Gute Schulnoten nur durch Nachhilfe? (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)

Privatunterricht boomt - auch im Netz Nachhilfe als Geschäft

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SWR2 Wissen. Von Manuel Waltz

Heute lernen zahlreiche Schülerinnen und Schüler mit Hilfe aus dem Netz. So finden sich zum Beispiel auf Youtube Erklärvideos zu so gut wie jedem Lernstoff an einer deutschen Schule. Daneben wächst auch die stationäre Nachhilfeindustrie.

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Auf dem Markt für Nachhilfe sind die Online-Anbieter finanziell betrachtet eher kleine Player. Rolf Dobischat, Bildungsforscher an der Universität Duisburg-Essen, schätzt das Marktvolumen von Nachhilfe auf jährlich rund eine Milliarde Euro. Insgesamt nehmen deutschlandweit rund 1,2 Millionen Schülerinnen und Schüler Nachhilfe.  

Eltern geben rund eine Milliarde Euro für Nachhilfe aus

Von der einen Milliarde Euro, die Eltern in Deutschland für Nachhilfe ausgeben, fließen zwei Drittel in informelle Angebote: Ältere Schülerinnen und Schüler, die Nachhilfe geben, die Tante, ein Student, die Nachbarin. Das restliche Drittel geht in die Nachhilfe, die von gewinnorientierten gewerblichen Unternehmen angeboten wird. Die Zahlen, auf die sich Bildungsforscher Rolf Dobischat hier bezieht, stammen aus einer Befragung von Eltern. Sie sollten angeben, wie viel sie für Nachhilfe ausgeben. Das Ergebnis wurde dann hochgerechnet.

Ein Lehrer erklärt einer Schülerin etwas. (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de -)
Nachhilfe ist in Deutschland ein großes Geschäft. Der Bedarf scheint groß zu sein. Foto: Colourbox.de -

Es gibt geschätzt 5000 stationäre Nachhilfeinstitute

Diese Zahl schätzt der Verband der Nachhilfeschulen in Deutschland. Das größte Nachhilfe - Unternehmen ist der Studienkreis. Er betreibt rund 1000 Filialen in Deutschland und im Ausland. Geschätzter Umsatz: etwa 80 Millionen Euro im Jahr. Etwa 10.000 Nachhilfelehrer arbeiten für den Studienkreis als Honorarkräfte. In fast jeder deutschen Stadt gibt es entweder eine Filiale oder eine Franchise-Niederlassung. Das heißt, ein selbständiger Unternehmer gründet eine eigene Nachhilfeschule und darf diese „Studienkreis“ nennen.

Wer nimmt heute Nachhilfe?

Nachhilfe nehmen heute nicht nur versetzungsgefährdete Schülerinnen und Schüler, sondern häufig auch solche, die ihre bereits guten Noten noch verbessern wollen. In der Regel sind es Schüler, deren Eltern entweder wenig Zeit haben, sich dem Stoff nicht gewachsen fühlen oder schlicht keinen Stress mit dem Nachwuchs haben wollen. Diese Eltern sourcen das Erklären aus und suchen für ihre Kinder nach Nachhilfe.

Ein Schüler legt seinen Kopf auf den Tisch (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Lernstress überfordert viele Schülerinnen und Schüler. Eltern können das oft nicht auffangen, weil sie selbst berufstätig sind oder keinen Streit mit dem Nachwuchs haben wollen. Sie sourcen das Erklären aus und suchen nach Nachhilfe. Thinkstock -

Kommerzielle Nachhilfe verstärkt soziale Ungleichheiten

13 Prozent der Kinder aus armen Elternhäusern nehmen bezahlte Nachhilfe. In der Mittelschicht sind es um die 20 Prozent. Die meiste Nachhilfe bekommt der Nachwuchs höherer Schichten – deren Angehörige häufig von Abstiegsängsten geplagt sind, die sie auf ihre Kinder projizieren. Hier kümmert sich um fast jedes dritte Kind ein Nachhilfelehrer. Das zeigt eine Untersuchung der Bildungsforscher Klaus Birkelbach sowie Rolf und Birte Dobischat für die Hans-Böckler-Stiftung. Die Wissenschaftler haben eine Vielzahl von Forschungsarbeiten ausgewertet sowie eine Umfrage unter Nachhilfefirmen durchgeführt.

Von der Bundesregierung gibt es das sogenannte „Bildungs- und Teilhabe Paket“. Sozial schwache Familien können sich damit die Nachhilfe finanzieren lassen. Doch der bürokratische Aufwand dafür schreckt ab: Einmal die Anbieter von Nachhilfe, die sich dafür erst äußerst umständlich zertifizieren lassen müssen. Zum anderen die Familien selbst, die aufwändig und mit vielen Formularen diese Hilfe erst beantragen müssen.

Lernvideos im Internet sind für alle kostenlos

In Sachen Chancengerechtigkeit setzt Bildungsforscher Rolf Dobischat daher Hoffnung auf die Nachhilfe-Tutorials im Internet. Er kann sich vorstellen, dass die dort gezeigten kostenlosen Lern-Videos zumindest teilweise für Ausgleich sorgen könnten.

Auch die öffentlich-rechtlichen Sender versuchen mit dem musstewissen-Kanal auf YouTube, Jugendliche zu erreichen und gleichzeitig seriöse Lernfilme zu produzieren. Wie beispielsweise mit den Chemie-Filmen von Mai. Sie erklärt Chemie möglichst spritzig, illustriert den Stoff mit einfachen Grafiken und Zeichnungen.

Der Online-Markt an Nachhilfe wächst

Er generiert noch keine allzu großen Umsätze, wächst aber kräftig. Da gibt es kostenpflichtigen Einzelunterricht via Skype, was für Kinder auf dem Land interessant ist, wo es weniger Angebote gibt. Und es gibt immer mehr Apps: eine Hausaufgaben Nothilfe beispielsweise, über die sofort ein Nachhilfelehrer bereitsteht, wenn jemand an den Hausaufgaben verzweifelt.

Auf Youtube gibt es zahlreiche Nachhilfeplattformen, die zu allen Schulfächern in Deutschland kostenlose Erklärvideos liefern. Diese Erklärvideos rechnen sich für die Nachhilfelehrer durch die Werbung, die den Nutzern vorher eingeblendet wird. Nicht alle dieser Filmchen sind gut gemacht oder schaffen es die Sachverhalte schlüssig auf den Punkt zu bringen. Die wirklich guten Videos aber verbreiten sich exponentiell. Und werfen für die Nachhilfelehrer im Netz dann auch ordentlich Geld ab.

Jugendliche sitzen lachend vor einem Laptop (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Wirklich gute Lern-Videos arbeiten auch mit Witz und machen den Schülern Spaß. Thinkstock -

Mit selbstgedrehten Erklärvideos zu Mathematik erfolgreich

So gründeten zum Beispiel die Studenten Alex und Nico aus Mosbach im Neckar-Odenwald-Kreis vor 7 Jahren den Simple Club. Unter diesem Titel stellten sie selbstgedrehte Erklärvideos zum Fach Mathematik ins Netz. Mit Erfolg. Heute rufen pro Monat rund 600 000 Schüler und Studenten ihre Lernvideos ab. Das Unternehmen hat mittlerweile sechs festangestellte und zwölf freie Mitarbeiter. Die Inhalte der Videos machen die beiden Gründer Alex und Nico längst nicht mehr alleine. Und sie beschränken sich auch nicht mehr auf das Fach Mathematik, sondern bieten mittlerweile fast alle Schulfächer des deutschen Lehrplanes an. Die Inhalte kommen meist von Studenten, die das jeweilige Fach selbst studieren.

Wird Nachhilfe durch das kostenlose Angebot im Internet demokratisiert?

Nein, widerspricht Ramona Lorenz, die an der Uni Dortmund zu digitalen Medien in Schule und Unterricht forscht. Gerade lernschwache Schüler aus sozial schwach vernetzten Familien würden vermutlich nicht online die Hilfe finden, die sie brauchen.

Jugendlicher sitzt niedergeschlagen vor seinem Laptop. Die Stirn hat er auf seine Hände gestützt. (Foto: Colourbox, Model Foto: Colourbox.de -)
Das Lernen über Erklärvideos im Netz erfordert von den Schülerinnen und Schülern Disziplin und Wissen, welches die eigenen Lücken im Lernstoff sind. Sonst kommt es leicht zu Frust. Model Foto: Colourbox.de -

Denn Lernen übers Netz erfordert schon im Vorfeld von den Schülerinnen und Schülern Reflektion darüber, wie denn der eigene Lernstil ist und welche Informationen, welche Lernlücken man tatsächlich hat. Das sei eine kognitive Herausforderung, die die meisten Schülerinnen und Schüler kaum in Eigenleistung sinnvoll und passgenau erbringen könnten.

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