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Umwelt im Südwesten Mythos intakte Natur

Auerhahn im Schwarzwald vom Aussterben bedroht?

Der Schwarzwald! Unberührte Natur, intakte Wildnis. Lebendes Symbol dieser Landschaft ist der Auerhahn. In der Schwarzwald-Heimat dieses Urvogels ist die Welt noch in Ordnung… - so scheint es zumindest! Die Reporter Axel Wagner und Sarah Weiß hinterfragen den Mythos Schwarzwald.

Schwarzwald-Mythos einer intakten Natur

Schwarzwald-Mythos einer intakten Natur

Der Biologe und Naturschutzexperte Dr. Wolfgang Schlund sieht die heile Tierfilm-Ästhetik allerdings mit ganz anderen Augen. Er erforscht die größten Waldvögel Europas, seine Bilanz ist eindeutig:

Lebensräume des Auerhahns werden zerstört

Auerhahn

Auerhahn


„Dem Auerhahn geht es bei uns nicht prächtig, das hat viele Gründe. Hauptursache ist sicherlich die Zerstörung und Veränderung des Lebensraumes. Der Auerhahn, das bedeutet Wild- oder Urhahn, braucht Urwälder mit jungen Flächen, mit alten Waldflächen, mit Totholzreichtum und mit freien Flächen. Das finden wir kaum, an unserem Wirtschaftswald haben wir natürlich ein anderes Interesse.“


Der Auerhahn ist Teil des Schwarzwald-Mythos einer intakten Natur. Doch die ist im Schwarzwald in Wirklichkeit kaum zu finden. Daher kämpft Wolfgang Schlund für den Auerhahn und vor allem für dessen Lebensraum. Denn die bedrohten Vögel leben in einem dicht besiedelten Gebiet und werden in sogenannte kleine Reliktareale verdrängt.

Unterschiedliche Bedürfnisse von Mensch und Tier

Mit dem Peilsender den Auerhähnen auf der Spur

Mit dem Peilsender auf der Spur

Das belegen die Peilungsdaten einzelner Vögel: Ihre Reviere sind von Wegen zerschnitten, der Mensch ist allgegenwärtig. „Wir nutzen unseren Schwarzwald, da hat es Forststraßen drin, die den Wald zerschneiden, da wird Holz gemacht, dann sind sehr viele Freizeitnutzer da, jeder sucht so sein Glück im Schwarzwald“, so Biologe Schlund. „Mountainbiker, Schneeschuhgeher, Skifahrer, das kommt alles zusammen und die Auerhühner wollen auch mit leben und sie versuchen es auch, sie versuchen es relativ gut, dann wenn wir ihnen letzte ruhige Plätze lassen, vor allem im Winter.“

Wintersportler stören Ruhe der Wildtiere

Gleich neben dem Rückzugsgebiet finden sich Skipisten.

Gleich neben dem Rückzugsgebiet finden sich Skipisten.


Doch der Mythos der winterlichen Ungestörtheit des Schwarzwaldes ist vielerorts nur schöner Schein. Das ist dramatisch, denn in der kalten Jahreszeit brauchen Auerhahn und andere Wildtiere ungestörte Rückzugsgebiete. Sie halten sich in ihren Verstecken auf, um nicht unnötig Energie zu verlieren. Und gleich nebenan kann von Ruhe keine Rede sein.

Tausende Skifahrer besuchen den Schwarzwald, doch das ist nicht das Problem für Wolfgang Schlund. „Das stört jetzt mich als Naturschützer gar nicht, ich gehe selbst gerne Skifahren. Fatal wäre es, wenn wir an jedem Berg sowas hätten.“ Und fatal ist, dass viele Menschen die Pisten tatsächlich verlassen und dann die Rückzugsgebiete der Natur stören.

Fotofalle überführt "Fremdgänger"

Diese Fotofalle registriert jeden Besucher.

Diese Fotofalle registriert jeden Besucher.


Wie sehr Menschen die Wildtiere hier beeinflussen, zeigen die Forscher mit einer Fotofalle. Das Gerät reagiert auf Wärme und fotografiert jeden Besucher, willkommene ebenso wie unerwünschte. So lässt sich schonend das winterliche Leben der Wildtiere verfolgen, und der Eingriff des Menschen ebenso! Wolfgang Schlund ist empört: „Das ist unmöglich. Wir haben da oben den Weg, den darf jeder gehen. Keiner hat an sich jetzt die Veranlassung, da jetzt reinzugehen. Das Problem besteht für die Auerhühner. Jetzt hier reinzugehen heißt, die hören auf zu fressen, die fliegen vielleicht weg, müssen flüchten und verlieren enorme Energie bei dieser Kälte und das kann den Tod bedeuten.“

Wohl des Auerhahns betrifft auch andere

Der Auerhahn gilt als Schirmart.

Der Auerhahn gilt als Schirmart.


Die Schwarzwald-Natur ist also alles andere als ungestört. Nun könnte man sagen: Was soll`s, was geht uns das Schicksal eines Auerhahns an?  Doch das wäre zu kurz gedacht. „Der Auerhahn gilt für uns - wenn man das jetzt mal wissenschaftlich betrachtet - als Schirmart, - als Art, die für viele Arten steht die ähnliche Lebensbedingungen brauchen. Und wir sagen kurz: wenn es dem Auerhahn gut geht, dann geht es auch vielen anderen Arten gut.“

Auerhühner lieben Heidelbeeren

Auch im Sommer muss Wolfgang Schlund Naturschutzgebiete wie diese Heidelbeer-Felder vor Zugriffen bewahren.

Auch Heidelbeer-Felder müssen vor Zugriffen bewahrt werden.

Auch im Sommer muss Wolfgang Schlund deshalb Naturschutzgebiete wie die Heidelbeer-Felder des Schwarzwaldes vor Zugriffen bewahren. „Die Auerhühner fressen das ganze Jahr über von den Heidelbeeren. Im Frühjahr schon die Blätter, die Knospen und jetzt die Früchte und jetzt könnte man sagen, hier gibt es doch so viele Heidelbeeren, das wäre doch gerade egal. Stimmt auch, aber jetzt zurzeit sind die Hennen mit ihren Küken hier unterwegs und die befinden sich genau hier.“

Schwarzwald = Nutzholz-Monokultur

Fichten und Tannen sind eigentlich nicht heimisch im Schwarzwald.

Fichten und Tannen sind nicht heimisch im Schwarzwald.


Wie groß der Störfaktor Mensch ist, zeigt sich auch am falschen Schwarzwald-Mythos der Unberührtheit: Fichten und Tannen sind keine Urbäume des Schwarzwaldes, sondern das Ergebnis einer beispiellosen Aufforstungsarbeit durch die Holzindustrie. Zu Zeiten Napoleons stand kaum ein Baum mehr auf den Höhenzügen, doch die Nutzholz-Monokulturen machen den Schwarzwald arm an Pflanzen- und Tierarten. Darunter hat nicht nur unser Prachtvogel zu leiden. An ihm wird deutlich, was die Beeinflussung durch die Forstindustrie für die Natur des Schwarzwaldes bedeutet. 

Die Satellitendaten zeigen, wo sich die Auerhähne aufhalten.

Die Satellitendaten zeigen, wo sich die Auerhähne aufhalten.

Die Arbeit der Wissenschaftler spricht hier eine deutliche Sprache. Ihre Satellitendaten zeigen, wo sich die einzelnen Vögel genau aufhalten. Das Ergebnis: sie meiden die dunklen dichten Waldgebiete und sammeln sich stattdessen auf Freiflächen wie diesem Hochmoor. Aus großer Höhe sieht es so aus, als ob die bedrohten Tiere überall wären. Doch sie bevorzugen die hellgrünen Bereiche jenseits der Monokulturen.

Die Lösung: Natur Natur sein lassen

Aus diesem Grund werben Wolfgang Schlund und sein Team im Naturschutzzentrum Ruhestein mit einer Ausstellung für einen naturnahen Wald, der nicht nur der Wirtschaft, sondern auch den Arten zu Gute kommt, die durch die industrielle Waldnutzung verdrängt werden.

Ausstellung im Naturschutzzentrum Ruhestein

Ausstellung im Naturschutzzentrum Ruhestein

Denn seltene und gefährdete Arten haben in reinem Wirtschaftswald keine Chance, daran lässt Wolfgang Schlund keinen Zweifel: „Das liegt daran, dass die in einem Wirtschaftswald nicht den richtigen Lebensraum finden. Die brauchen diesen alten Wald, den zerfallenen Wald, totholzreich, ein Mosaik von vielem, dort finden die ihren Lebensraum, das heißt wenn wir auf Flächen Natur Natur sein lassen, dann haben genau diese Arten ihre Chance.“

Das ist die Herausforderung: Den Schwarzwald jenseits von Wildnis-Mythen zu einer Landschaft zu machen, in der die Menschen und die Natur leben können.

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