Ein Mann schaut deprimiert aus dem Fenster (Foto: Getty Images, Thinkstock -)

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Elektrode im Lustzentrum – Neue Hilfen bei bisher unbehandelbaren Depressionen

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Bei schwer therapiebaren Depressionen wird heute auf tiefe Hirnstimulation, Magnetkrampftherapie und das Betäubungsmittel Ketamin gesetzt.

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Nicht alle Depressionen lassen sich mit Antidepressiva und Psychotherapie behandeln. Bei diesen schwierigen Fällen von Depressionen werden andere Behandlungsansätze und Medikamente getestet:

  • Das Betäubungs- und Rauschmittel Ketamin. Ketamin lindert Depressionen sehr schnell. In einer oder zwei Stunden. Das ist ein großer Vorteil gegenüber den herkömmlichen Antidepressiva. Die müssen Patienten und Patientinnen Wochen lang einnehmen, bevor sich ihre Stimmung bessert. Die Wirkung hält etwa eine Woche an.
  • Die Magnetkrampftherapie. Sie ist eine Weiterentwicklung der Elektrokrampftherapie ("Elektroschock"), bringt aber vor allem für das Gedächtnis wesentlich weniger Probleme mit sich. Aber etwa die Hälfte der Betroffenen versinkt nach einem halben Jahr wieder in Depressionen.
  • Die tiefe Hirnstimulation. Dabei wird dem Patienten dauerhaft eine Elektrode ins Gehirn implantiert. Sie stimuliert das sogenannte Lustzentrum und macht es möglich, wieder Freude zu empfinden. Mit dieser Therapie können Patientinnen und Patienten auf längere Sicht depressionsfrei bleiben.
Schrittmacher fürs Gehirn: hierbei werden zwei Elektroden ins Gehirn eingesetzt - eine Fernsteuerung für die Psyche. (Foto: SWR, SWR - Pressestelle/Fotoredaktion)
Das mediale Vorderhirnbündel gehört zum Belohnungssystem des Gehirns, auch Lustzentrum genannt SWR - Pressestelle/Fotoredaktion

Die tiefe Hirnstimulation

arbeitet mit Elektroden, die in das Vorderhirnbündel implantiert werden. Das Vorderhirnbündel ist ein Nervenstrang, der tief im Gehirn beginnt und in die Region hinter der Stirn führt. Es gehört zum Belohnungssystem des Gehirns, auch Lustzentrum genannt. Genau das wird durch die Elektroden stimuliert.

In der Folge leben die Patientinnen und Patienten regelrecht auf. Sie beginnen sich für ihre Umgebung zu interessieren. Doch viele erleben oft erst einmal Nebenwirkungen, etwa Bewegungsstörungen oder Angstzustände. Sie verschwinden, wenn die Stromstärke stimmt. Vielen geht es dann dank der Stimulation besser.

Collage aus einem Gehirn und einem Blitz (Foto: SWR, SWR - Petra)
Durch den epileptischen Anfall werden bestimmte Stoffwechselprodukte ausgeschüttet und Stoffwechselprozesse angestoßen SWR - Petra

Die Magnetkrampftherapie

hat sich aus der Elektrokrampftherapie entwickelt. Bei der Elektrokrampftherapie wird durch den Strom ein epileptischer Anfall ausgelöst. Er führt zur Ausschüttung bestimmter Stoffwechselprodukte und stößt Stoffwechsel an, die antidepressiv wirken. Die Therapie sorgt ähnlich wie Antidepressiva dafür, dass das Gehirn über mehr Nervenbotenstoffe verfügt. Und sie regt die Bildung neuer Nervenzellen und Verbindungen im Hirn an.

Bei der Magnetkrampftherapie werden Elektromagnete links und rechts an den Kopf gehalten und erzeugen ein sehr starkes Magnetfeld. Dadurch fließen im Gehirn elektrische Ströme, die einen Krampfanfall auslösen - genau wie bei der Elektrokrampftherapie. Die Ströme verschonen aber den Hippocampus. Er ist wichtig für das Gedächtnis. Deshalb sind die meisten Patientinnen und Patienten gleich wieder geistig voll da.

Die Magnetkrampftherapie wirkt genauso gut wie die EKT, die Elektrokrampftherapie. Sie lindert die Depressionen bei zwei Dritteln der Betroffenen, bei der Hälfte sind sie sogar ganz weg. Doch die Hälfte der erfolgreich Behandelten versinkt nach einem halben Jahr wieder in Depressionen.

Eine aufgezogene Spritze (Foto: SWR, Foto: Colourbox.de - colourbox)
Eine Drogenspritze (Symbolbild) Foto: Colourbox.de - colourbox

Das Narkosemittel Ketamin

An dem Einsatz des halluzinogenen Betäubungsmittels Ketamin wird noch geforscht. Ketamin wird auch als Rauschdroge bezeichnet. Es beeinflusst den Wirkmechanismus der Glutaminsäure, das ist der wichtigste erregende Neurotransmitter im Zentralnervensystem. Bisher wird es vor allem zur Akutbehandlung therapieresistenter und suizidgefährdeter Depressiver eingesetzt. Dabei wird es intravenös verabreicht. Seine antidepressive Wirkung hält allerdings gerade mal eine Woche an. Jetzt erforschen Wissenschaftler. ob sich auch längerfristig für die Behandlung von schwierigen Depressionen eignet. Dann könnte es im Nasenspray verabreicht werden.

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