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Was taugen medizinische Selbsttests? Doktorspielchen

Ob Schrittzähler, Schwangerschaft oder Schlafverhalten – über Tests und Apps kann man seinen eigenen Körper durchchecken. Blutwerte, Hautoberfläche oder Puls liefern den Input für die absolute Selbstvermessung. Bis der Arzt kommt - oder braucht es den gar nicht mehr?

Gesund oder krank?

Gesund oder krank?

Es gibt einen Trend zum Selbsttest. Vor allem Befindlichkeitstests sind gefragt. Gut 15.000 "Gesundheits-Apps" gibt es mittlerweile. Doch der Verbraucherschutz mahnt zur Zurückhaltung.

Was früher der Ernährungs-Test in der Frauenzeitschrift war, ist heute die "Nutrition-App" auf dem Smartphone. Es gibt Schrittzähler fürs Handgelenk, Pulsmesser und Personen-Waagen mit Smartphone-Anschluss. Der "Beddit-Sensor", der unter dem Bettlaken platziert wird, sendet am nächsten Morgen einen Bericht über das Schlafverhalten aufs Handy. Aber auch die Heimtests sind im Kommen. So zeigt eine Untersuchung der Universität Maastricht, dass bereits jeder sechste Niederländer einen solchen Test persönlich genutzt hat.

Nur ein kurzer Pieks

Blutzucker messen

Blutzucker messen

Viele Tests basieren darauf, dass man sich selbst etwas Blut abnimmt. Zumeist mit einer Lanzette, die man in die Fingerkuppe sticht. Doch selbst Diabetes-Patienten, die täglich auf diese Weise ihren Blutzuckerspiegel kontrollieren, machen dabei Fehler. Das Test-Ergebnis zeigt dann: "alles in Ordnung", obwohl das gar nicht stimmt. Man wiegt sich in Sicherheit und ist es doch nicht. Doch selbst wenn die Probe zuhause richtig genommen wird, ist fraglich, wie aussagekräftig das Ergebnis ist.
Noch problematischer sind Tests auf Prostata-Krebs oder Multi-Krebs-Tests, die in den letzten Jahren verstärkt angeboten werden. Denn wenig aussagekräftige Ergebnisse können hier zu besonders großer Verunsicherung führen.

Fragwürdig sind auch Selbsttests, die versprechen, Allergien oder Nahrungsmittelunverträglichkeiten zu erkennen, warnt Professor Torsten Zuberbier vom Allergiezentrum der Berliner Charite. Seit einiger Zeit bieten Firmen zum Beispiel vermehrt Selbsttests auf Gluten-Unverträglichkeit an. Sie werden über das Internet vertrieben, aber auch in Apotheken oder Drogeriemärkten verkauft.

Falsche Allergien

Schwangerschaftsstest

Schwangerschaftsstest

Laut Werbung der Hersteller lasse sich in wenigen Minuten feststellen, ob eine Unverträglichkeit auf das "Kleber-Eiweiß" besteht, das in Weizen und Dinkel, aber auch in Roggen und Gerste vorkommt. Doch Zuberbier ist skeptisch. Der Wissenschaftler hat vor Jahren selbst an der Entwicklung eines Allergie-Schnelltests mitgearbeitet – er weiß wie schwierig es ist, auf die Schnelle diagnostisch belastbare Aussagen zu treffen.
Zuberbier rät daher im Bereich "Allergien" von Selbsttests ab. Allerdings: Einen Heimtest hält er dann doch für sinnvoll. Nämlich den, der das Heim testet: zum Beispiel auf die Konzentration von Hausstaubmilben oder Tierhaaren. Zur Diagnose am Menschen eignen sich die Selbsttests allerdings nicht.

Ein halbes Dutzend Testpäckchen liegt auf dem Tisch von Dr. Armin Schafberger von der Deutschen AIDS-Hilfe in Berlin. Er ist Referent für Medizin und Gesundheitspolitik. Auch die AIDS-Hilfe verwendet diese Schnelltests, die die HIV-Antikörper detektieren. Diese sind in Deutschland zugelassen, jedoch nur in der Anwendung durch ärztliches Personal. Seit 2009 ist der Verkauf von HIV-Heimtests an Privatpersonen in Deutschland untersagt.

Unsicherer Aidstest

HIV-Test

HIV-Test

Die Bluttests für die Aidstestung sind Standard-Produkte, die bei richtigem Gebrauch aussagekräftige Ergebnisse liefern. Jedoch scheitern viele Laien daran, sie „richtig“ zu benutzen, denn nicht jeder nimmt sich perfekt selbst Blut ab. Deshalb lockt der Versand mit einem Speicheltest. Der aber ist nicht so zuverlässig. Als die US-amerikanische Gesundheitsbehörde FDA den Speicheltest 2012 dennoch als Heimtest zuließ, sorgte die Entscheidung auch hierzulande für Schlagzeilen. Bei der AIDS-Hilfe gehen bis heute Anfragen über die Zuverlässigkeit des neuen Testverfahrens ein. Die liegt bei 93 Prozent – ein Wert der bei weitem nicht ausreicht. Weil er den verbleibenden sieben Prozent eine falsche Sicherheit vorgaukelt.

Mit dem Sinn und Unsinn, Zuverlässigkeit oder gar Gefährlichkeit medizinischer Heim-Tests beschäftigt sich auch der Sozialwissenschaftler Dr. Bernard Braun. Seit Jahren beobachten er und seine Kollegen vom Institut für Sozialpolitik der Universität Bremen die neuesten Entwicklungen auf dem Gesundheitsmarkt. Sie fassen medizinische Studien zusammen, erläutern Hintergründe. Zuletzt berichteten sie über eine Smartphone-Software zur Hautkrebs-Diagnose.

Hautkrebs bleibt unerkannt

Gesundheitsapp oder Arzt?

Gesundheitsapp oder Arzt?

Einfach die Hautveränderung einscannen und schon liefert die App auf dem Smartphone die Diagnose. US-amerikanische Wissenschaftler der Universität Pittsburgh untersuchten jüngst die Treffsicherheit von Smartphone-Software. Die Dermatologen stellten knapp 200 Bilder von Melanomen und harmlosen Hautflecken zusammen und ließen sie von vier verschiedenen Apps optisch untersuchen. Dabei zeigte sich die hohe Fehlerquote der Apps.

Falschpositive Befunde beunruhigen die Testpersonen. Wer deshalb zum Arzt geht, wird danach wenigstens aufatmen können. Wesentlich problematisch sind die falsch-negativen Befunde. Drei der vier überprüften Programm schätzten mindestens 30 Prozent der Krebsgeschwüre als harmlose Hautveränderungen ein. Seitdem die Wissenschaftler ihre Untersuchungen im Fachjournal "JAMA Dermatology“ veröffentlichten, diskutieren Gesundheitsschützer in den USA über eine verschärfte Kontrolle medizinischer Smartphone-Software.

Funktion nicht gleich Nutzen

Pulsmesser

Pulsmesser

Susanne Mauersberger, gesundheitspolitische Referentin beim Bundesverband Verbraucherzentralen, analysiert schon seit Jahren den Markt für Medizinprodukte. Implantate, Wundpflaster oder Diagnostik werden - anders als Medikamente – lediglich durch eine "Herstellerprüfung" zugelassen. Das trifft auch für fast alle Selbsttests zu. Sie werben mit CE-, TÜV- oder Iso -Zeichen. Die besagen allerdings lediglich, dass der Test funktioniert, nicht, ob er dem Anwender nützt. Die Testanbieter müssen - wie jeder Hersteller - für ihr Produkte und deren Funktionalität haften. Allerdings gilt das nicht für die Qualität der Ergebnisse.

Selbsttest oder doch lieber zum Arzt?

Selbsttest oder doch lieber zum Arzt?

Der Verbraucherschutz mahnt deshalb zur Zurückhaltung. Generell gilt: Nur Tests mit einer eindeutigen Aussagekraft sind wirklich sinnvoll, wie etwa Schwangerschaftstests oder Blutzuckermessungen. Bei Tests mit stark interpretationsbedürftigen Ergebnissen wie etwa Krebs- oder Allergietests dagegen ist Vorsicht angebracht. Man sollte lieber gleich zum Arzt gehen. Auch wenn die Angebote zur Selbstvermessung weiter zunehmen werden.

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