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Mädchen riecht an gelbem Hibiskus

Immer der Nase nach Eine Rundreise durch die Welt des Riechens

Düfte und Gerüche wirken nebensächlich und flüchtig, doch sie spielen für den Menschen eine wichtige Rolle. Angenehme Düfte locken, Gestank schreckt ab. So überleben wir, indem wir Gifte oder verdorbene Nahrungsmittel meiden. Und das ist längst nicht alles. An manchen Gerüchen lassen sich sogar Krankheiten erkennen - oder der richtige Partner?

Die Nase schläft nie

Ob wir wollen oder nicht, unser Riechorgan ist immer aktiv - vergleichbar mit dem Gehör, das sich auch nicht „abschalten“ lässt - und verarbeitet unentwegt Gerüche: Sei es nun das Parfum der Dame neben uns im Theater oder der Benzingestank an einer Tankstelle. Überall gibt es was zu riechen.

Professor Hanns Hatt schnüffelt an Fläschchen mit Maiglöckchenduft.

Professor Hanns Hatt von der Ruhr-Universität Bochum ist Spezialist in Sachen Riechen.

„Duftmoleküle, die schwirren wie Staub in der Luft herum. Es gibt keinen duftfreien Raum. Wo wir gehen und stehen, im Schlafzimmer oder in der freien Natur, gibt es Duftmoleküle. Von der Erde, von den Möbeln, von uns selber natürlich, wir geben ja ständig Düfte ab.“, sagt Hans Hatt, Deutschlands bekanntester Riechforscher. Er kennt sich bestens aus damit, wie der dritte unserer Sinne funktioniert: nämlich mit so genannten Riechzellen.


Das Gehirn ruht nie

Im Riechzentrum des Gehirns werden Gerüche blitzschnell analysiert.

Rund 30 Millionen davon sitzen in der obersten Etage der menschlichen Nase. Sie wandeln die chemischen Informationen eines Duftmoleküls in einen elektrischen Reiz um. Dieser Reiz gelangt über eine Nervenfaser in unser Riechhirn – also den Teil des Gehirns, der für den Geruch zuständig ist. In diesem Riechzentrum werden die Geruchs-Informationen rasend schnell analysiert und über zwei Kabelstränge im Gehirn weiterverteilt. Der eine führt in das Gedächtnis- und Erinnerungszentrum des Menschen - Hippocampus genannt. Der andere Kabelstrang leitet die Informationen direkt in das Limbische System, das Gefühlszentrum, das zugleich auch für die menschlichen Triebe wie Hunger und Sex zuständig ist.

So sind Emotionen, Triebe, aber auch Erinnerung und Gedächtnis direkt und unmittelbar mit Düften verbunden und von ihnen beeinflusst - einer der Gründe, warum wir uns mit Düften so wunderbar zurückerinnern können oder warum wir uns plötzlich schlecht oder gut fühlen, wenn wir etwas Bestimmtes riechen.

Abgas-Gestank oder Großstadt-Duft?

Opa und Enkelin halten sich die Nase zu

Was gut riecht und was stinkt, ist ansozialisiert.

Welche Düfte wir mögen und welche nicht, beruht auf Sozialisation und persönlicher Erfahrung. Wer vor 50 Jahren im Ruhrgebiet aufgewachsen ist, für den sind die schwefeligen Gerüche der Stahlindustrie normal, vielleicht sogar angenehm. Wer nur die saubere Luft des Schwarzwaldes kennt, ekelt sich. Die „olfaktorische Prägung“ beginnt schon im Mutterleib, sagt Professor Hans Hatt:

„Embryonen ab der 26., 27. Schwangerschaftswoche riechen mit der Mutter mit. Und sie riechen nicht nur mit, sondern sie können sogar die Bewertung der Mutter mit im Gedächtnis ablagern. Wenn das Kind auf die Welt kommt, hat es schon Vorlieben für bestimmt Düfte von der Mutter erlernt. Der Mutterleib ist quasi das erste olfaktorische Klassenzimmer.“

Neugeborene finden riechend zur Mutter, vor allem zur Mutterbrust. Augen und Gehör funktionieren nach der Geburt nur rudimentär, der Geruchssinn ist hingegen perfekt. Umso erstaunlicher ist es, dass viele Menschen den Geruchssinn als gar nicht so wichtig empfinden. Dabei führen Körperdüfte sogar die richtigen Partner zusammen.

Liebe geht durch die Nase

Biologie-Professorin Gabriele Gerlach von der Universität Oldenburg beschäftigt sich seit vielen Jahren mit der Partnersuche per Nase:

„Wenn man klein ist, dann mag man die eigene Familie - und den eigenen Familiengeruch. Aber wenn man älter wird und sexuell aktiv, dann mag man ihn nicht mehr. Das Geruchsempfinden ist gleich, aber die Reaktion ist anders. Da spielt natürlich die Partnerwahl eine Rolle, dass man Inzucht vermeiden will und einen Geruch wählt, der sich von dem der eigenen Familie unterscheidet.“

Junges, nacktes Paar umarmt sich zärtlich

Wer sich liebt, kann sich gut riechen. Der Geruch verrät, welche Paare genetisch gut zusammenpassen.

Attraktiv ist der Geruch, wenn das gemeinsame Immun-Genmuster mit hoher Wahrscheinlichkeit gesunde Nachkommen erwarten lässt. Unattraktiv, wenn sich die Genmuster ähneln, gemeinsame Kinder also wahrscheinlich krank zur Welt kommen würden.

Wie gut Frauen sich den genetisch passenden Partner erschnüffeln können, zeigte schon 1995 ein Test mit 30 Schweizer Studentinnen. Sie sollten an den getragenen T-Shirts männlicher Kommilitonen schnuppern und entscheiden, welchen Geruch sie sexy finden und welchen nicht. Mit traumwandlerischer Sicherheit entschieden sie sich für die T-Shirts von Studenten, deren Gen-Konstellation für sie optimal war. Es ist also tatsächlich so, dass auf jeden Topf ein Deckel passt! Und mit äußerer Attraktivität hat all das nichts zu tun.

Fieber stinkt ein bisschen

Körpergerüche verraten viel über Menschen. Zum Beispiel, ob sie gesund sind oder krank. Am Karolinska-Institut in Stockholm wurden Probanden die verschwitzten T-Shirts Kranker und Gesunder vorgelegt. Das Ergebnis des Schnüffel-Tests: Der Geruch „kranker“ T-Shirts wurde als intensiver und unangenehmer bewertet und auch als weniger gesund.

Mädchen liegt mit Fieber im Bett

Eltern erkennen manchmal schon am Geruch, ob ihr Kind krank ist.

Stephanie Juran, eine deutsche Psychologin, die am Stockholmer Karolinska-Institut arbeitet, erklärt warum:

„Man vermutet, dass Zytokine -, eine Gruppe von immunaktiven Substanzen, die sehr schnell beim Eintreten einer Entzündung oder einer Erkrankung aktiv werden - dazu beitragen, dass sich der Körpergeruch verändert.“

Die Wissenschaftlerin vermutet auch, dass der Geruch kranker Menschen das Immunsystem Gesunder aktiviert, weil er vor einer möglichen Infektion warnt. Letzte Testreihen stehen aber noch aus.

Duft als Corporate-Identity

Frau hält brennende Räucherstäbchen in ihren Händen

Düfte beeinflussen und werden deshalb gezielt eingesetzt: zum Beispiel als Opfergabe für die Götter. 

Düfte sind Kommunikationsmedien, die nicht nur Informationen weiterleiten, sondern auch biochemische Reaktionen auslösen. Aroma-Therapeuten arbeiten mit diesem Phänomen, aber auch Priester, die während der Messe Weihrauch verbrennen. Und mittlerweile auch Werbe-Strategen. Robert Müller-Grünow, Geschäftsführer der Kölner Firma „Scentcommunication“ – zu deutsch „Duftkommunikation“ – zählt zu den großen Duftproduzenten Deutschlands. Autohäuser und Banken beduftet er, aber auch Universitäten und Museen. Müller-Grünow kreiert Corporate-Identity-Düfte: Orte und Marken sollen schon am Geruch wiedererkennbar sein. Zu welcher Duftnote rät er zum Beispiel einer Bank?

„Vertrauen, Transparenz, Ehrlichkeit, solche Dinge, die kann man versuchen, in Düfte zu übersetzen. Transparenz könnte man wahrscheinlich relativ einfach übersetzen, indem man bestimmte Luftnoten nimmt, die nach frischer Luft riechen.“

Bei Vertrauen wird es schon etwas schwieriger… Laut des Duft-Beraters müsse man bei der Konzeption von Business-Düften immer auch visuelle Elemente berücksichtigen: Residiert die Bank in einem denkmalgeschützten Gebäude aus dem 17. Jahrhundert oder in einem Glas-Edelstahl-Palast?

Nase

Gerüche können die Stimmung aufhellen, aber auch krank machen.

Düfte beeinflussen. Wenn niemand diese Manipulation spürt, habe der Duftmischer perfekt gearbeitet, sagt Robert Müller-Grünow. Der Kunde dürfe nicht den Eindruck gewinnen, er solle beeinflusst werden. Deswegen muss der Duft als ganz natürlich rüberkommen. Nur absolute Profis wie der Geruchsforscher Hans Hatt sind wohl selbst dann nicht zu täuschen:

„Ich habe mir angewöhnt mit offener Nase durch die Welt zu gehen, das heißt, Düfte immer bewusst wahrzunehmen. Wenn ich einen Raum betrete, rieche ich mich erst einmal um, bevor ich schaue. Oder wenn ein Mensch an mir vorbeigeht, versuche ich so einen Duft von ihm zu erhaschen. Und ich kann nur sagen, man erlebt seine Wunder…“