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Eine Frau mit gestresstem Gesichtsausdruck bekommt einen Telefonhörer und eine Tasse Kaffee hingehalten. Vor ihr liegen zwei Aktenordner.

Gift für das Gehirn? Multitasking

Telefonieren, Mails checken, Fußnägel lackieren. Multitasking heißt das Zauberwort, also: viele Dinge gleichzeitig tun. Und über diese Gleichzeitigkeit kursiert jede Menge Halbwissen: Das sei ineffektiv, das könnten nur Frauen, das macht krank, und so weiter. Der Heidelberger Organisationspsychologe Prof. Andreas Zimber hat sich mit dem Phänomen Multitasking beschäftigt und gerade ein Buch dazu herausgegeben.

Herr Zimber, in Ihrem Buch klingt das ganz einfach: ein paar einfache Tipps beherzigen und dann klappt das schon mit dem Multitasking. Ist das also gar nicht so schlecht wie sein Ruf?

Es kursieren in der Tat viele Halbwahrheiten, zum Beispiel, dass Multitasking Gift für das Gehirn sei – was jedoch überhaupt nicht angebracht ist. Denn es gibt bestimmte Tätigkeiten, welche wir durchaus parallel organisieren und regulieren können, andere wiederum kommen dafür nicht so gut in Frage, vor allem wenn wir geistig anspruchsvolle Tätigkeiten versuchen, gleichzeitig zu tun. Zum Beispiel, während eines Telefonats gleichzeitig unsere Emails zu checken oder einen Text zu lesen – das funktioniert nicht, aber Autofahren und gleichzeitig ein tieferes Gespräch mit dem Sitznachbarn zu führen – das funktioniert.

gezeichnete Figur die gleichzeitig einen Taschenrechner, ein Handy und einen Computer bedient

Ohne Multitasking sind die Herausforderungen der modernen Arbeitswelt kaum noch zu bewältigen

Wieso brauchen wir denn überhaupt das Multitasking am Arbeitsplatz - kann man nicht einfach eins nach dem anderen erledigen?

Wir brauchen Multitasking nicht. Wir wären sehr gut beraten, wenn wir tatsächlich eine Sache nach der anderen machen könnten, aber das ist in der heutigen Taktung der Arbeitswelt leider nicht mehr möglich. Man erachtet es als völlig selbstverständlich, dass man zum Beispiel bei einer simplen Empfangstätigkeit parallel dazu noch Dinge verwaltet und das Telefon und Email-Anfragen bedient. Durch die Verdichtung der Arbeit kommen wir an Multitasking nicht mehr vorbei.

Viele Arbeitnehmer fühlen sich zunehmend gestresst, das zeigen Umfragen der Krankenkassen. Hat das mit dem Multitasking zu tun?

Wenn man dem regelmäßig veröffentlichten Stressbarometer der Bundesanstalt für Arbeitsmedizin und Arbeitsschutz glaubt, dann ist tatsächlich Multitasking die am meisten verbreitete psychische Belastung. Es ist also präsent bei den Arbeitnehmern und in aller Munde. Wenn man allerdings bei dieser Befragung genauer hinsieht, sieht man, dass die meisten damit gut umzugehen gelernt haben.

Junge Frau mit unentschlossenem, ratlosem Blick. Sie bekommt von mehreren Händen gleichzeitig Dinge wie Handys, Taschenrechner, Papier und Stift gereicht.

Man sollte zuerst einschätzen, wie anspruchsvoll die jeweilige Tätigkeit ist

Man hat sich also durchaus Routinen zugelegt, um mit vielen Tätigkeiten im gleichen Zeitfenster umzugehen. Deshalb muss man vorsichtig sein, wie man Multitasking am besten definiert. Denn damit ist nicht streng gemeint, Dinge gleichzeitig zu tun, denn da kommt unser Gehirn an Grenzen, sondern in einem bestimmten Zeitraum für mehrere Tätigkeiten zuständig zu sein.

Worauf sollte man da im Besonderen achten?

Zuerst sollte man einschätzen, wie anspruchsvoll die jeweilige Tätigkeit ist und ob es dann sinnvoll ist, Dinge gleichzeitig dazu zu tun. Wenn man zum Beispiel eine Präsentation oder einen Text vorbereitet, dann erfordert das natürlich die volle Konzentration. Wenn aber gleichzeitig die Benachrichtigung von neuen Emails aktiv ist, dann wirkt sich das negativ auf die Leistung aus. Besser wäre es, die Emails gebündelt zu prüfen, wenn man die andere Tätigkeit unterbrochen oder beendet hat. Dadurch fühlen wir uns nicht ständig von der Arbeit herausgerissen und haben schneller ein Erfolgserlebnis, denn das Wiedereintauchen in die unterbrochene Aufgabe kostet sehr viel psychische Energie.

Ein Junge und ein Mädchen beim telefonieren mit dem Handy

Telefonieren, Zuhören, Essen - muss das alles auf einmal sein?

Wie sieht es denn mit Pausen aus – ist eine lange Pause in der Mitte meiner Arbeitszeit ideal, oder ist besser, wenn ich jede Stunde für fünf Minuten vor die Tür gehe?

Da ist sich die arbeitswissenschaftliche Forschung einig, dass regelmäßige Kurzpausen wenigen Langpausen deutlich überlegen sind. Denn wenn die Pause zu lang ist, braucht man wieder sehr lange, um in den Arbeitsrhythmus zurückzufinden. Bei kurzen Pausen dagegen ist man schneller erholt und bleibt für längere Zeit geistig leistungsfähig. Die Empfehlung ist, jede Stunde für fünf Minuten etwas anderes zu tun.

Hat dieses ständige Multitasking, an das wir von der Arbeit gewohnt sind, auch Einfluss auf unser Privatleben?

Leider ja. Es ist immer häufiger zu beobachten, dass das Multitasking auch auf das Privatleben übergeschwappt ist. Im Kino oder Theater sieht man immer häufiger Leute, die auf Emails oder SMS antworten. Das hat unterschiedliche Ursachen: einmal aus Gewohnheit von der Arbeit, aber auch durch die Verfügbarkeit von Informationen und die Angst, etwas zu verpassen. Wenn mich also etwas wirklich interessiert, dann sollte ich das Handy einfach ausmachen, denn das entlastet die Psyche und dazu sollte Freizeit ja auch da sein.
Ich will das jedoch nicht verallgemeinern, dies ist eine Einschätzung, die jeder und jede für sich individuell treffen muss, aber zur Erholung ist es besser, wenn ich in der Freizeit eine Sache nach der anderen mache. Dadurch entsteht ein höherer Genuss und wiederum eine höhere Ablenkung von Dingen, die mich zuvor gestresst haben, zum Beispiel von der Arbeit.

Eine Frau bedient gliechzeitig Handy und Computer während sie ihrer Tochter bei den Hausaufgaben hilft

Häufig schwappt das Multitasking der Arbeitswelt ins Privatleben über.

Stimmt es eigentlich, dass Frauen Multitasking besser können als Männer?

Keine einzige Studie kann das bestätigen. Es ist ausschließlich eine Frage der Intelligenz und des Arbeitsgedächtnisses. Das Thema Geschlecht kommt ab dem Punkt zum Tragen, an dem man sehen kann, dass wir an Frauen andere Erwartungen als an Männer stellen. Männer gesteht man es eher zu, sich auf eine Sache konzentrieren zu dürfen, während von Frauen ein umsichtiger Umgang mit vielen Anforderungen aus der Umwelt erwartet wird.

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