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Helfen Märchen bei Demenz ?

Demenz und Therapie Alles schwindet, die Musik bleibt

Demenz zählt zu den großen Leiden alternder Gesellschaften: Immer mehr Menschen gleiten allmählich ins Vergessen, können sich nicht mehr orientieren, sind stark pflegebedürftig. Und doch gibt es einen Bereich, in dem auch Demente Erstaunliches leisten: Im Vergleich zu anderen Teilen des Gehirns bleibt ihr Langzeit-Musikgedächtnis erstaunlich lange intakt und funktionsfähig.

Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig, der Universität Amsterdam und des INSERM Caen haben nun erstmals das Musikgedächtnis lokalisiert und gezeigt, dass dieses Areal selbst während der fortschreitenden Degeneration des Gehirns weitgehend erhalten bleibt.

Alte Lieder

Krankenhaus Holweide in Köln, ein Raum für Musiktherapie: Ein altes norddeutsches Volkslied wird gesungen, fast alle kennen es. Auch die beiden Damen, die unter einer fortgeschrittenen Alzheimer-Demenz leiden. Irgendetwas löst die Melodie bei ihnen aus: Ihre versteinerten Gesichtszüge werden lebendig, die Augen leuchten, Erinnerungen aus frühen Tagen tauchen auf.

Zwei alte Menschen von hinten beim Spaziergang

In Alzheimer und in anderen Formen der Demenz ist die musikalische Erinnerung oft überraschend gut intakt, während andere Formen der Erinnerung schon stark beeinträchtigt sind

In Alzheimer und in anderen Formen der Demenz ist die musikalische Erinnerung oft überraschend gut intakt, während andere Formen der Erinnerung schon stark beeinträchtigt sind, sagt Jörn-Henrik Jacobsen, Hirnforscher am Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig und Mitautor einer Studie, die Antworten sucht auf die Frage, wie und wo das Gehirn Musik abspeichert.

Die Vorstellung, es gebe eine einzige Region – so etwas wie eine neuronale Festplatte – die Musikerlebnisse speichert, sei auf jeden Fall falsch. Auf die Spur der Speicherorte kamen die Neurowissenschaftler bei Untersuchung von Testpersonen im Magnetresonanztomographen, kurz MRT. Gleich zwei Bereiche des Hirns sind verantwortlich, zwei hochaktive zudem, die für komplexe Bewegungsabläufe, Auswertungen von Erlebnissen und Erwartungen verantwortlich sind.

Ärzte und Patient

"Sich an Musik zu erinnern, sei wie Fahrradfahren"

Musik ist eine Bewegung

Das Gehirn verarbeitet Musik wie eine Bewegung, was einen britischen Erinnerungsforscher zu dem Vergleich animierte: "Sich an Musik zu erinnern, sei wie Fahrradfahren". Bewegung ist wichtig, Gerüche, Emotionen, Sprache, Erlebtes und so weiter. Alles ist eng verwoben mit dem musikalischen Reiz.

Werden demente Menschen nun solchen Reizen ausgesetzt – wenn sie also ihnen bekannte Musik hören – steigen viele dieser Verknüpfungen ins Bewusstsein. Musikalität spielt dabei übrigens keine Rolle, weit wichtiger sei die emotionale Bedeutung von Musikstücken, wie bei Kinderliedern zum Beispiel.

Eine Frage konnten die Forscher nicht klären. Warum gerade das musikalische Langzeitgedächtnis dementer Menschen gut funktioniert, weiß immer noch niemand. Dafür schiebt sich etwas anderes in den Vordergrund: Musik könnte zukünftig weit therapeutisch effizienter eingesetzt werden.

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