Fukushima Neue Höchstwerte im Unglücksreaktor

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Vor fast sechs Jahren verursachte ein Tsunami einen der größten Reaktorunfälle im beim Atomkraftwerk Fukushima in Japan. Anfang Februar wurden im havarierten Kraftwerk Strahlungen so hoch wie seit der Katastrophe nicht mehr gemessen. SWR Korrespondent Jürgen Hanefeld in Tokyo zum aktuellen Stand.

Herr Hanefeld, warum ist die Strahlung ausgerechnet jetzt so hoch?

Das stimmt so und es stimmt auch nicht. Ganz einfach: es gibt unterschiedliche Punkte auf diesem Gelände, das sehr groß und unübersichtlich ist. An diesem Punkt, der jetzt 530 Sievert, ein paar Tage später sogar 650 Sievert pro Stunde gebracht hat, wurde bisher noch nicht gemessen. Und das ist das große Problem, auch in der Umgebung. An sogenannten „Hotspots“, geht die Strahlung weit über das Normalmaß hinaus und zehn Meter weiter kann es sein, dass die Strahlung wieder unten ist. Wenn man dort natürlich leben will oder arbeiten soll, dann geht das natürlich nicht.

Grad der Verstrahlung rund um das Kernkraftwerk Fukushima (Foto: Fukushima Informationsportal -)
Strahlenwerte der Region rund um das Atomkraftwerk Fukushima Informationsportal -

Um Gotteswillen, leben da noch Menschen? Ich dachte, es gibt eine Sperrzone?

Es gibt eine Sperrzone, die wird aber immer kleiner, da die Regierung keine Lust hat, auf Dauer alles zu bezahlen. Die Dörfer in der eigentlichen Kernsperrzone rund um das Kraftwerk sind noch nicht bewohnbar, ein weiteres Dorf gibt es aber, in das die Leute hingehen können – aber dahin will keiner. Die Regierung möchte das Thema allerdings möglichst schnell buchstäblich "begraben". Bis 2020, da sind Olympische Spiele in Japan, soll das Thema wirklich vergessen sein, nur die Fakten sprechen dagegen.

Wie zum Beispiel diese Messwerte. Sie haben gerade gesagt, 650 Sievert Spitzenwert pro Stunde, ist das viel?

Das ist unglaublich viel, da waren selbst die Fachleute total schockiert, sowas hatte man nie vorher gemessen. Das höchste was man gemessen hatte, waren 73 Sievert. Ich muss darauf hinweisen, Sievert sind 1000 Millisievert, das heißt wir reden hier von 650.000 Millisievert pro Stunde – bei sechs Sievert fällt ein Mensch sofort um. Es handelt sich hier also um das 100-Fache von dem, was ein Mensch überhaupt ertragen kann. Das gibt einem eine Vorstellung davon, was da los ist: Diese Reaktoren sind bis auf Jahrzehnte nicht einmal zu öffnen, weil die Strahlung viel zu hoch ist.  

Sind denn bei solchen Strahlungen irgendwelche Aufräumarbeiten oder der Abbau des havarierten Reaktors überhaupt möglich?

Noch nicht, es hat ja auch noch gar nicht begonnen. Tepco, diese Betreiberfirma lügt den Menschen und sich selbst in die Tasche. Tatsächlich wird dort „aufgeräumt“ und bei meinem Besuch vor einem Jahr war zwar schon alles manierlich, aber die Grundprobleme sind noch überhaupt nicht gelöst. Weiterhin fließt kontaminiertes Wasser durch das Kraftwerk und dieses Wasser wird notdürftig in riesigen Strahltanks aufgefangen und davon werden es immer mehr, da man die auch nicht ins Meer kippen kann. Das Wasser muss vorher gereinigt werden und dieser Reinigungsprozess geht viel zu langsam, das heißt, es kommt immer mehr Wasser rein als man raus lassen kann. Über 1000 riesige Tanks stehen inzwischen auf dem Gelände und das ist ja im Grunde nur ein Begleitproblem. Das eigentliche Problem ist nämlich, wohin mit diesem total verstrahltem Kraftwerk und den Brennstäben, die man nach sechs Jahren noch gar nicht gefunden hat, da weiß man noch überhaupt nicht, was man da macht.

Reaktorkatastrophe, Fukushima, 2011 (Foto: SWR, picture-alliance - air-photo service)
Blick auf einen schwer beschädigten Reaktor des havarierten Atomkraftwerks Fukushima (Archivfoto vom 30.03.2011). picture-alliance - air-photo service

Das klingt danach, als wäre die Gegend rund um Fukushima auf Jahre hinweg unbewohnbar. Wo sollen denn laut Regierung die ehemaligen Bewohner der Region untergebracht werden?

Naja, die Regierung sagt: „kommt zurück, es wird alles besser“. Das stimmt auch, in manchen Gegenden ist es besser geworden, dort wo eben dekontaminiert wurde, Häuser zum Beispiel gesäubert wurden. Die Leute wollen aber nicht zurück in diese Häuser, selbst wenn es ihre eigenen sind, weil zwischen den Häusern, im Wald dahinter oder auch auf dem Parkplatz davor noch nicht gesäubert wurde. Oder wollen Sie in einem Haus leben, möglicherweise mit Kindern, das umgeben ist von Strahlung, auch wenn in Ihrem Haus keine große Strahlung mehr ist? Viele aktive junge Familien haben sich natürlich längst woanders in Japan Arbeit gesucht und diese Familien kommen nicht zurück, auch wenn es die Regierung unbedingt will.

Die einzigen die dort noch leben, sind alte Leute und die haben sogar ein gutes Argument für sich: die Strahlung sammelt sich im Körper an. Je älter sie sind, desto weniger groß ist die Chance, dass sie von der Strahlenkrankheit, also Krebs, erwischt werden. Wenn Sie nämlich schon 70 oder 80 Jahre alt sind, ist das Risiko, dass der Krebs in zehn oder 20 Jahren ausbricht nicht so schlimm, sag ich mal. Bei Kinder oder Personen zwischen 30 und 40 Jahren sammelt sich das aber eben auch im Körper an und die können dann eben in wenigen Jahren schon Krebs entwickeln. Deswegen wollen vor allem die jüngeren Leute nicht zurück. Und das wirklich menschliche Drama dabei ist, dass viele Japaner im ländlichen Bereich – wir sind hier auf dem Land in Japan – Bauern sind. Diese Bauernfamilien haben immer mit drei- oder vier Generationen unter einem Dach gelebt, Fukushima hat diese Familien total zerrissen.

Welche Rückschlüsse hat denn die japanische Regierung in Sachen Atompolitik aus dieser Lage gezogen, soweit ich das hier verfolgt habe, will man bei der Atompolitik bleiben, richtig?

Unbedingt. Die Regierung behauptet, Fukushima war ein tragischer Unfall, das sei aber kein Argument gegen die Kernkraft als Technologie. Und mit diesem Argument will die Regierung wieder Kernkraftwerke betreiben. Ursprünglich waren 54 Meiler am Netz, die wurden nach Fukushima aber alle abgeschaltet und auch weiter überprüft. Bisher, also fast sechs Jahre nach dem Unfall, laufen von diesen 54 Kernkraftwerken genau zwei. Vor allem die lokale Bevölkerung ist strikt dagegen, denn keiner will Fukushima vor der Nase haben. Die Regierung zieht also an einem Strick der eigentlich zu kurz ist. In zehn Jahren wollen sie schon wieder 22 Kraftwerke am Netz haben, in diesem Tempo wird das aber ganz gewiss nichts werden.

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