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Aus der 12-teiligen Reihe: "Die teilende Gesellschaft" (3) . Von Eva Schindele

StädterInnen unterstützen im Rahmen "Solidarischer Landwirtschaft" Biohöfe in der Umgebung oder konzipieren Mehr-Generationen-Häuser, um sich im Alltag gegenseitig zu helfen. Viele Initiativen wie die lokalen "Repair-Cafés" oder "Tafeln" wenden sich gegen die Wegwerfgesellschaft und unterstützen nachhaltiges Wirtschaften.

Dauer

Reparieren statt Wegwerfen

Ein Repair-Café ist ein Ort, an dem sich Menschen zum gemeinsamen Reparieren oder Pflegen von Alltagsgegenständen treffen, wie z.B. Fahrräder, Porzellan-Vasen, Geschirr, Textilien, Spielzeug, Kleingeräte, Handys, Computer ...

Das Ziel ist, der Billig-Gesellschaft eine bessere Lösung anzubieten: Die längere Nutzung von Dingen, die zum Wegwerfen zu schade sind. Es geht um Nachhaltigkeit, Einsparung von Ressourcen, Umweltschutz und gemeinschaftliches Handeln … Neu kaufen ist vielleicht manchmal billiger, aber im Sinne der Umwelt nicht unbedingt schlauer.

Repair-Cafés sind in den letzten Jahren wie Pilze aus dem Boden geschossen. Die meisten wurden von Bürger- und Bürgerinnen ins Leben gerufen, die eine andere Idee vom gesellschaftlichen Miteinander haben.

Helfen unter Nachbarn

Die Betriebswirtin Christine Bacher war eine der Initiatorinnen der "Tauschzeit" im oberbayerischen Bichl. Das ist nun fast 20 Jahre her. Sie war mit Mann und kleinem Kind von München in die Provinz gezogen und wollte Leute vor Ort kennenlernen, die sich gegenseitig nachbarschaftlich helfen.

Etwa 50 Leute machen heute bei der "Tauschzeit Loisachtal" mit – der jüngste ist 24, die älteste 83 Jahre – aber die meisten sind zwischen 40 und 60 Jahre. Sie wohnen alle in einem Umkreis von 10 km.

Die "Tauschzeit" ist kein eingetragener Verein. Möglichst wenig Bürokratie ist ihr Credo.

Ein kleines Notizbüchlein reicht

Die Tauschzeit Loisachtal war eine der ersten Tauschbörsen in Deutschland. Inzwischen gibt es etwa 350 solcher Börsen mit 40.000 Mitgliedern. Ihre Zahlungsmittel heißen "Äppel", "Watts", oder "Chiemgauer" oder eben Zeiteinheiten wie im Loisachtal.

Einmal im Monat treffen sich die Mitglieder zum Stammtisch. Jeder kann mitmachen, der selbst was einbringen kann. Einmal im Jahr wird das dann im "Marktblattl", das auch im Netz steht, veröffentlicht. Aber mit der Zeit weiß man, wer was gerne macht.

Zwei junge Männer halten ein Hinterrad in der Hand und reparieren es. (Foto: DASDING, DASDING - Eva-Maria Senftleben)
Repair - und damit Fair zur Umwelt DASDING - Eva-Maria Senftleben

Die ersten "modernen" Tauschringe entstanden in der Zeit der Weltwirtschaftskrise. Zum Beispiel im Tiroler Ort Wörgl. Dort wurde 1931 ein sogenanntes "Notgeld" eingeführt, das die verarmte Gemeinde innerhalb kurzer Zeit wieder zum Blühen brachte – bis das Experiment vom österreichischen Staat verboten wurde.

Lokale Wirtschaft

Erfolgreich weiterentwickelt wurde dieser Ansatz in den 1980er-Jahren auf der kanadischen Insel "Vancouver Island", als durch das Schließen einer großen Fabrik viele Einwohner verarmten. Heute versuchen sich Menschen im krisengeschüttelten Griechenland mit Tauschbörsen selbst zu helfen, indem sie einen "Wirtschaftskreislauf" zumindest lokal in Gang bringen.

Im Englischen werden diese vielfältigen alternativen Ansätze zum kapitalistischen Wirtschaften unter dem Schlagwort "Commons" zusammengefasst. Bei den "Commons" ist auch der soziale Prozess wichtig.

Im Grunde heißt er nichts anderes als das alte deutsche Wort Allmende - was so viel bedeutet wie Gemeingut. Das können Dinge sein, Pflanzen oder Räume, die niemandem gehören, aber von allen genutzt werden können. Auch die Weltmeere oder das Klima sind Commons.

Infrastruktur und Lebensqualität

Gerade in ländlichen Gebieten entstanden in den letzten Jahren viele Tauschringe oder ähnliche Projekte. Vielerorts ist die Infrastruktur weggebrochen und damit auch Lebensqualität: Die Post hat dichtgemacht, die Hausarztpraxis findet keinen Nachfolger mehr und zum nächsten Lebensmittelladen sind es 10 km.

Ellrichshausener Dorfladen "Rote Beete" Verteilung des Gemüses (Foto: SWR, SWR - Herbinger Stefanie)
Im Dorfladen wird einheimisches Gemüse verteilt SWR - Herbinger Stefanie

Das betrifft oft ältere Bewohner und Bewohnerinnen. Bürgerschaftliche Initiativen versuchen mancherorts, diese Missstände aufzufangen – initiieren ehrenamtlich mehrmals wöchentlich einen regionalen Busverkehr oder organisieren einen Dorfladen und verrechnen das in Zeitbanken.

Andere wollen nach dem Ende ihrer Berufstätigkeit etwas Sinnvolles tun. So entstanden die Zeitbanken 55plus, die bisher vor allem in Süddeutschland und Österreich verbreitet sind.

Altervorsorge in Japan

In Japan wird das Ansparen von Stunden in Zeitbanken erfasst und als eine Säule der Altersversorgung gesehen. Im finnischen Helsinki kämpft die Zeitbank mit mehr als 3.000 Mitgliedern mit den staatlichen Behörden, die die Tauschaktivitäten je nach Marktwert besteuern will. Und in Österreich will man die Kommunen mehr in die Zeitbanken einbauen.

Die Lebenszufriedenheit von Menschen steigt nicht mit dem Geld, das der einzelne zur Verfügung hat. Das jedenfalls sagen Glücksforscher. Wenn die Grundbedürfnisse erfüllt sind, dann ist es vor allem das sich Eingebundenfühlen, das Menschen zufrieden macht.

Die vielfältigen Initiativen von Bürgern und Bürgerinnen geben ihnen recht. Sie leben Kooperation und Wertschätzung im Alltag, entwickeln ein Wir-Gefühl – auch als Gegenpol zu Anonymität, Konkurrenz und sozialer Kälte.

Nachbarn im Internet

Die Formen des Kontaktes unterscheiden sich noch zwischen den Generationen. Während sich die Älteren im Wirtshaus treffen und ihre Stunden handschriftlich in Büchlein eintragen, begegnen sich die Jungen im virtuellen Raum.

Schon 23.000 Leute machen bei der österreichischen Initiative mit, die junge, mit dem Internet vertraute Leute 2014 ins Leben gerufen haben. Vor allem in Wien spannt sich ein weites Netzwerk. Über einen Blog können sich die registrierten Nachbarn und Nachbarinnen kontaktieren, austauschen oder eine eigene Gruppe bei Facebook bilden.

Ein Mann und eine Frau arbeiten in einem Gewächshaus mit Gemüse (Foto: SWR, SWR - Eva Just)
Bei der SoLaWi gehen die Verbraucher und Verbraucherinnen in Vorleistung und bezahlen eine feste Summe SWR - Eva Just

"Fragnebenan" war anfangs ein Verein, der mit viel ehrenamtlichen Engagement und kommunalen Geldern gefördert wurde. Doch dann war die Pflege der Internetplattform nicht mehr so nebenbei zu stemmen. Aus "Fragnebenan" wurde eine Geschäftsidee.

Solidarisches Landwirtschaften

Inzwischen haben die Initiatoren eine GmbH gegründet und wollen Leute auch in anderen Städten auf diese Art vernetzen. Finanziert werden soll das über die Werbung lokaler Unternehmen. Für Privatpersonen ist die Plattform dagegen kostenlos.

140 Mitglieder hat die Solidarische Landwirtschaft Oldendorf. Kurz: SoLaWi Oldendorf. Das Prinzip: Die Verbraucher und Verbraucherinnen gehen in Vorleistung und bezahlen eine feste Summe. Dafür bekommen sie jede Woche frisches Brot, Eier und – falls gewünscht – Fleisch sowie Obst und Gemüse – je nach Jahreszeit. Die Lebensmittel werden in eines der zehn Depots geliefert.

Eine Zusammenstellung von Obst und Gemüse der Saison liegt auf einer Tischplatte. Aktuelles Angebot für Mitglieder vom SpeiseGut - Solidarische Landwirtschaft. (Foto: imago/Jakob Hoff -)
Da sich Produzierende und Konsumierende zu "Prosumierenden" zusammentun, erwachsen neue Anforderungen auch an die Bauern, denn sie müssen vielfältigere Produkte anbauen imago/Jakob Hoff -

Viele Bauern kämpfen heute mit den niedrigen Preisen und Marktgesetzen, die die Agrarindustrie diktiert. Das geht auf Kosten einer vielfältigen Kulturlandschaft.

Die Prosumierenden

Angefangen hat dieses sozio-ökonomische Experiment 1988 mit dem Buschberghof in Schleswig Holstein. Inzwischen sind etwa 90 Bauernhöfe im bundesweiten Netzwerk "Solidarische Landwirtschaft" organisiert und mindestens genauso viele sind gerade dabei, sich zu gründen.

Dadurch, dass sich Produzierende und Konsumierende zu "Prosumierenden" – wie sie sich selbst nennen – zusammentun, erwachsen neue Anforderungen auch an die Bauern, denn sie müssen vielfältigere Produkte anbauen.

Doch auch wer gewohnt ist, im Supermarkt mal schnell einzukaufen, muss sich umgewöhnen und einmal in der Woche die frisch gelieferten Sachen aus dem Depot holen. Auf den Tisch kommt nur das, was die Saison hergibt.

Dafür weiß man, woher der Rucola oder die Eier stammen und braucht sich keine Sorgen um Lebensmittelskandale oder ausbeuterische Arbeitsverhältnisse zu machen.

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