Drogentote (Foto: SWR, picture alliance, dpa -)

Methadon Heroin-Ersatztherapie in der Krise

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SWR2 Wissen. Von Sigrun Damas

Methadon: Eine Chance für Heroinsüchtige, dem Drogenkonsum und der Beschaffungskriminalität zu entkommen. Doch immer weniger Ärzte übernehmen diese Hilfe.

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Seit mehreren Jahrzehnten können Heroin- und andere Opiatabhängige von niedergelassenen Ärzten den Ersatzstoff Methadon bekommen. Dass diese Therapie die Gesundheit der Betroffenen stabilisiert und Beschaffungskriminalität mindert, gilt als erwiesen. Aber immer weniger niedergelassene Ärzte bieten sie an. Denn sie erhalten dafür nur wenig Honorar und müssen mit strafrechtlichen Konsequenzen oder auch mit einer anhaltenden Stigmatisierung als "Drogenarzt" rechnen.

Nur wenige Ärzte kümmern sich um Drogenabhängige

Das Land Baden-Württemberg fordert von der Bundesregierung seit längerem, die Rahmenbedingungen für Ärzte zu ändern und damit die Behandlung der Süchtigen sicherzustellen. Und es erprobt neue Formen der Versorgung - wie das Substitutions-Mobil im ländlichen Raum.

Martin Burger, ist Hausarzt mit Leib und Seele. Auch für Drogenabhängige. Er ist jetzt 61 – und damit ungefähr im Durchschnittsalter niedergelassener deutscher Substitutionsärzte. Also der Ärzte, die sich um Heroin- und andere Opiatabhängige kümmern. Nur wenige junge Kollegen rücken nach.

Sobald der Körper wieder nach der Droge ruft, beginnt der Entzug. Das sind körperliche und seelische Schmerzen. Wer einen Entzug durchmacht, hat nur noch ein Ziel: an die Droge zu kommen, so schnell wie möglich und egal wie. So rutschen viele Betroffene irgendwann in die Beschaffungskriminalität.

Eine Drogenspritze, eine Kerze und ein Löffel (Foto: SWR, colourbox - Benjamin Gelman)
Ein Drogenbesteck für Junkies colourbox - Benjamin Gelman

Psychische Abhängigkeit bleibt ein Leben lang

Die Sucht nach Heroin ist eine der  folgenreichsten Süchte. Heroin gehört zu der Gruppe der Opiate. Opiatabhängig sind in Deutschland etwa 150.000 Menschen. Davon werden etwa 77.000 mit dem Ersatzstoff Methadon versorgt. Man kann Heroin durch die Nase schnupfen, auf Folie rauchen oder direkt in die Ader spritzen. Auf diesem Weg entfaltet es sein Suchtpotential besonders schnell. Schmerz, Angst, Trauer – körperliche und seelische Qualen –  sind wie ausgeknipst.

„Ein großes Problem ist die psychische Abhängigkeit. Wenn die sich einstellt – dann bleibt sie ein Leben lang. Man kann das nicht heilen. Man muss damit leben“, erklärt Rainer Spanagel, Psychopharmakologe am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim.

Das Problem: Heroin- bzw. Opiatsucht wird von weiten Teilen der Gesellschaft nicht akzeptiert. Rainer Spanagel berichtet: „Die meisten empfinden: Das ist selbst verschuldet, das ist Willenschwäche. Es wird als Erkrankung von der breiten Bevölkerung gar nicht anerkannt. Was natürlich betrüblich ist – denn die Menschen sind sehr krank.“

Die Versorgung wird sich weiter verschlechtern

Kranke, aus deren Versorgung sich auch die Ärzte seit einigen Jahren langsam zurückziehen. Das hat viele Gründe, wie man in der Praxis von Frank Matschinski in Ravensburg erfahren kann. Frank Matschinski ist Internist und betreut Opiatabhängige in seiner Schwerpunkt-Praxis, die sich ausschließlich um diese Sucht-Patienten kümmert. Damit ist er der einzige in Oberschwaben. Außer ihm gibt es nur noch 6 Hausärzte und -ärztinnen, die ebenfalls Drogenpatienten betreuen. Und die Versorgung wird sich in den nächsten Jahren noch verschlechtern – weil die älteren Ärzte in den Ruhestand gehen und keiner ihren Platz einnimmt.

Ein Gramm Heroin kostet auf dem Schwarzmarkt 30 bis 60€. Abhängige benötigen meist zwischen 0,5 und 3 Gramm Heroin am Tag, das sie über den Tag verteilt einnehmen oder injizieren. Die Substitutionstherapie ist eine Chance, dem Teufelskreis von Drogenkonsum und Beschaffungskriminalität zu entkommen. Die Premos-Studien im Auftrag des Bundesgesundheitsministeriums haben gezeigt, dass das Programm den Drogenkonsum verringert, den Gesundheitszustand und die Lebenserwartung der Betroffenen verbessert und vielen den Weg zurück in die Gesellschaft bahnt.  Doch nicht alle schaffen den Weg zurück in ein ganz normales Arbeitsleben. So ist es auch unter den Patienten von Frank Matschinski. Nur etwa 40% arbeiten.

Der Umgang mit Sucht-Patienten ist schwierig

Es gibt unterschiedliche Präparate zur Opiatsubstitution. Einige Patienten bekommen sie als Tablette. Die wird vorher gemörsert – um zu verhindern, dass der kostbare Stoff ausgespuckt und später weiterverkauft wird. Andere erhalten Methadon als Saft aus dem Mini-Tresor, per Computer präzise ausdosiert und abgefüllt. Wer zum ersten Mal erscheint, wird körperlich untersucht und muss einen Vertrag unterschreiben.

Eine Hand zieht  in der ersten Ausgabestelle für Diamorphin in Baden-Württemberg in Stuttgart (Baden-Württemberg) eine Spritze auf (gestellte Szene). (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Die meisten Methadon-Patienten bekommen ihr Medikament täglich in der Praxis verabreicht. Nur wenige Vertrauenswürdige dürfen die Ersatzdroge mit nach Hause nehmen picture-alliance / dpa -

Der Umgang mit Sucht-Patienten ist nicht einfach. Das gibt Frank Matschinski zu: „Sie sind kompliziert, sie verstehen die üblichen Verhaltensregeln nicht. Man muss sehr viel Geduld mit ihnen haben und versuchen, sich in sie hinein zu versetzen. Wir nennen das Beelterung: sie so aufzunehmen, wie sie sind. Sie so zu akzeptieren, wie sie sind. Da sind wir sicherlich toleranter, als andere, die sagen: Mensch, so eine Person in der Hausarztpraxis kann ich gar nicht behandeln.“

Substitutionsärzte unterliegen dem Strafrecht

Wer Methadon vergibt, unterliegt dem Betäubungsmittelgesetz und steht sozusagen immer mit einem Bein im Gefängnis. Vielen Ärzten ist das ständige Arbeiten am Rande der Legalität zu anstrengend. Und so haben viele Kollegen von Substitutionsarzt Frank Matschinski im Laufe der Jahre entnervt aufgegeben.

Ein Problem, das auch die Selbstverwaltung der Ärzte, die Kassenärztliche Bundesvereinigung, erkannt hat. Deren stellvertretende Vorstandsvorsitzende Regina Feldmann möchte, dass der Gesetzgeber die Betäubungsmittelverordnung ändert: „Es muss dringend die strafrechtliche Bedrohung weggenommen werden. Als das damals aufgenommen wurde, haben sehr viele Ärzte aufgehört. Und es kommt immer wieder zu Strafanzeigen – obwohl die Ärzte rein medizinisch überhaupt keinen Fehler gemacht haben.“

Jugendliche zieht ein Tütchen mit weißem Pulver aus ihrer Jeans. (Foto: Getty Images, Thinkstock -)
Viele Heroin-Abhängige rutschen irgendwann in die Beschaffungskriminalität Thinkstock -

Aber nach wie vor unterliegen Substitutionsärzte dem Strafrecht. Es bleibt somit eine Hürde. Eine andere ist die Bezahlung, meint Hausarzt Martin Burger: „Diese Patienten sind extrem betreuungsaufwändig. Nicht nur in der Substitution, sondern auch in den Begleitkrankheiten. Wir bekommen für einen Patienten für 3 Monate Behandlung durchschnittlich 160 Euro. Das ist verglichen mit anderen Patienten zu wenig.“

Der Substitutionsarzt Frank Matschinski hat sich mit Unterstützung des Sozialministeriums etwas einfallen lassen, um die Drogentherapie aufrecht zu erhalten. Jeden Dienstag fahren er und seine Frau Michaela in einem Wohnwagen von Ravensburg an den Bodensee. Die Idee zum Substitutionsmobil ist aus der Not geboren ist. Denn für Patienten, die zur Arbeit gehen, ist die Substitution am Bodensee schwierig geworden.

Die Zahl der Drogentoten steigt seit Jahren

Der Markt hat sich verändert. Heute nehmen Einsteiger oft neue, gefährliche Opiate. Das beobachtet auch Rainer Spanagel vom Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim: „Wir haben hier in Deutschland und in Europa zunehmend neue Opiate. Das sind Phentanylabkömmlinge, die hoch potent sind, wo geringste Mengen im Milligrammbereich ausreichen, um eine enorme Wirkung zu erzeugen. Substanzen, die noch nicht mal kontrolliert ist. Solche Trends müssen betrachtet werden.“

Jede Zeit hat ihre Drogen. Lange waren es die Wachmacher Koks und Amphetamine. Inzwischen steige eher das Verlangen nach abschaltenden Drogen. Drogen, die einen in eine eigene heile Welt befördern – wie Opiate es tun. Das belegen auch die Statistiken der Suchtbeauftragten der Bundesrepublik. Die Zahl der Drogentoten steigt seit vier Jahren, allein im Jahr 2015 um fast 20 Prozent. Substitutionsärzte, die sich um Drogenkranke kümmern, werden wohl auch in Zukunft gebraucht.

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