Ein junger Mann drückt seine Finger an die Schläfen und verzieht sein Gesicht zu einer Grimasse. (Foto: Colourbox, Model Foto: Colourbox.de -)

Wie gut helfen Therapien ohne Pillen? Migräne

SWR2 Wissen. Von Ulrike Till

Bei Migräne – eine Tablette. Das muss nicht immer sein. Regelmäßige körperliche Bewegung und tägliche Entspannungsübungen können die Attacken reduzieren.

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Etwa jeder zehnte Deutsche leidet unter Migräne: typisch sind heftige, pulsierende Kopfschmerzen, oft nur auf einer Seite. Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft hat nun Hunderte von Studien zu sanften Ansätzen geprüft und kürzlich die erste Leitlinie für Migräne-Behandlung ohne Pillen herausgegeben.

Rund acht Millionen Menschen in Deutschland leiden unter Migräne – viele von ihnen haben Angst, dass ihre Kopfschmerzen vielleicht doch von einem Hirntumor stammen. Wenn die Ärzte das nach gründlicher Untersuchung ausschließen können, fällt Patienten ein Stein vom Herzen. Zu unterscheiden ist die Migräne auch vom Cluster-Kopfschmerz.

Gute Beratung reduziert Schmerzattacken

Ausführliche Aufklärung ist entscheidend für eine erfolgreiche Migräne-Behandlung – und hat schon in sich einen therapeutischen Effekt. Studien mit insgesamt mehr als 2500 Migräne-Kranken belegen, dass alleine eine gründliche Beratung die Zahl der Kopfschmerzattacken reduziert.

Geradezu befreiend wirkt die Erkenntnis, dass diese sogenannten primären Kopfschmerzen handfeste biologische Ursachen haben. Wer unter Migräne leidet, ist weder psychisch labil noch ein Drückeberger – diese Vorurteile gibt es noch immer, sie sind aber längst widerlegt.

Falsche Entzündung

Grundlage der Migräne ist ein überempfindliches Nervensystem. Bestimmte Botenstoffe im Gehirn sind falsch reguliert – während eines Anfalls werden Entzündungsstoffe freigesetzt, das führt zu einer Überreizung des Trigeminusnervs und strapaziert die kleinen Blutgefäße.

Auch Gefühle wie Liebe lassen sich neurobiologisch erklären (Foto: Colourbox, Foto: Colourbox.de -)
Hormonelle Veränderungen, bestimmte Nahrungsmittel, Wetter, Stress oder Schlafmangel können eine Attacke auslösen Foto: Colourbox.de -

Die Folge ist eine fehlende Schmerzhemmung im Hirnstamm mit den typischen Migränekopfschmerzen. Hormonelle Veränderungen, bestimmte Nahrungsmittel, Wetter, Stress oder Schlafmangel können eine Attacke auslösen – häufig aber bleibt unklar, was einen Anfall hervorruft.

Doch es gibt Verhaltensweisen, die nachweislich die Häufigkeit und Intensität der Migräne reduzieren. Eine Schlüsselrolle spielt dabei regelmäßige körperliche Bewegung, geraten wird zu Ausdauertraining: zum Beispiel Joggen, Walken oder Schwimmen. Idealerweise dreimal pro Woche für mindestens eine halbe Stunde.

Gezielte Entspannung im Kopf

Auch ganz ohne anstrengende Bewegung können Patienten Migräne-Attacken vorbeugen: mit gezielten Entspannungsübungen. Besonders bewährt hat sich die progressive Muskelentspannung nach Jacobson: bei der Methode aus den 1930er Jahren werden insgesamt 16 Muskelgruppen von der Stirn bis zu den Füßen nacheinander kurz angespannt und dann wieder losgelassen.

Großvater sitzt auf einem Sofa im Schneidersitz und meditiert. Neben ihm albert ein kleineres Mädchen herum und lacht. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Einige Überblicksarbeiten kommen zu dem Ergebnis, dass Entspannungsverfahren genauso wirksam sind wie vorbeugende Medikamente gegen Migräne Thinkstock -

Das führt zu einer tieferen Entspannung als wenn man sich nur in Gedanken vornimmt, lockerzulassen. Studien belegen, dass tägliche Entspannungsübungen die Zahl der Migräne-Anfälle senken; gleichzeitig empfinden viele Patienten ihre Attacken als weniger schmerzhaft.

Einige Überblicksarbeiten kommen zu dem Ergebnis, dass Entspannungsverfahren genauso wirksam sind wie vorbeugende Medikamente gegen Migräne. Auch Meditation und autogenes Training helfen, aber die Progressive Muskelentspannung ist viel einfacher zu erlernen.

Viele sanfte Möglichkeiten

Die Übungen lockern nicht nur verspannte Muskeln, sondern bewirken Veränderungen im Gehirn. Jede Migräne-Attacke bedeutet einen Kontrollverlust – wer selbst gegensteuern kann, gewinnt mehr Selbstbewusstsein und Gelassenheit.

Eine Frau geht mit ihrem Hund spazieren (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Es gibt Verhaltensweisen, die nachweislich die Häufigkeit und Intensität der Migräne reduzieren Thinkstock -

Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft hat Hunderte von Studien zu sanften Ansätzen gegen Migräne geprüft und kürzlich die erste Leitlinie für Migräne-Behandlung ohne Pillen herausgegeben: Zentrale Punkte sind die Progressive Muskelentspannung, Biofeedback und Bewegung.

Auch die kognitive Verhaltenstherapie spielt in der neuen Leitlinie eine wichtige Rolle: Zehn bis 25 Stunden unter Anleitung eines erfahrenen Psychotherapeuten führten in Studien zu deutlich weniger Kopfschmerzattacken und besserer Lebensqualität.

Biofeedback und Vagusnerv

Eine weitere Alternative zu Medikamenten ist Biofeedback: Diese Methode setzt direkt bei den körperlichen Prozessen während einer Migräne an. Wenn ein Anfall beginnt, erweitern sich die Blutgefäße im Gehirn – genau diese Erweiterung lässt sich mit gezieltem Training stoppen. Etwa zehn Sitzungen brauchen die meisten, bis sie das Biofeedback beherrschen.

Eine Apothekerin sucht nach einem Arzneimittel (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Triptane und Schmerzmittel wirken nicht nur direkt, sondern über einen Umweg auch vorbeugend Thinkstock -

Die Deutsche Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft empfiehlt Biofeedback als wirksame, sanfte Therapieform. Im klinischen Alltag spielt die Methode dennoch kaum eine Rolle. Migräne-Kliniken und Rehazentren bieten zwar Kurse an, aber nur einige Patienten üben danach zu Hause weiter.

Und niedergelassene Therapeuten haben Biofeedback höchst selten im Programm. Vermutlich auch deswegen, weil die Krankenkassen die Kosten nicht übernehmen. Sehr viel leichter lässt sich ein anderes Verfahren im Alltag nutzen: die Anregung des Vagusnervs – entweder über eingepflanzte Elektroden oder über schmerzfreie Impulse außen auf der Haut.

Frühe Behandlung wichtig

Diese Form der Neurostimulation hat in jüngster Zeit enorme Fortschritte gemacht, manche Ärzte nutzen sie bereits bei schwer behandelbaren Formen von Epilepsie und Depressionen. Vor allem die nicht-invasive Variante, bei der die Stimulation rein von außen erfolgt, könnte sich bei Migräne durchsetzen.

Migräne bei Jugendlichen (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Grundsätzlich kommt es darauf an, Migräne so früh wie möglich zu behandeln Thinkstock -

Noch fehlen vergleichende Untersuchungen mit Probanden, die nur mit einer Placebo-Stimulation behandelt wurden. Dennoch sind schon erste Geräte zur Anregung des Vagusnervs auf dem Markt. Trotz aller Fortschritte in der Migräne-Behandlung ohne Pillen – Medikamente werden in der Therapie auch weiter eine wichtige Rolle spielen.

Denn Triptane und Schmerzmittel wirken nicht nur direkt, sondern über einen Umweg auch vorbeugend, denn sie reduzieren den Stress als verlässliche Akuttherapie. Allerdings nur dann, wenn Patienten die Mittel an höchstens zehn Tagen im Monat einnehmen; sonst droht der gefürchtete "Übergebrauchskopfschmerz".

Grundsätzlich kommt es darauf an, Migräne so früh wie möglich zu behandeln. Stefanie Förderreuther, Präsidentin der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft, rät Betroffenen, sich gleich nach den ersten Anfällen zum Facharzt überweisen zu lassen.

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