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Sport, Bier und Schweigen Mythos Männerfreundschaft

Von der Antike bis ins 18. Jahrhundert hinein galt die Freundschaft als eine reine Männerangelegenheit. Frauen, so der Philosoph Montaigne, seien zu so engen Gefühlsbindungen, wie sie eine wahre Männerfreundschaft voraussetze, gar nicht fähig. Heute scheint sich die Situation völlig gewandelt haben. In Umfragen geben nur zehn Prozent der Männer an, einen besten Freund zu haben. Was ist geworden aus der Männerfreundschaft?  

Männerfreundschaft

Männerfreundschaft

Seit der Antike ist die Literatur voll von Geschichten über Freundespaare, in denen ein Mann sein Leben für den anderen gibt oder geben möchte. Zum Klassiker einer solchen Männerfreundschaft wurde Alexandre Dumas Roman "Die drei Musketiere" aus dem Jahr 1844. Er erzählt von D'Artagnan und seinen drei Freunden Athos, Porthos und Aramis, die zu Beginn des 17. Jahrhunderts in der Garde der Musketiere für den französischen König kämpfen. Der Roman wurde immer wieder verfilmt und dabei verändert. An dem geradezu mythischen Trinkspruch jedoch, der die treue Männergemeinschaft zusammenschweißt, kam kein Regisseur vorbei: "Einer für alle und alle für einen!"

Sport, Bier und Schweigen

Männer schauen gemeinsam Fernsehen

Männer schauen gemeinsam fern

Männer brauchen Freunde, sagt der Psychotherapeut Björn Torsten Leimbach. Seit 20 Jahren betreibt er seine Praxis in Düsseldorf und hat in dieser Zeit Hunderte Männer behandelt: "Sehr häufig kommen Männer in eine Krise, wenn sie gesundheitliche Probleme haben, die Beziehung kriselt oder sie beruflich scheitern. In dieser Krise sucht ein Mann Unterstützung und Hilfe und merkt dann sehr schmerzlich, wenn er keinen wirklichen Freund hat. Wenn er nur Freunde hat, mit denen er beim Bier nur über Sport reden kann oder mit dem er Alltagsaktivitäten teilt."

Der "beste Freund" ist meist ein Relikt aus Kindheits-und Jugendtagen, aus der gemeinsamen Schulzeit und zusammen durchstandenen Pubertätswirren und Abenteuern. Doch wenn sich die schulischen und beruflichen Wege trennen, kommt es oft zum Bruch. Das kennt auch Leimbach. Der Psychotherapeut stellt in seinen vielen Gesprächen mit Männern immer wieder fest: sie kämpfen nicht um ihre Freunde. Die Gründe sieht Leimbach in der Familie: "Die meisten Männer sind gewohnt, die Bindung an die Frau zu pflegen. Sie haben früh gelernt, sie müssen sich um die Mutter kümmern. Sie müssen sich um die Schwester kümmern, um die Tante, um weibliche Bezugspersonen." Gerade in Deutschland, wo durch zwei Weltkriege mehrere Generationen ohne Väter aufwuchsen.

Jungs essen Pizza

Leidensgenossen

Während Frauen vor allem sogenannte "face-to-face-Freundschaften" pflegen und miteinander über alles reden, unternehmen Männer mehr miteinander, gehen Billiard spielen oder sich ein Fußballspiel in der Kneipe anschauen. Psychologen sprechen von "side-by-side-Freundschaften". Sport, Bier und Schweigen – ist es wirklich diese unzertrennliche Trias, die Männerfreundschaften ausmacht? Freundschaften entwickeln und verändern sich. Und was unter Freundschaft zu verstehen ist, unterlag schon immer dem historischen Wandel. 

Von Nutzbeziehungen zu hemmungslosen Gefühlen

Der griechische Philosoph Aristoteles unterschied im 4. Jahrhundert vor Christus in seiner "Nikomachischen Ethik" verschiedene Freundschaftstypen, die bis heute Gültigkeit haben: Freundschaften, die Nutzen oder Lust bringen, stellte er wahre Freundschaft ohne Absicht entgegen. Letztere bräuchte Zeit und gegenseitiges Vertrauen. Zu einer solchen Freundschaft waren nur freie und gleiche Bürger befähigt, durch Charakter, Bildung und Stand. Je ehrlicher und tiefer die Freundschaft dieser Männer untereinander, so Aristoteles Hoffnung, desto geringer die Gefahr, dass Zwist, Neid und Gier den athenischen Stadtstaat in einen Bürgerkrieg führen.

Aufführung der Drei Musketiere bei den Bad Hersfeldelder Festspielen. D'Artagnan und seine drei Streitgefährten recken ihre Dolche gemeinsam in die Höhe.

Alle für einen, einer für alle!

Lange Zeit bestimmten ständische Prinzipien, wer mit wem befreundet sein durfte. Von der Antike bis ins 18. Jahrhundert hinein galt eine Freundschaft zwischen einem Krieger und einem Sklaven oder zwischen Herr und Knecht als standeswidrig. Freundschaften unter Männern waren vom Nutzen bestimmt. Gefühle spielten dabei kaum eine Rolle. Es ging um den gemeinsamen Ehrenkodex, etwa unter Kaufleuten, oder um gemeinsame Interessen von Zunftgenossen. Auch um am französischen Hof Karriere machen zu können, bedurfte es eines nüchternen Blicks auf die Regeln des gesellschaftlichen Spiels. Berechnung war in dieser Welt der Schlüssel zum Erfolg. Freundschaften wurden arrangiert, für sich selbst, aber auch für die Nachkommen.

Diese Auffassung änderte sich erst im "Zeitalter der Empfindsamkeit", und auch nur in bestimmten Kreisen. Vor allem gebildete Frauen aus dem Bürgertum, aber auch Männer gaben sich hemmungslos ihren Freundschaftsgefühlen hin. Freundschaftliche Briefe lasen sich plötzlich wie Liebesbriefe. Für den Publizisten und Literaturwissenschaftler Tobias Rüther spiegeln solche Quellen das erwachende Interesse am eigenen Ich und am Seelenzustand des Anderen: "Liebe taucht überall in diesen Briefen ständig auf. Das hat aber damit zu tun, dass sich mit dem Beginn der Aufklärung auch das öffentliche Leben verändert. Während man früher in einer vorgegeben ständischen Ordnung und einer kirchlichen Umgebung miteinander verkehrte, entsteht mit dem Beginn der Aufklärung das Private."

Traumpaar Goethe und Schiller

Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar

Goethe-Schiller-Denkmal in Weimar

Getragen wird dieser Kult auch von der Vorstellung einer Seelenverwandtschaft zweier Freunde. Johann Wolfgang von Goethe sah solche engen Bindungen, in der die Freunde ihre Identität bis zur Verschmelzung aufgeben, mit großer Skepsis. Wenn man die Anfänge seiner Beziehung zu Friedrich Schiller betrachtet, grenzt es an ein Wunder, dass die vielleicht berühmteste Männerfreundschaft überhaupt zustande kam. Zu sehr lehnte er das Ungestüme ab, das er in dem "kraftvollen", aber "unreifen Talent" Schillers erfasste Schiller hingegen hielt Goethe für steif und verschlossen.

Und doch beendeten die beiden ihre Ressentiments und fanden durch die literarische Zusammenarbeit zueinander. Wie sehr aus der anfänglichen Arbeitsfreundschaft mit den Jahren eine intensive Seelenfreundschaft wurde, zeigt ein Brief Goethe nach dem Tode Schillers: "Ich dachte mich selbst zu verlieren, und verliere nun einen Freund und in demselben die Hälfte meines Daseins." Die Männerfreundschaft als reine Nutzengemeinschaft hatte von der tief empfundenen, privaten Freundschaft Konkurrenz bekommen.

Wann ist ein Mann ein Mann?

Männer im Cafe

Gemeinsam auf Sinnsuche

Der Mann von heute bräuchte einen Freund, der ihm vor allem hilft, sich selbst zu finden. "Wann ist ein Mann ein Mann?" fragte Herbert Grönemeyer augenzwinkernd in einem Song von 1984. Im Zuge der Frauenbewegung hatten viele Männer mit ihrem Selbstbild zu kämpfen. Während etwa in der Werbung noch der "einsame Cowboy" auftrat, forderten Frauen den "sanften Kommunikationstyp", der sich einfühlt.

Für eine Studie der katholischen und evangelischen Kirchen aus dem Jahr 2009 wurden etwa 1500 Männer zu ihrem Rollenverständnis befragt: Nur 19 Prozent rechnen sich demnach zu den "Modernen", die gleichberechtigt mit ihrer Partnerin Küche und Karriere teilen. 30 Prozent zählen sich zu den "Suchenden" oder "Verunsicherten", die weder ihr männliches Leitbild noch einen festen Platz in Beruf und Familie gefunden haben. Es scheine, als wären die in ihrer Rolle verunsicherten Männer nach wie vor auf der Suche – alleine, aber auch gemeinsam, meint Publizist Tobias Rüther. Und in krisenhaften Lebenssituationen ist ein guter, ehrlicher Freund unverzichtbar, um mehr über sich und das eigene Rollenbild zu erfahren.

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