An Multiple Sklerose erkrankte Menschen im Rollstuhl und Mediziner am Computer (Foto: picture-alliance / dpa / Thinkstock  - Montage: SWR)

Multiple Sklerose Wenn das Immunsystem die Nerven angreift

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SWR2 Wissen. Von Ulrike Till

Mit neuen Wirkstoffen lässt sich die Krankheit immer besser behandeln, deren Nebenwirkungen allerdings oft erheblich sind. Dennoch fordern immer mehr Experten eine aggressive Therapie schon in der Frühphase.

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Multiple Sklerose ist bei jungen Erwachsenen eine der häufigsten neurologischen Erkrankungen - allein in Deutschland sind rund 200.000 Menschen betroffen. Das Immunsystem der Patienten greift Nervenfasern in Gehirn und Rückenmark an, was zu Lähmungen, Taubheitsgefühl und häufig auch Sehstörungen führt. Typischerweise treten die ersten Symptome im Alter von zwanzig bis vierzig Jahren auf; manchmal sind aber auch schon Kinder und Jugendliche in Behandlung. Multiple Sklerose zählt zu den sogenannten Autoimmunerkrankungen: eigentlich ist unser Immunsystem darauf geschult, nur Eindringlinge von außen zu attackieren – Viren oder Bakterien zum Beispiel. Bei Multipler Sklerose ist genau dieser Mechanismus gestört.

Angriff auf das Nervensystem

Das Immunsystem attackiert die Myelinscheiden, das sind die Schutzschichten der Nervenfasern. Wenn die akute Entzündung abgeklungen ist, bilden sich Narben – das stört die Funktion der betroffenen Nervenfasern; jeder neue Schub verschlimmert die Beschwerden. Lange Zeit dachten die Forscher, der Abbau von Myelin sei der zentrale Mechanismus bei Multipler Sklerose. Inzwischen ist bewiesen, dass auch Nervenzellen im Gehirn zugrundegehen.

Malu Dreyer (Foto: SWR, SWR -)
Betroffene mit leichteren Formen von MS bleiben oft über Jahrzehnte leistungsfähig. Prominentes Beispiel ist die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer SWR -

Zudem leiden viele MS-Kranke an einer lähmenden Müdigkeit; ihnen fehlt nicht nur die körperliche Kraft, sondern oft auch der innere Antrieb. Jeder dritte Patient mit Multipler Sklerose muss vorzeitig in Rente gehen. Dagegen bleiben Betroffene mit leichteren Formen von MS oft über Jahrzehnte leistungsfähig, und halten im Beruf auch großen Belastungen stand. Prominentes Beispiel ist die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer.

Großflächige Ursachenforschung

Auf der Suche nach den Ursachen der Krankheit hat die Forschung in den letzten Jahren Fortschritte gemacht:

  • Gene spielen eine Rolle: Forscher haben im Erbgut von MS-Patienten rund 180 mögliche Mutationen erkannt, die die Krankheit begünstigen. Allerdings müssen weitere Faktoren dazukommen.
  • Menschen, die am Pfeifferschen Drüsenfieber erkranken, haben ein dreißigfach höheres Risiko, später eine Multiple Sklerose zu entwickeln.
  • Andere Viren scheinen gleichfalls einen Ausbruch zu begünstigen. Dazu gehört der Aidserreger: Irgendwann fiel auf, dass Aidspatienten, die antiretrovirale Mittel einnehmen, nur sehr selten an MS erkranken. Möglicherweise sind sie durch ihre Medikamente geschützt. Ob sich Aidsmittel als Therapie für MS-Patienten eignen, ist umstritten; bisher spielen sie in der Behandlung keine Rolle.
  • Für Diskussionen sorgt auch die Bedeutung von Vitamin D. Der Körper bildet die lebenswichtige Substanz unter Einfluss von Sonnenlicht – und in südlichen, sonnenreichen Ländern tritt Multiple Sklerose viel seltener auf als im Norden.
Computergrafik Viren (Foto: SWR, SWR - Grafik)
Möglicherweise sind Aidspatienten durch ihre Medikamente vor MS geschützt, ob sich Aidsmittel als Therapie für MS-Patienten eignen, ist umstritten SWR - Grafik

Komplizierte Wechselspiele

MS-Spezialisten raten ihren Patienten daher, immer auf einen ausgeglichenen Vitamin-D-Spiegel zu achten. Um das zu erreichen, müssen manche Betroffene vor allem im Winter Vitamin-D-Kapseln schlucken. Wenn aber gar kein Mangel vorliegt, ist es fraglich, ob die Kranken von hohen Dosen Vitamin D profitieren. Der Heidelberger Medizin-Nobelpreisträger Professor Harald zur Hausen vermutet, dass Vitamin D-Mangel in Kombination mit infektiösen Bestandteilen in Milch und Rindfleisch Multiple Sklerose auslösen kann.

Wenn die Betroffenen zusätzlich noch schlummernde Herpesviren im Körper tragen, könne das über ein kompliziertes Wechselspiel zu MS führen, so seine Annahme. Das ist bisher aber nur eine These, die er in der aktuellen September-Ausgabe der Zeitschrift "Spektrum der Wissenschaft" erläutert. Noch gibt es aber keinen Beweis für virale Moleküle in Steaks oder Milchprodukten. Neben Umweltfaktoren spielt wahrscheinlich die körpereigene Darmflora eine Schlüsselrolle.

Nervenzellen (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de -)
Als vielversprechend gilt noch eine weitere neuartige Therapiemethode: die Reparatur der angegriffenen Nervenfasern, bei denen die Multiple Sklerose die schützende Myelinschicht zerstört Foto: Colourbox.de -

In Versuchen mit Mäusen hat sich gezeigt, dass bestimmte Darmkeime die Entstehung von MS vorantreiben. Umgekehrt könnten günstige Darmbakterien einen Schutz bieten. Denn der größte Teil unseres Immunsystems sitzt im Darm: Darmbakterien steuern die Entwicklung des Immunsystems in der Kindheit; sie beeinflussen auch, ob und wie heftig wir auf bestimmte Reize von außen reagieren.

Aussichten der verschiedenen Krankheitsformen

Mit einer Kombination aus Medikamenten und Physiotherapie lässt sich die Krankheit inzwischen meist erfolgreich behandeln. Entscheidend ist allerdings, dass die Patienten zu Hause gewissenhaft ihre Übungen absolvieren und regelmäßig zur Krankengymnastik gehen. Doch was gesunden Menschen problemlos gelingt, bedeutet für MS-Patienten oft eine enorme Herausforderung: Schwierigkeiten mit der Balance sind zum Beispiel typisch für MS-Patienten.

Stoppen oder gar heilen lässt sich die Multiple Sklerose auch mit konsequentem Training nicht. Und Physiotherapie alleine reicht in der Regel nicht aus; die meisten MS-Patienten brauchen auch Medikamente. Inzwischen lässt sich die Krankheit oft lange Zeit gut kontrollieren – allerdings gilt das nur für die häufigste Form, die schubförmige Multiple Sklerose. Beim selteneren schleichenden Verlauf gibt es dagegen derzeit kaum Therapiemöglichkeiten.

Computergrafik: Schematische Darstellung von Hand  und Unterarm mit Knochen. Nerven, Muskeln und Blutabahnen (Foto: SWR/NDR -)
Bei den Probanden einer Studie, die schon zwei Monate nach dem Auftreten hochverdächtiger MS-Symptome Medikamente bekamen, ließ sich der Ausbruch der Krankheit verzögern und teilweise sogar verhindern SWR/NDR -

Rund 15 Prozent der rund 200.000 Patienten in Deutschland leiden von Anfang an unter der besonders tückischen progredienten MS. Diese schleichende Form kann sich aber auch mit der Zeit aus einer ursprünglich schubförmigen Multiplen Sklerose entwickeln; das ist bei jedem zweiten Kranken der Fall. Warum sich die eine Variante gut behandeln lässt und die andere nicht, war lange rätselhaft – inzwischen gibt es eine plausible Erklärung.

Gegen Entzündung oder gegen Zellsterben

Die Schübe werden vor allem vom Immunsystem vorangetrieben; hier greifen anti-entzündliche Medikamente. Bei der schleichenden Form dagegen werden die Beschwerden vor allem durch das Absterben von Nervenzellen hervorgerufen.

Nutzen und Risiko einer schnellen Behandlung sind oft schwierig abzuwägen – gerade die wirksamsten Antikörper können in seltenen Fällen lebensbedrohliche Hirninfektionen und andere Immunprobleme hervorrufen. Doch die Argumente für einen prompten Therapiebeginn sind gewichtig.

Das zeigt eine aktuelle Langzeitstudie im Fachblatt "Neurology": bei den Probanden, die schon zwei Monate nach dem Auftreten hochverdächtiger MS-Symptome Medikamente bekamen, ließ sich der Ausbruch der Krankheit verzögern und teilweise sogar verhindern.

Fumarsäure und Schuppenflechte

Nach elf Jahren gab es in dieser Gruppe ein Drittel weniger Krankheitsfälle als bei den spät behandelten Probanden; außerdem hatten die früh Therapierten weniger Schübe, und es dauerte bei ihnen doppelt so lange bis zum ersten Rückfall.

Eine wichtige Säule der Therapie ist seit 2014 Fumarsäure – ein Wirkstoff, der ursprünglich zur Behandlung von Schuppenflechte entwickelt wurde. Mit den Fumaraten sind nun erstmals Medikamente verfügbar, die direkt bei einem Auslöser der überschießenden Immunantwort ansetzen. Eine Kehrseite haben aber auch diese Mittel: die Patienten müssen engmaschig überwacht werden, es kann zu Nierenschäden und Problemen mit der Leber kommen.

Doch es gibt auch Therapieformen, die ganz ohne Einschränkungen einfach nur gut tun: zum Beispiel die Reittherapie mit speziell geschulten Pferden. Doch die Kosten für die Reittherapie müssen Patienten aus eigener Tasche tragen; die Krankenkassen erstatten nichts. Dabei belegen einige kleinere Studien den Nutzen bei MS-Patienten: ein regelmäßiges Training zwei Mal pro Woche verbesserte Balance und Gehfähigkeit der Teilnehmer, gleichzeitig nahm das Schmerzempfinden ab.

Weitere Ansätze

Die derzeit gängigen Medikamente können die Symptome nur lindern, dauerhaft stoppen oder gar reparieren lassen sich die Schäden im Nervensystem nicht. Genau das aber könnte sich in den nächsten Jahren ändern. Die Neurologin Professor Ricarda Diem leitet am Uniklinikum Heidelberg eine Forschergruppe zu Multipler Sklerose; sie setzt auf einen ganz neuen Ansatz in der Behandlung: eine Therapie, die die Überlebensfähigkeit von Nervenzellen und Nervenfaserkabeln stärkt.

Auch Heinz Wiendl, der Leiter der Neurologischen Uniklinik Münster, hält diese Strategie für besonders aussichtsreich. Erste Substanzen mit schützender Wirkung für Nervenfasern und Nervenzellen wurden in klinischen Studien schon erfolgreich getestet; der Antikörper Daclizumab ist seit diesem Sommer in Europa zugelassen. Das Mittel lässt den Körper gelassener auf den Angriff des eigenen Immunsystems reagieren.

Als vielversprechend gilt noch eine weitere neuartige Therapiemethode: die Reparatur der angegriffenen Nervenfasern, bei denen die Multiple Sklerose die schützende Myelinschicht zerstört. In Versuchen mit Mäusen wuchs die Myelinschicht deutlich besser nach, wenn die Forscher bei den Nagern das Protein Lingo im Körper hemmten.

Welches neue Mittel am Ende einen Durchbruch in der MS-Therapie bedeutet, ist noch offen – sicher ist aber, dass weltweit so viele aussichtsreiche neue Wirkstoffe getestet werden wie noch nie. Und erstmals können Patienten hoffen, dass sich Schäden am Nervensystem aufhalten und vielleicht sogar reparieren lassen.

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