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Erdnüsse sind eigentlich keine Nüsse, sie zählen zu den Hülsenfrüchten

Ernährungsmedizin Neue Ansätze zur Vorbeugung von Erdnussallergien

Ungefähr jedes 50. Kind leidet in Industrieländern an einer Erdnussallergie. Die Zahl der Betroffenen steigt stetig, warnen Allergologen seit Jahren. Und rätseln über die Gründe. Fest steht, dass die Erdnuss-Unverträglichkeit zu den bedrohlichsten Allergieformen gehört, schon winzige Spuren können schwerste Beschwerden auslösen. Keine Erdnüsse in der frühkindlichen Ernährung – das war über Jahre die Empfehlung. Nun sorgt eine Studie aus Großbritannien langsam für ein Umdenken. Ernst-Ludwig v. Aster über alte Allergene und neue Erkenntnisse.

Dutzende Patienten warten auf dem langen Flur des Allergiezentrums. Auf dem Schreibtisch von Margitta Worm stapeln sich rote Patientenakten. Die Professorin leitet die Hochschulambulanz, ist spezialisiert auf Allergologie und Ernährungsmedizin. Der Schwerpunkt ihrer Arbeit im Allergiezentrum liegt darauf, dass sie sich um Patienten kümmert, die schwere allergische Reaktionen auf Nahrungsmittel haben.

Kinderbetreuung

Seit zehn Jahren protokollieren die Wissenschaftler bei Kindern in Industrieländern einen stetigen Anstieg der Erdnuss-Allergien

Rund drei Prozent der Bevölkerung reagieren heute allergisch auf bestimmte Nahrungsmittel. Tendenz leicht steigend. Bei Erwachsenen sind es häufig Birkenpollenallergiker, deren Immunsystem auch gegen Äpfel, Nüsse und Mandeln rebelliert, da dort ein ähnliches Eiweiß wie in den Birkenpollen enthalten ist. Auch die Empfindlichkeit gegenüber Erdnüssen hat in den letzten Jahren stetig zugenommen.

Seit zehn Jahren protokollieren die Wissenschaftler bei Kindern in Industrieländern einen stetigen Anstieg der Erdnuss-Allergien. Ob ein höherer Erdnussverzehr oder ein generell sensibleres Immunsystem der Auslöser sind, lässt sich bis heute nicht eindeutig klären.

Röstprozess steigert Allergenität

Es gibt Studien, die zum Beispiel zeigen, dass durch den Röstprozess die Allergenität gesteigert werden kann. Unter den Nahrungsmittel-Allergenen nimmt die Erdnuss eine Sonderstellung ein: Während die meisten Nahrungsmittel erst ab einer bestimmten Menge allergische Reaktion auslösen, können bei ihr schon Mikrogramm ausreichen, um lebensbedrohliche Symptome hervorzurufen.

Lebensmittel mit dem Wort Allergie davor

"Finger weg von Erdnuss-Produkten in der frühkindlichen Ernährung" war über Jahre die Empfehlung von Allergologen und Hausärzten

Hinzu kommt, dass eine Erdnuss-Allergie meist ein Leben lang bestehen bleibt, während andere Nahrungsmittelunverträglichkeiten bei Kindern sehr häufig bis zum sechsten Lebensjahr verschwinden. "Finger weg von Erdnuss-Produkten in der frühkindlichen Ernährung", das war dann auch über Jahre die Empfehlung von Allergologen und Hausärzten.

Schon lange wird unter Wissenschaftler diskutiert, ob eine Unterforderung des Immunsystems während der Schwangerschaft und im frühen Kindesalter, die Entwicklung von Nahrungsmittelallergien begünstigen könnte. Nun liefert eine Studie aus Großbritannien erstmals Beleg für diese Annahme. Darin zeigt sich, es gibt einen Zeitabschnitt nach der Geburt, der geeignet ist für den Kontakt mit Umweltstoffen, mit Allergenen, wo das Immunsystem eher dazu neigt tolerant zu reagieren.

Test mit Snacks

Mehrere hundert Kinder nahmen an der Untersuchung teil, sie wurden fünf Jahre lang von Allergologen betreut und beobachtet. Zu Beginn der Studie waren die kleinen Probanden jünger als ein Jahr, alle litten an einem schweren Ekzem oder vertrugen kein Hühnereiweiß. Damit hatten sie ein hohes Risiko eine Erdnussallergie zu entwickeln.

Allergietest

Derzeit beraten etliche Fachgesellschaften über neue Empfehlungen für die frühkindliche Ernährung

Die eine Gruppe bekam einmal dreimal pro Woche einen Erdnuss-Snack, umgerechnet 6 Gramm Erdnussprotein, die andere Gruppe ernährte sich erdnussfrei. Nach fünf Jahren wurde bei beiden Gruppen das allergene Potential bestimmt: Die Unterschiede waren extrem, die Teilnehmer der zweiten Gruppe hatten wesentlich häufiger eine Erdnussallergie entwickelt als jene Kinder, welche den Erdnuss-Snack früh bekommen hatten.

In der Gruppe, die Erdnussprodukte gemieden hatte, entwickelten knapp vierzehn Prozent der Teilnehmer eine Allergie. Bei der Erdnuss-Gruppe dagegen waren es nur 1,9 Prozent. Ein eindeutiges Ergebnis. Doch noch lassen sich die Studienresultate nicht direkt in die Praxis umsetzen. Derzeit beraten etliche Fachgesellschaften über neue Empfehlungen für die frühkindliche Ernährung.

Während Wissenschaftler weiter daran arbeiten, das notwendige Zeitfenster genauer einzugrenzen, weiß Margitta Worm, dass vor allem Eltern diese Nachrichten begierig aufnehmen werden. Doch sie mahnt zur Zurückhaltung. Noch gibt es keinerlei Empfehlungen, wie die Studienergebnisse in die Praxis umgesetzt werden können.

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