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Frau hält sich die Ohren zu

Misophonie Hass auf Geräusche

SWR2 Impuls. Von Karen Schuller

Es gibt Menschen, die treiben bestimmte Geräusche in den Wahnsinn, sie entwickeln eine unbändige Wut, ja Ekel auf Ihr Gegenüber, das gerade in eine Karotte beißt. Misophonie ist der Fachbegriff für dieses Phänomen.

„Ich geh manchen Leuten ja schon gezielt aus dem Weg. ich geh Freundschaften nicht ein, weil ich weiß, ich halte es mit diesem Menschen nicht länger aus. Man entwickelt diesen Hass auf den Menschen, man schämt sich dermaßen dafür und weiß nicht, was man dagegen tun kann“, berichtet Marc. Kaugeräusche bringen ihn an den Rand der Verzweiflung. Wenn jemand in seiner Nähe etwas isst, dann könnte Marc an die Decke gehen, so quält ihn das. Alles begann bei ihm als Jugendlicher. Im Laufe der Jahre hat sich seine Geräuschempfindlichkeit gesteigert – mittlerweile ist Marc 44, er arbeitet als Ingenieur in der Motorenentwicklung - ausgerechnet in einem Großraumbüro. Die Geräuschkulisse seiner Kollegen belastet ihn extrem.

Misophonie noch wenig erforscht

Bislang hat der „Hass auf Geräusche“ weder bei Ärzten, noch in der Wissenschaft große Beachtung gefunden, so Detlef Pleiss aus Stuttgart, der sich in seiner Psychotherapie-Praxis intensiv damit auseinandersetzt: „Im Gegensatz zu Hyperakusis-Patienten, die auf jegliche Töne empfindlich reagieren, sind das bei den Misophonikern typischerweise Geräusche von anderen Menschen. Schmatzgeräusche, Nase hochziehen, Atmen, Gähnen Husten, all solche Geräusche können bei Misophonie ein Trigger sein, die diese Menschen richtig wütend machen.“

Frau kaut Karotte

Besonders menschliche Geräusche wie Kauen, Atmen oder Gähnen sind für Misophoniker nur schwer zu ertragen

Das hat massive Auswirkungen auch auf das Privatleben. Auch bei Marc. Er lebt mit seinen zwei kleinen Töchtern und seiner Frau in der Nähe von Ludwigsburg. Das Familienleben wird durch Marcs Misophonie sehr belastet. 

Auch Andreas Seebeck kennt dieses Verhalten von seinem Sohn. Zwölf Jahre war er damals, als alles anfing und er am Esstisch die Kaugeräusche seiner Mutter nicht ertragen konnte. „Am meisten gelitten hat meine Frau. Zu wissen, dass sich der eigene Sohn vor einem ekelt, das hat sie völlig fertig gemacht. Sie hatte Schuldgefühle, sie hat viel geweint, eigentlich waren wir alle total verzweifelt. Das ging so weit dass wir befürchteten, dass er sich was antut, das war eine unglaublich harte Zeit“, erzählt Andreas Seebeck.

Trigger vermeiden anstatt sie auszuhalten

Doch dann wurde er aktiv, wollte die ausweglose Situation seines Sohnes beenden. Seit eineinhalb Jahren kümmert er sich darum, dass Misophonie bekannter wird, will aufklären, damit Betroffene mehr Verständnis erfahren. Er hat sich Fachliteratur aus den USA besorgt, hat die Homepage Misophonie-Aktuell.de  und ein Forum für Betroffene gegründet. Die wichtigste Erkenntnis seiner Recherche: „Zu wissen, dass ein Betroffener Trigger vermeiden muss. Man darf nicht versuchen, sie auszuhalten, das verschlimmert das Ganze noch. Gegen Kaugeräusche kann man einen Rauschgenerator benutzen, bei Klassenarbeiten kann man Noise-Cancelling-Kopfhörer benutzen, die lassen gar keine Außengeräusche mehr durch. Überhaupt ist es wichtig, dass man ganz offen mit dem Thema umgeht.“

Mehrere Personen in einem Büro

Die Geräuschkulisse zum Beispiel in Großraumbüros bedeutet für Menschen mit Misophonie eine extreme Belastung

Europaweit gibt es gerade mal eine Klinik, die sich intensiv dieser Erkrankung widmet -  und die ist in Amsterdam. Ausführliche Forschungen dazu gibt es nicht. In einer jüngst in England veröffentlichten Studie haben Neurowissenschaftler herausgefunden, dass die Ursache eine Störung von emotionalen Kontrollmechanismen im Gehirn ist. Die Forscher vermuten, dass traumatische Kindheitserlebnisse der Grund sein könnten, warum es zu dieser gestörten Verarbeitung im Hirn kommt.

Angst vor Einsamkeit

Die Wut gegen bestimmte Geräusche ist nach wie vor Marcs ständiger Begleiter: „Ich habe die große Angst, dass ich das meinen Kindern anerziehe, diese Empfindlichkeit. Man hat natürlich auch Angst, dass man vereinsamt. Denn irgendwann geht die Beziehung drauf, die Kinder schotten sich ab, man trifft sich nicht mehr mit Freunden.“

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