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Auf einem Smartphone sind verschiedene Apps zu sehen. Unter anderen Twitter und facebook.

Digitale Plattformen Neue Mündlichkeit

Facebook, Twitter, WhatsApp – dank des Internets und der sozialen Medien schreiben wir heute mehr, als jemals zuvor in der Geschichte der Menschheit. Trotzdem sagt die Medienwissenschaftlerin Sabria David: Das Internet sorgt für eine Reoralisierung - sprich neue Mündlichkeit - unserer Gesellschaft. In Verbindung mit der herkömmlichen Schriftkultur entsteht etwas Neues.

Schmeißen wir bald wieder alle Bücher und das Alphabet über Bord und kommunizieren rein mündlich?

Wenn sich die Menschen früher Geschichten erzählten, dann haben sie das meistens am Feuer getan. Egal ob Ofen, Küchenherd oder Lagerfeuer. Hier wurden die neuesten Nachrichten verbreitet und die alten Märchen und Sagen erzählt.

In der Regel gab es einen Erzähler, aber jeder Hörer und jede Hörerin hatte an der Geschichte Teil und gab neuen Stoff dazu. Die Märchen entstanden ohne Autoren.

Gebrüder Grimm und die Kulturwende

Als die Gebrüder Grimm am Anfang des 19. Jahrhunderts anfingen, die deutschen Volksmärchen in einem Buch zusammenzutragen, schrieben sie in ihrem Vorwort:

"Es war vielleicht gerade Zeit diese Märchen festzuhalten, da diejenigen, die sie bewahren sollen, immer weniger werden."

Der Siegeszug des Buchdrucks und der Schriftlichkeit hatte nach und nach die alten mündlichen Traditionen verdrängt.

Screenshot der Twitterseite von Naina

Viel hat sich verändert seit den Gebrüdern Grimm. Wir alle erzählen uns eine ganze Menge über E-Mail, Facebook, Twitter und Co.

Und der Erfolg war ja auch kein Wunder: In gedruckter Form ließen sich Informationen und Geschichten über weite Räume verbreiten, wohingegen mündliches Erzählen nur im engsten Personenkreis stattfinden konnte. Das statische Werk des Einzelnen verdrängte die kollaborativ entstandenen Geschichten der Mündlichkeit.

200 Jahre später

Viel hat sich verändert seit den Gebrüdern Grimm. Wir alle erzählen uns eine ganze Menge über E-Mail, Facebook, Twitter und Co. Dank des Internets schreiben wir so viel wie nie zuvor in der Geschichte der Menschheit.

Und trotzdem sagt die Medienwissenschaftlerin Sabria David: Das Internet sorgt für eine Reoralisierung der Gesellschaft, für eine Rückkehr zur Mündlichkeit. Was genau meint sie damit?

Eine Frau schreibt mir ihrem Handy Nachrichten

Wirklich voran getrieben wird die Reoralisierung allerdings dort, wo durchgehend umgangssprachlich geschrieben wird: in den sozialen Netzwerken.

Sie sagt, dass sich Elemente der eigentlich mündlichen Tradition mit der Schriftkultur vermischen und eine neue Art entsteht. Eine neue Art der Schriftlichkeit. Eine Schriftkultur, die aber nach den Regeln der Mündlichkeit funktioniert.

Mündliche Schriftformate

Die E-Mail ist für David die Schnittfläche alter Schriftlichkeit und neuer Mündlichkeit. Sie kann sowohl in der schriftlichen Art klassischer Briefe geschrieben sein, als auch in der Umgangssprache der mündlichen Unterhaltung.

Wirklich voran getrieben wird die Reoralisierung allerdings dort, wo durchgehend umgangssprachlich geschrieben wird: in den sozialen Netzwerken. Laut David zeigt sich die Reoralisierung zum Beispiel am Erfolg von quasi mündlichen Schriftformaten: Twitter, WhatsApp – das ist schriftliche Kommunikation auf Gesprächsbasis.

Twitter

David wünscht sich die Schaffung eines "digitalen Salons", in dem Menschen grenzübergreifend zu den wichtigen Themen unserer Zeit diskutieren – ganz im Stil der klassischen Debattier-Salons der Aufklärung

Die Reoralisierung beeinflusst aber nicht nur unsere Alltagskommunikation, sondern auch die Urheberkultur. Im Internetzeitalter ist es nicht mehr zwangsläufig der einzelne Autor oder die einzelne Autorin, der oder die schreibt, sondern die Gemeinschaft.

Das "Gruppenmärchen" Wikipedia

Wikipedia zum Beispiel ist ein offenes Werk, das nicht von einer Person, sondern von der Community geschrieben wird. Ähnlich wie die alten Volksmärchen ist es ein nie abgeschlossenes Projekt, sondern in ständiger Veränderung und Fortsetzung.

Ein weiteres Beispiel für diese Entwicklung im stetigen Fluss sind Open-Source-Programme, die ebenfalls von der Gemeinschaft je nach aktuellen Bedürfnissen ihrer Benutzer und Benutzerinnen verändert und weiterentwickelt werden. Für manche mag eine Rückkehr der Mündlichkeit nach Rückschritt und Verfall klingen.

WhatsApp-Kommunikation

Twitter, WhatsApp – das ist schriftliche Kommunikation auf Gesprächsbasis

Doch für David geht es hier eine qualitative Stufe weiter. So wie auch der Buchdruck kulturhistorische Bedeutung hat. Gleichzeitig baut alles aufeinander auf. Bleibt die Frage: Wie gehen wir als Gesellschaft mit dieser Erkenntnis um? Welche Forderungen lassen sich aus ihr formulieren?
Die Freiräume im Netz für eine solche Art der Zusammenarbeit müssen in Davids Augen ausgebaut werden.

Digitale Salons

Sie wünscht sich die Schaffung eines "digitalen Salons", in dem Menschen grenzübergreifend zu den wichtigen Themen unserer Zeit diskutieren – ganz im Stil der klassischen Debattier-Salons der Aufklärung.

So etwas stellt natürlich große Herausforderungen an den mündigen Internetnutzer und -nutzerinnen. Und an die Schulen, die sie erziehen: Wie bereiten wir die Schüler auf die digitale Gesellschaft vor? Das ist die entscheidende Frage für die kommenden Jahre.

Ein Tweet von Alexander Gerst aus dem Weltall

Die sozialen Medien sorgen derzeit für die größten medialen Umwälzungen seit der Erfindung des Buchdrucks

Die reoralisierte Gesellschaft befindet sich noch in der Entwicklung und die Menschen müssen sich erst einmal in ihrer neuen Rolle als digitale Bürger und Bürgerinnen zurechtfinden. Das wird nicht ohne Reibungseffekte gehen.

An der Grenze des Wandels

Schon in den 60er Jahren des vergangenen Jahrhunderts sagte der amerikanische Medienwissenschaftler Marshall McLuhan im Hinblick auf die Entstehung einer neuen Kommunikationskultur:

"Genau im Fadenkreuz zu leben, genau an der Grenze des Wandels zu leben, ist angsteinflößend."

Die sozialen Medien sorgen derzeit für die größten medialen Umwälzungen seit der Erfindung des Buchdrucks. Eine Folge dieser Entwicklung könnte die Reoralisierung unserer Gesellschaft sein.

So schnell schreiben wie man spricht

Die Folgen wären tiefgreifend: Wir schreiben zunehmend so ungefiltert und schnell, wie wir sprechen. Und im Sinne der traditionellen Mündlichkeit wären wir alle nicht mehr nur passive Zuhörer und Zuhörerinnen, sondern würden uns effektiv an den Geschichten beteiligen, die uns erzählt werden.

Egal, ob es Geschichten über Politik, Wissenschaft oder moderne Märchen sind. Reoralisierung, das bedeutet eine Demokratisierung der Gesellschaft und unserer Erzählkultur. Es bedeutet auch, dass sich unsere Geschichten und damit unsere Gesellschaft in einem dauerhaft weiterentwickelnden Prozess befinden.

Es bleibt spannend, ob wir am Ende tatsächlich zu den mündigen digitalen Bürgern und Bürgerinnen werden, die es eigentlich benötigt, damit die Anforderungen einer reoralisierten Gesellschaft uns nicht überfordern.
Wenn es klappt, dann versammeln wir uns aber hoffentlich bald alle am großen digitalen Feuer, um gemeinsam Geschichten zu hören und neue zu erzählen.

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