen.

Keine Studien zu Tasern

Weil die Wolke sich nach dem Schuss ausbreitet, ergo Unbeteiligte treffen kann, kommen bei diesen Plasma-Tasern nur Schussentfernungen von maximal zehn Metern in Frage – also klassische polizeiliche Distanzen. Die Wirkung unterscheidet sich nicht von gängigen Drähte verschießenden Tasern. Wirklich einsatzreif ist dieses Verfahren allerdings noch nicht. Für die Frage, wie sicher Taser sind, sei ohnehin ihr Einsatzprofil wichtiger.

Non-Lethal Weapons Program (Foto: U.S. Department of Defense - Spc. Stephanie Ramirez)
Im Fort McCoy in Wisconsin werden beim Tasertraining für amerikanische und kanadische Soldaten Taser freiwillig am eigenen Körper eingesetzt, um den Effekt spürbar machen zu können U.S. Department of Defense - Spc. Stephanie Ramirez

Elektro-Taser dürfen in Deutschland ausschließlich Sondereinsatzkommandos nutzen, bei Streifenpolizisten wird niemand diesen Waffentyp sehen. Wie seine mittelfristige Zukunft aussieht, kann heute noch niemand sagen. Es fehlen belastbare und glaubhafte Studien.

Jürgen Altmann, Wissenschaftler am Institut für "Experimentelle Physik" der TU Dortmund, beschäftigt sich mit einer anderen "Nicht tödlichen Waffe": dem "Active Denial System" kurz ADS. Es ist ebenfalls eine Schusswaffe, die gegen Menschen eingesetzt wird, allerdings auf wesentlich größeren Distanzen und mit einer anderen Funktionsweise.

Verbrennung auf Distanz

Active-Denial-System-Waffen arbeiten mit Mikrowellen einer Frequenz von 95 Gigahertz, die mit einer Antenne auf Menschen in einer Entfernung von mehr als 500 Metern gerichtet werden. Die mit ADS abgegebene elektromagnetische Strahlung hat eine wesentlich höhere Energiedichte, diese Energie dringt aber nur einen halben Millimeter in die Haut ein und erzeugt dort unmittelbar empfindliche Schmerzen. All das klingt überzeugend, wer sich die Installationen genauer anschaut, bekommt aber erste Zweifel. ADS ist kein handliches Gewehr, sondern eine Kanone.

Non-Lethal Weapons Program (Foto: U.S. Department of Defense - Cpl. Krista James)
Im Camp Lejeune müssen die auszubildenden Soldaten einen Parkour unter vier Minuten schaffen, nachdem ihnen zu Beginn Pfefferspray in die Augen gesprüht wurde U.S. Department of Defense - Cpl. Krista James

Die hohe Strahlungsenergie erhitzt das Wasser der Haut binnen weniger Sekunden auf 55 Grad Celsius, was die angegriffene Person als Schmerzreiz registriert und so in die Flucht schlägt. Wenn man früh genug aufhört, gibt es keine Verbrennungen, sondern nur Hitzeschmerzen, aber das ist auch genau das Grundproblem dieses Systems.

Über weitere Risiken berichtete im September 2006 das Wissenschaftsmagazin "New Scientist". Hauswände, Wasseroberflächen aber auch bestimmte Böden können die Strahlen reflektieren und so deren Energiedichte verdoppeln. Gefährlich könnte aber auch schon sein, wenn die mit Mikrowellen beschossenen Personen schwitzen oder feuchte Kleidung tragen. Weder militärisch noch polizeilich seien ADS-Kanonen bisher genutzt worden.

Zerstörung der Elektronik

Geprüft werde, sie in den USA zum Schutz sensibler Bauwerke – Atomraftwerke, Ministerien und so weiter – einzusetzen. "Active-Denial-System" ist eine Waffe in der Warteschleife. Keineswegs in der Warteschleife befindet sich eine "Weniger tödliche Waffe", deren Funktionsprinzip eher zufällig entdeckt worden ist: Bei Atomwaffentests in den 50er-Jahren des letzten Jahrhunderts stellten amerikanische Militärs irritiert fest, dass die Straßenbeleuchtung ausfiel.

Non-Lethal Weapons Program (Foto: U.S. Department of Defense - Petty Officer 2nd Class Huey Younger                0       PACIFIC OCEAN - 160415-N-MD297-038 PACIF)
Das Long Range Akustik Device (LRAD), welches schmerzhaft laute Töne erzeugen kann, bei einer Übung im Einsatz U.S. Department of Defense - Petty Officer 2nd Class Huey Younger 0 PACIFIC OCEAN - 160415-N-MD297-038 PACIF

Statt mit todbringenden Geschossen Angreifer zu attackieren, müsste mit künstlich produzierter elektromagnetischer Strahlung nur die Elektronik von Autos und Panzern, Schiffen und Flugzeugen lahm gelegt werden – und schon wäre der "Kampf" beendet. Mittlerweile gibt es koffergroße Systeme, die nanosekundenkurze Mikrowellenpulse abschießen und deren Energie mit 300 Millionen bis zwei Milliarden Watt extrem hoch ist.

Koppelt sie sich in Chips und Leiterplatten ein, wird die Elektronik gestört, in der Regel sogar zerstört. Grundsätzlich unterscheiden Physiker zwei Wirkungen. Gepulste Strahlen erzeugen in den Schaltungen hohe Spannungen und Ströme, die letztlich der Elektronik den Garaus machen. Werden die Mikrowellen nicht als Impulse sondern als Dauerstrahlung abgegeben, erhitzen sich die Komponenten, bis sie teilweise schmelzen.

Wer trägt die Verantwortung?

Infernalischer Gestank, klebrige Netze, Infraschall als "Weniger letale Wirkmittel" sind Entwicklungen der 90er-Jahre des letzten Jahrhunderts. Zumindest beim Militär lässt sich seit einigen Jahren eine gewisse Abkühlung des Interesses an der Entwicklung "Nicht tödliche Waffen" beobachten.

Non-Lethal Weapons Program (Foto: U.S. Department of Defense - Luis E. Velazquez, Marine Corps Systems Command)
"The Simulator Assessment Working Group", eine Arbeitsgruppe zum Testen von nicht-tödlichen Waffen in Orlando, Florida U.S. Department of Defense - Luis E. Velazquez, Marine Corps Systems Command

Zu glauben, "Nicht letale Waffen" haben bei Polizei- und Militärplanern ausgedient, ist aber falsch. Längst arbeiten sie an neuen Konzepten. Zum Beispiel an dem "Polizisten der Zukunft", der durchaus noch Streife geht, ganz sicher auch mit Pistole und Schlagstock bewaffnet ist, vor allem aber eine Datenbrille trägt.

Am Strand El Tarajal von Ceuta an der Straße von Gibraltar spielen diese Diskussionen keine Rolle. Und doch sind die Ereignisse vom 6. Februar 2014 für den weiteren Einsatz "Weniger letaler Wirkmittel" von Bedeutung. 15 Flüchtlinge haben beim Fluchtversuch von Afrika nach Europa ihre Leben verloren. Verantwortung tragen dafür die Beamten der Guardia Civil. Mit Schlagstöcken und Gummigeschossen haben sie so lange die Flüchtlinge im kalten Mittelmeerwasser traktiert, bis sie ertranken.

Rechtsanwalt Carsten Gericke vermutet, dass schon die Vorstellung reicht, Schlagstöcke und Gummigeschosse seien keine lebensbedrohlichen Waffen, um sie tatsächlich bedenkenlos einzusetzen. Außerdem beschäftigt sich kaum jemand mit der Frage, wer am Verkauf "Nicht letaler Waffen" eigentlich verdient? Deutsche Rüstungsfirmen sind auf jeden Fall vertreten.

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