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Gefährliche Plagegeister Neues aus der Mückenforschung

Die Globalisierung bringt neben den Viren auch die Mücken aus den entlegensten Gebieten der Welt in dicht besiedelte Regionen: Mücken reisen im Gepäck von Touristen oder in Kisten und Warencontainern. In Europa finden sie - bedingt durch den Klimawandel - mittlerweile Bedingungen vor, die sie nicht nur überleben lassen, sondern auch ihre Ausbreitung begünstigen.

Mückenfangen für die Wissenschaft

Mückenfangen für die Wissenschaft

Experten wie die Tropenmediziner vom Berliner Robert-Koch-Institut beobachten mit zunehmender Sorge, an welchen Orten überall in Europa die gestreifte asiatische Tigermücke auftaucht. Denn sie überträgt neben dem Chikungunya-Fieber auch das Dengue-Fieber, eine Krankheit, die Wissenschaftler fürchten. Es gibt weder Impfung noch Therapie und in schweren Fällen verläuft sie tödlich. Das Dengue-Fieber ist jene von Stechmücken übertragene Krankheit, die sich weltweit am schnellsten ausbreitet. Im Herbst vergangenen Jahres ist erstmals in Europa eine Dengue-Epidemie ausgebrochen - auf der Ferieninsel Madeira.

Europäische Tropen

typisches Mückenloch im Wald

typisches Mückenloch im Wald

Die Mücken hatten sich im feucht-warmen Klima, das ab September auf Madeira herrschte, wohl gefühlt und heftig vermehrt. Und bei den über 2000 Infektionen handelt es sich nur um die registrierten Fälle. Da sich die leichte Form des Dengue-Fiebers wie eine Grippe anfühlt, mit der die wenigsten Menschen zum Arzt gehen, gingen die Forscher von einer zehn Mal höheren Dunkelziffer aus. In den medizinischen Hinweisen, die das Robert-Koch-Institut für die Homepage des Auswärtigen Amts zusammenstellt, heißt es zum Dengue-Fieber:

„Die Übertragung erfolgt durch den Stich tagaktiver Stechmücken. Die Erkrankung geht in der Regel mit Fieber, Hautausschlag sowie ausgeprägten Gelenkschmerzen einher. In seltenen Fällen kann es zu komplikationsreichen Verläufen, in Ausnahmefällen auch zum Tod kommen. Da es derzeit weder eine Impfung noch eine spezifische Therapie gibt, besteht die einzige präventive Maßnahme in der Vermeidung von Mückenstichen. Aufgrund der mückengebundenen Infektionsrisiken wird allen Reisenden empfohlen: körperbedeckende eher helle Kleidung zu tragen.“

Sie kam, stach und siegte

Eine Moskito sitzt auf einem Arm

Nur die weiblichen Mücken stechen

Stechmücken ernähren sich zwar wie viele andere Zweiflügler von Blütennektar. Doch für die Produktion ihrer Eier, benötigen die Weibchen Eiweiß, und das finden sie im Blut von Vögeln, Nagern, Rindern, Wildschweinen, Rehen - und Menschen. Die weiblichen Mücken verfügen über einen für Menschen äußerst unangenehmen Gerinnungshemmer.

Durch den Speichel der Mücke wird nicht nur der Gerinnungshemmer injiziert, es kommen auch Erreger wie das Dengue-Virus in die menschliche Blutbahn. Über die Fähigkeit unserer heimischen Stechmücken, tückische Viren zu übertragen, wissen die Forscher noch sehr wenig. Aber sie wissen, dass stehende Gewässer ideale Brutbedingungen für die Eier der Mücken sind.

Der Tiger unter den Mücken

Die im Eisfach getöteten Mücken werden per Post verschickt

Jeder kann bei der Mückenforschung mitmachen

Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass weltweit jedes Jahr 50 bis 100 Millionen Menschen von der Asiatischen Tigermücke gestochen werden und sich mit dem Dengue-Virus anstecken. Beim Dengue-Virus unterscheidet man vier Typen. Besonders gefährlich für die Betroffenen ist eine Zweitinfektion, bei der sie mit einem anderen Virus-Typ infiziert werden als bei der Erstinfektion.

Das Hauptverbreitungsgebiet der Tigermücke, welche das Dengue-Virus überträgt, sind zwar die tropischen und subtropischen Regionen Südamerikas, Afrikas und Asiens. Doch auch in Europa fühlt sich diese Stechmückenart zunehmend wohl. Bisher konnte die Asiatische Tigermücke in folgenden europäischen Ländern nachgewiesen werden: in Albanien, Bosnien-Herzegowina, Kroatien, Slowenien und der Türkei, in der Tschechische Republik, in Griechenland, Spanien, Italien, Frankreich, Schweiz, Belgien, in den Niederlanden und in Deutschland.

Luftüberwachung im Einweckglas

Am Leibniz-Zentrum für Agrarlandschaftsforschung, kurz ZALF, im brandenburgischen Müncheberg bei Berlin, findet ein bundesweites Überwachungsprogramm statt.

Stechmücken in einem Netz

Fangen, Einfrieren, Verschicken

Möglichst alle einheimischen und invasiven Stechmückenarten sollen aufgenommen werden. Eine Volkszählung der tierischen Art.

Welche Mücken leben wo? Wie groß ist ihr Vorkommen? Welche Mücken sind eingewandert, welche ausgestorben? Welche können Viruserkrankungen übertragen? Um diese Fragen zu beantworten, sind die Forscher auch auf Mithilfe der Bevölkerung angewiesen. In dem Projekt "Mückenatlas" sind alle deutschen Bürger potentielle Mückenjäger.

Mücke per Einschreiben

Jeden Tag öffnen die Wissenschaftler Behälter mit eingesendeten toten Insekten. Im ersten Projektjahr 2012 sammelten sie so 6000 Mücken aus ganz Deutschland, für 2013 rechnen sie mit wesentlich mehr. Interessierte Amateur-Mückenjäger erhalten auf der Homepage „www.mueckenatlas.de“ alle nötigen Informationen. Dort können sie ein Einsendeformular herunterladen und die gefangenen Tiere zum ZALF schicken.

Ab ins Eisfach mit der gefangenen Mücke

Ab ins Eisfach mit der gefangenen Mücke

Aufgrund der Analyse dieser Mücken und jener, die die Forscher selbst finden, erstellen sie Verbreitungskarten. Dank aufmerksamer Mitbürger sind sie auch auf die Asiatische Buschmücke aufmerksam geworden. Diese Mückenart ist in Deutschland weiter verbreitet als bisher angenommen.

Mitfahrgelegenheit für Insekten

Aber wie sind die tropischen Tierchen überhaupt hierhergekommen? Über kurze Distanzen überleben die Stechmücken oft in Personen- und Lastkraftwagen. Über weite Entfernungen werden die Mücken in der Regel in gebrauchten Autoreifen eingeschleppt, denn der weltweite Handel mit Altreifen floriert und die Mücken bevorzugen die im Freien gelagerten Reifen für ihre Eiablage. Wenn es dann am Zielort heftig regnet, geraten die Eier mit Wasser in Kontakt und die Larven schlüpfen. Auf diese Weise kam schon 1990 die Asiatische Tigermücke von den USA nach Italien.

Die Asiatische Tigermücke überträgt verschiedene für den Menschen bedrohliche Krankheiten. Neben dem Dengue-Virus, auch das West-Nil-Virus. Daran sind in den USA seit 1999 mehrere 10.000 Menschen erkrankt und weit über 1000 gestorben.

Weltmeister im Stechen

Fußball-WM-Fan mit Vuvuzela

Fußball-Weltmeisterschaft 2014 findet in Brasilien statt

Die Wissenschaftler fürchten auch den Reisetourismus anlässlich der Fußball-Weltmeisterschaft 2014 und der Olympischen Spiele 2016 in Brasilien. Denn in Brasilien sind zahlreiche Steckmücken zuhause, die tropische Krankheiten übertragen können. Grundsätzlich gilt, dass man in betroffenen Reisegebieten unter Moskitonetzen schlafen sollte, die idealerweise mit Mückenschutzmitteln imprägniert werden. Solche Netze sind jedoch vor Ort nicht immer problemlos zu beschaffen und sollten mitgenommen werden.

Östliche Tropen

Durch die jüngste Hochwasserkatastrophe in Süd- und Ostdeutschland haben sich die Mücken stark vermehrt. Denn stehendes Gewässer bietet ideale Brutbedingungen, vor allem wenn der Sommer heiß wird.

Hochwasserwarnung Wertheim

Stehendes Wasser ist der ideale Brutplatz für Mücken

Bei hohen Temperaturen verkürzt sich der Entwicklungszyklus der Stechmücken und ihrer Erreger. Ultraschallgeräte oder Lichtfallen sind kein effektiver Mückenschutz, auch Zitronella-Kerzen verschrecken die Insekten nur selten.

Die Wissenschaftler stehen schon in den Startlöchern, um in den Überschwemmungsgebieten Mücken zu sammeln und zu untersuchen, ob sich eine neue invasive Art in der Hochwasserregion verbreitet hat. Für Hinweise aus der Bevölkerung sind sie dankbar.

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