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Moos im Hunsrückmoor

Wunderpflanze der Evolution Warum Moos (theoretisch) die Luft reinigt

Von Gábor Paál

Moos im Garten? Entfernen! - Das ist die Haltung vieler Gartenbesitzer: Doch die Geringschätzung wird der Pflanze nicht gerecht: Vor Jahrmillionen eroberten Moose als erste Pflanzen das Festland. Heute sollen sie die Luftverschmutzung in Städten reduzieren. Beides hängt miteinander zusammen. Fakt ist: Ohne Moos gäbe es uns nicht.

Moos hat viele schöne Seiten. Es ist so angenehm weich, wenn man drüber läuft. Und es hilft, die Luft zu reinigen – wie die Mooswand, die am Stuttgarter Neckartor den Feinstaub filtern sollte - was aber dann - siehe unten - doch nur in der Theorie gelang.

Moos ist nicht sehr anspruchsvoll, es wächst an Bäumen und Betonwänden, es gibt Moos in den Tropen und selbst in der unwirtlichen Antarktis, wo sonst fast nichts wächst. Das ist eines der Phänomene, die den Moosforscher Ralf Reski beschäftigen: Zusammen mit südkoreanischen Forschern untersucht der Freiburger Biologe, wie Moose im Gegensatz zu fast allen anderen Pflanzen die antarktische Kälte und Dunkelheit überleben.

In seinem Labor an der Uni Freiburg lässt Reski jede Menge Moos wachsen - vor allem Physcomitrella patens, das "Kleine Blasenmützenmoos", an dem - und dessen Genen - er alles mögliche erforscht. Vor allem beschäftigen ihn Fragen der Evolution.

Die ersten Eroberer des Festlands

Moosartige Pflanzen waren die ersten Gewächse, die vor 450 Millionen Jahren das Land eroberten. Vorher waren die Kontinente wüst und leer. Nackter Fels, keine Bäume, keine Gräser. "Nicht mal eine Erdkrume gab es - die entstand ja erst später aus verrotteten Pflanzen", so Reski. Mit den Moosen wurden die Kontinente grün. Großflächig überzogen sie nun das felsige Festland.

"Genau genommen gab es damals nur einen Kontinent - den Superkontinent Pangäa", erklärt Reski. Die Moose seien letztlich aus Süßwasseralgen hervorgegangen, die an Land gespült wurden. "Die größte Herausforderung war der Schutz vor Austrocknung".

Algen leben im Wasser - dort können sie nicht austrocknen. Pflanzen, die das Land erobern wollen, müssen ihre Oberfläche so verändern, dass das Wasser nicht einfach austritt. Einer der entscheidenden Schritt in der Evolution war deshalb die Ausbildung einer wachsartigen Schicht – der sogenannten Cuticula. Reski und seine Kollegen haben kürzlich den molekularbiologischen Mechanismus entdeckt, der diesen Übergang von Wasser- zu Landpflanzen ermöglichte.

Rasen mit abgestorbenen Halmen, Hand hält Halme auseinander

Gärtner mögen Moos im Garten meist nicht

Moose haben die Welt verändert

Als mit den Moosen das Festland besiedelt hatten, veränderte sich einiges. Die neuen Landpflanzen speicherten CO2 und setzten Sauerstoff frei. Der Sauerstoffgehalt der Atmosphäre stieg. Das war auch die Voraussetzung dafür, dass bald auch Tiere das Festland für sich entdeckten. Denn nun gab es ja mit den Pflanzen dort auch etwas zu fressen. Die Moose haben das Festland somit auch für Wirbeltiere erst bewohnbar gemacht - ohne Moos nix Mensch!

Und die Moose sorgten zudem für klare Luft. Sie hielten Sand und Staub fest, der über dem zuvor nackten Festland herumflog. So gibt es eine direkte Verbindung zwischen der Evolution der Moose und ihrer Verwendung heute bei der Luftreinhaltung in Städten. Denn gerade weil es in der Urzeit der Erde keinen Boden gab, mussten Moose sich weitgehend aus der Luft ernähren - und tun es bis heute. Sie sind somit Meister darin, Nährstoffe aus der Luft zu binden - aber auch andere Stoffe. Schwermetalle etwa - auch das hat Ralf Reski untersucht.

Wird Moos unterschätzt?

Hobbygärtner können ihm meist nicht viel abgewinnen. In fast jedem Gartenbuch finden sich Tipps, wie man das Moos in Schach hält und verhindert, dass es sich im Rasen breitmacht. Ist das der richtige Umgang mit dieser besonderen Pflanze? "Natürlich wird das Moos unterschätzt!", findet Reski, räumt aber ein: "Meine Frau vertikutiert das in unserem Garten allerdings auch immer weg."
Im Audio oben gibt es das ganze Gespräch mit Ralf Reski.

Moos gegen Feinstaub?

2017 hat die Stadt Stuttgart ihre berühmte große Mooswand am Neckartor angebracht, einer der schadstoffbelastetsten Straßenkreuzungen Deutschlands. Wurde dadurch die Luft besser? Die Bilanz war ernüchternd:

Keine eindeutigen Effekte nachweisbar

Ja, auf den Moosblättern lagerten sich Feinstaub-Partikel ab, die dann als Nährstoffe aufgenommen werden können. Doch die Luft hat sich trotzdem nicht nachweisbar verbessert. Unter anderem der Luftsog, der durch die vorbeifahrenden Lkw verursacht wurde, wirbelte auch die Ergebnisse der wissenschaftlichen Untersuchungen durcheinander.

"Wir konnten zwar eine leichte Wirkung feststellen, allerdings liegt diese in der Größenordnung der Abweichungen durch Messunsicherheiten," erläuterte Ulrich Vogt von der Universität Stuttgart. "In jedem Fall konnte kein Nachweis erbracht werden, dass die Mooswand eine reduzierende Wirkung auf die Stickoxid-Belastung habe."

Grünes Moos wurde braun

Während des einjährigen Pilotversuches leitete das Staatliche Museeum für Naturkunde Stuttgart die biologischen Untersuchungen an der Mooswand. Regelmäßig wurden das Wachstum der verschiedenen Moosarten untersucht. Besonders schwierig war es, die Moose feucht und damit am Leben zu erhalten. Sonja Thielen, Projektverantwortliche beim Naturkundemuseum, sagte: "In urbanen Umgebungen, wie stark befahrenen Straßen, ist es sehr schwierig, Moose vital zu halten. Man müsste sie praktisch dauerhaft feucht halten – besonderes während langanhaltenden Trockenperioden in den Sommermonaten."

Falsch positioniert

Moose mögen es eigentlich schattig, die Experimentierwand stand jedoch auf einer Südseite. Die ausgesuchten verschiedenen Moosarten seien, so die Untersuchungen, zudem nicht gleichermaßen als Feinstaubkiller geeignet gewesen. Außerdem hatte das Streusalz im Winter auf der B14 den Moosen stark zugesetzt.

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