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Neandertaler Der hochspezialisierte Mensch

Gespräch mit dem Tübinger Forscher Alfred Czarnetzki

Säße er neben Ihnen in der Straßenbahn, fiele er Ihnen wahrscheinlich gar nicht weiter auf: der Neandertaler. Dass der kein Keulen schwingender Primitivling war, ist bekannt. Doch wie hat er gelebt, warum starb er aus? 1856 wurde der erste Neandertaler im Neandertal nahe Düsseldorf entdeckt.

Nachbildung eines älteren Neandertalers

Nachbildung eines älteren Neandertalers

Die Überreste von ein paar hundert Neandertalern haben Forscher weltweit identifiziert, mehr nicht. Aber sie können daraus faszinierende Schlüsse ziehen. Zum Beispiel, dass der Neandertaler uns heutigen Menschen in manchen Dingen haushoch überlegen war:

"Er konnte am Geräusch erkennen, ob eine Ricke oder ein Bock durch das Gebüsch ging", erzählt der Tübinger Anthropologe Dr. Alfred Czarnetzki. "Er konnte das Rauschen des Windes in einer Tanne von dem in einer Kiefer unterscheiden. Der Neandertaler war zu einer sehr feinen Differenzierung der Klänge fähig." Das Hirnareal, mit dem Neandertaler Geräusche wahrnahmen, war nämlich viel größer dimensioniert als bei uns heutigen Menschen.

Ausgezeichnet: Augen und Gehör

Alfred Czarnetzki zeigt Neandertaler-Knochen

Alfred Czarnetzki zeigt Neandertaler-Knochen.

"Der Neandertaler konnte in der Dämmerung wesentlich besser sehen als wir", sagt der erfahrene Anthropologe, der die Skelettreste vieler Neandertaler untersucht hat. "Er hatte sehr große Augäpfel. Dadurch nahm die Augenhinterwand viel mehr Licht auf, als das bei uns heute der Fall ist. Auch der Teil des Gehirns, der das Gesehene verarbeitet, war beim Neandertaler größer". Sein Ortsgedächtnis und seine Farberkennung waren exzellent, der Neandertaler konnte mühelos wieder erkennen, was er einmal gesehen hatte.

Als Opernsänger keine Chance

Doch vieles wäre dem Neandertaler nicht so gut gelungen: Eine Wagner-Arie, beispielsweise, hätte er nicht singen können. Nicht etwa, weil er zu dumm dafür gewesen wäre. Die Anatomie ist schuld, erzählt Alfred Czarnetzki: "Um so etwas singen zu können, muss man den Luftstrom direkt hinter die Zähne bringen können, und dafür war der Gaumen des Neandertalers zu lang. Eine differenzierte Sprache war überhaupt kein Problem für ihn. Aber so fein nuancieren wie wir, das konnte er noch nicht."

Leben in Extremen

Der Neandertaler lebte als Jäger und Sammler. 270.000 Jahre lang besiedelte er ein Gebiet, das von Syrien bis in die Gegend von Hannover und vom Kaukasus bis zum Atlantik reichte.

Seit zwei Millionen Jahren wechseln sich auf der Erde Warm- und Kaltzeiten ständig ab. Die Eiszeiten dauern mit rund 100.000 Jahren etwa zehnmal so lange wie eine Warmzeit. Die Wärmeperiode, in der wir leben, begann etwa um 10.000 v. Chr. Auf sie folgt wahrscheinlich die nächste Eiszeit.

Als mächtige Eispanzer die Hochgebirge vergletscherten, wanderte er nach Süden und jagte Mammut und Wisent. In den Wärmeperioden sammelte er Früchte, Beeren und Kräuter und jagte das Nashorn oder den Höhlenbären. Die Großwildjäger, die in kleineren Gruppen das Land durchstreiften, waren an ein feuchtwarmes Klima angepasst.

Menschlichkeit und Solidarität

Neandertaler beerdigten ihre Toten, und sie kümmerten sich um Kranke und Verletzte. Alfred Czarnetzki: "Der Neandertaler aus dem Neandertal konnte seinen Ellbogen nicht mehr vollständig beugen und deswegen bestimmte Arbeiten nicht mehr ausführen. Er erreichte trotzdem ein hohes Alter. Ein zweiter Fund stammt aus Shanidar im Nordirak. Dieser Mensch war schwerstens behindert. Trotzdem wurde er von der Gemeinschaft ernährt." In Shanidar gaben die Neandertaler einem Toten Heilpflanzen mit ins Grab. Ob sie das wegen der Farbe der Blüten taten oder aus magisch-rituellen Gründen, werden wir allerdings nie erfahren.

Neandertaler und Homo sapiens

Vor 40.000 Jahren wanderte der anatomisch moderne Mensch alias Homo sapiens, unser Vorfahr, in das Gebiet des Neandertalers ein, und beide Menschenformen lebten dort über 10.000 Jahre gleichzeitig. Dann starb der Neandertaler aus. Doch warum, wo er doch so ausgezeichnet an seine Umwelt angepasst war?

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