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Gefährliche Nebenwirkungen Wenn Medikamenten-Cocktails krank machen

Allergischer Schock, Schlaganfall oder Nierenversagen: Tabletten und Arzneimittel-Cocktails können mitunter fatale Nebenwirkungen haben. Ärzte verschreiben schnell und viel, Verbraucher gehen mit rezeptfreien Schmerzmitteln oft fahrlässig um. Am Universitätsklinikum Heidelberg gibt ein neuer digitaler Medikamentenplan Ärzten und Patienten optimale Orientierung.

Giftinformationszentren verzeichnen Tausende Vergiftungsfälle pro Jahr durch Paracetamol, Ibuprofen, Diclofenac und Aspirin- so belegen Daten des Statischen Bundesamtes. Dass jeder sich mit fiebersenkenden, schmerzstillenden und entzündungshemmenden Mitteln selbst versorgen kann, indem er sie in der Apotheke kauft, ist bequem und erweist sich in unserer leistungsorientierten Gesellschaft als schnellste Möglichkeit, wieder fit und einsatzbereit zu sein.


Gefährliche Nebenwirkungen

Doch gefährliche Nebenwirkungen bei frei verkäuflichen Schmerzmitteln sind unbestritten: Paracetamol zerstört in hohen Dosen und dauerhaft genommen die Leber; Aspirin, Diclofenac und Naproxen können zu Magenbluten führen und Magengeschwüre verursachen; Ibuprofen kann die Nierenfunktion einschränken und die Blutgerinnung hemmen.


Kleine Packungen gegen Missbrauch

Arzneimittelverpackung mit roten Pillen

Medikament ohne Nebenwirkungen?

Das Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte prüft, ob Arzneimittel wirksam und unbedenklich sind, und entscheidet, welche Medikamente in Deutschland auf den Markt kommen und welche nicht. Um bei frei verkäuflichen Schmerzmitteln Überdosierung und Missbrauch einzuschränken, wollen die Bonner Gesundheitsexperten "weniger Pillen in der Packung" durchsetzten. Ibuprofen z.B. soll es dann künftig nur mit maximal 12 Tabletten à 400 Milligramm rezeptfrei in der Apotheke geben. Paracetamol gibt es bereits seit 2009 nur bis maximal 10 Gramm rezeptfrei.

Pillenboom in Deutschland

Von Jahr zu Jahr ufert der Pillenkonsum in Deutschland aus. Nach Angaben des "Verbands Forschender Arzneimittelhersteller" ist der Umsatz der Apotheken innerhalb der vergangenen zehn Jahre um 30 Prozent gestiegen; dies betrifft rezeptfreie und verschreibungspflichtige Medikamente. Das liegt unter anderem daran, dass die Verbraucher Medikamente als zu harmlos einstufen.


35 Milliarden Pillen pro Jahr

Wie extrem häufig der Griff zur Tablette notwendig erscheint, belegen Zahlen der gesetzlichen Krankenkassen: 35 Milliarden Tagesdosen Medikamente wurden in Deutschland allein im Jahr 2010 verordnet. Jeder Vierte Versicherte bekommt vier, fünf oder mehr Medikamente verschrieben, so listet der aktuelle Arzneimittelatlas für Baden-Württemberg auf.

Tablettensucht auf Rezept

Ärzte in Deutschland greifen schnell zum Rezeptblock: 626 Millionen Mal in einem Jahr, so weist es der Arzneimittelverordnungsreport 2012 nach. Tabletten nicht als letzter Ausweg, sondern als erster Schritt, der weiterhelfen soll. Wer, was und wie viel verschreibt, darüber geht der Überblick verloren. Nach einer Studie des Frankfurter Instituts für Allgemeinmedizin, wissen Hausärzte bei der Mehrzahl ihrer Patienten nicht genau, was diese alles für Medikamente nehmen. Im Zweifelsfall wird ein weiteres verschrieben. Manche Patienten geraten dann in eine Tablettensucht.


Gefährlicher Pillen-Cocktail

Cholesterinsenker, Blutdruckpillen und Blutverdünner stehen ganz oben, gefolgt von Betablockern, Kopfschmerz - und Grippemitteln sowie Vitaminpräparaten, kunterbunt zusammen gewürfelt. Mit jedem zusätzlichen Wirkstoff steigt das Risiko von Neben- und Wechselwirkungen steil an, warnt Christoph Middendorf, Leiter der Oberbergklinik im Schwarzwaldort Hornberg. Bei drei Medikamenten sind es drei potentielle Interaktionen, bei sechs Medikamenten bereits fünfzehn.

Pillen

Mehr Pillen = mehr Risiko

Jeder vierte Patient, der sechs oder mehr Tabletten schluckt, leidet nicht nur an seinen Krankheiten, sondern an unerwünschten Nebenwirkungen seiner Pillencocktails, stellt die Kassenärztliche Bundesvereinigung fest. Die Patienten können gesundheitlich geschädigt sein einmal auf organischer Ebene , dadurch dass gewissen Organsysteme angegriffen werden. Das kann die Leber sein, das kann die Niere sein, das kann Herz-Kreislaufbeeinträchtigung sein, und natürlich auch insbesondere bei den Schlafmitteln Beruhigungsmittel und Psychopharmaka die psychischen Beeinträchtigungen mit vermehrter Vergesslichkeit mit motorischen Störungen, dass Patienten dann stolpern und verlangsamt sind sich nicht mehr erinnern können und dadurch auffallen, dass sie vermehrte Stürze haben.

Spiel- oder Sexsucht als Nebenwirkung

Bis zu 300. 000 Patienten in Deutschland erleiden jährlich gefährliche Nebenwirkungen oder Wechselwirkungen durch Medikamente, etwa 25.000 Menschen sterben daran.
Nur wenige chronisch kranke Patienten entscheiden sich, auf Medikamente zu verzichten. Medikamente gegen Parkinson sollen mitunter unkontrollierbare Essattacken, Spielsucht oder Sexsucht als Nebenwirkung haben.


Einfluss der Pharma-Industrie

Medikamenten Engpass

Nebenwirkungen manchmal stärker als die Wirkung?

Die Nebenwirkungen eines Medikaments zur Behandlung von Diabetes-Typ 2 führten im Zeitraum von 2000 bis 2010 in Amerika und Europa zu tausenden Herzanfällen und Todesfällen, erzählt der Regensburger Pharmakologe David Klemperer. Er berät in der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft Mediziner, und versteht sich als Gegengewicht zur Pharmalobby: Man sollte keinesfalls schwarz-weiß sagen, die Ärzte wissen nicht, was sie verschreiben. Es ist eher so, dass zu viele Ärzte sich nicht umfassend informieren. Eine Studie an deutschen Ärzten hat gezeigt, dass das Vertrauen, was Ärzte den Pharmafirmen gegenüber zeigen, doch noch erheblich zu groß ist.
Es kommen Ausschnitte des Wissens an, und das sind die Ausschnitte des Wissens, die die Pharmafirmen den Ärzten nahe bringen wollen, und natürlich werden Pharmafirmen immer die Vorteile eines Medikaments stärker darstellen als sie real sind und die Nachteile, die unerwünschten Wirkungen kleiner darstellen.


Risiken werden klein geredet

Ärzte müssten sich dringend mehr von unabhängigen Quellen schulen lassen und sich über neueste Studienergebnisse zu Nebenwirkungen informieren, fordert David Klemperer. Nur so könne vermieden werden, dass arzneimittelbedingte Erkrankungen als Neuerkrankungen diagnostiziert und mit weiteren Medikamenten behandelt würden.
Und noch einer erhebt in diesem Zusammenhang seine kritische Stimme, Prof. Gerd Antes aus Freiburg: Es gibt ziemlich viele Möglichkeiten, die Öffentlichkeit sowohl die professionelle als auch die Laien-Öffentlichkeit, an der Nase herum zu führen. Alles wird ein bisschen gedreht, in den Formulierungen stecken immer wieder tendenziöse Darstellungen drin, Risiken werden klein geredet, Nutzen wird groß geredet, Kosten werden auch klein geredet, und das Gesamtkonzert schafft dann eine massiv verfälschte Darstellung der Realitiät.


Gefälschte oder geschönte Studien

Labor

Sind Medikamenten-Studien immer korrekt?

Prof. Gerd Antes leitet das Cochrane- Institut in Freiburg. Die internationale, unabhängige Prüfstelle – mit Hauptsitz in London - vergleicht Medikamentenstudien. Immer wieder decken Cochrane-Mitarbeiter auf, in welcher Weise Ergebnisse klinischer Studien systematisch geschönt oder verfälscht wurden. Geht das Testergebnis beispielsweise in eine Richtung, die die Wirksamkeit oder Zulassung eines Medikaments infrage stellen, tauchen Studien nicht mehr auf, Daten werden schlicht unterschlagen. Vor allem regt sich Gerd Antes darüber auf, dass meist finanzielle Interessen im Vordergrund stehen.

Jede klinische Studie zu einem Medikament muss vollständig publiziert werden, fordert Chochrane hartnäckig; wenn Daten über Medikamente offengelegt werden, kann dies verhindern, dass gesundheitsschädigende Wirkstoffe überhaupt auf den Markt kommen.

Weniger verschreiben heißt weniger schlucken

Eine weitere Möglichkeit, Patienten vor Nebenwirkungen zu schützen, ist beim Medikamentenkonsum anzusetzen, betont der Regensburger Pharmakritiker David Klemperer - weniger verschreiben bedeutet weniger schlucken: Ich sehe Indikationsbereiche, die meiner Meinung nach annähernd nutzlos sind, wo man dann doch aus Hilflosigkeit Medikamente verschreibt. Ich denke an die Demenz, wo die Vorteile, die für den Patienten spürbaren Vorteile der eingesetzten Medikamente, zu vernachlässigen sind. Trotzdem werden sie recht breit gestreut. So wie überhaupt bei alten Menschen zu viele Medikamente eingesetzt werden. Auch zu viele Medikamente, die gerade im höheren Alter bedenklich sind, weil es Wechselwirkungen geben kann und weil Medikamente immer auch unerwünschte Wirkungen haben können, die bei älteren Patienten von größerer Bedeutung sind.


Jeder dritte Patient über 65 nimmt - laut Kassenärztlicher Bundesvereinigung - dauerhaft vier oder mehr Medikamente ein, bei den über 75-jährigen sind es fünf bis sechs täglich. Zu den ärztlich verordneten Medikamenten kommen noch weitere frei verkäufliche aus der Apotheke hinzu. Je älter ein Patient, je verwirrter, je höher die Pflegestufe, desto mehr Pillen werden verabreicht, stellt der Arzneimittelreport 2011 der BarmerGEK fest.

Medikamentenmix im Alter

Eine Frau pflegt eine Angehörige

Pillen statt Pflege?

Täglich kommt es in deutschen Altenheimen zu 1000 bis 2000 unerwünschten Arzneimittelreaktionen, in etwa 10.000 Fällen jährlich wird dadurch eine Krankenhauseinweisung notwendig, so das Ergebnis einer aktuellen Studie der Gesellschaft für Geriatrische Pharmazie in Köln. Von 800.000 Patienten über 65, deren Daten Sozialmediziner der Universität Bremen auswerteten, bekam ein Viertel Medikamente verordnet, die dieser Altersgruppe mehr schaden als nützen.

Um derartige Missstände in den Griff zu bekommen, haben Pharmakologen und Mediziner im Auftrag des Bundesinstituts für Arzneimittel und Medizinprodukte die sogenannte "Priscus-Liste" entwickelt.


Priscus-Liste zum Schutz der Patienten

In der Priscus-Liste, die seit 2010 veröffentlicht ist, sind 83 Arzneistoffe aufgeführt, die insbesondere für ältere Menschen als problematisch bewertet werden; zudem wird für jedes fragwürdige Mittel eine alternative Behandlungsform vorgeschlagen. Diese Medikamentenempfehlungen sind in erster Linie als Hilfestellung für Ärzte und Pflegepersonal gedacht. Am Heidelberger Universitätsklinikum nimmt man diese Empfehlungen ernst: Genaue Angaben zur Einnahme der Medikamente bekommen die Patienten auch in schriftlicher Form, das hat Prof. Walter Haefeli seinem Pflegeteam eingeschärft. Er will unbedingt die schlimmen Folgen von falscher Medikamentengabe verhindern.

Selbstheilung statt Pillen

Mann mit Tablette und Glas in den Händen

Lieber ohne Tablette?

Verantwortlicher Umgang mit Medikamenten kann geschult werden, das ist die Erfahrung in Heidelberg. Der Patient muss aber genau angeleitet werden, wie er die notwendigen Tabletten richtig einnimmt, damit die Therapie funktioniert, und es ihm am Ende besser geht. Das ist das eine. Das andere wäre zu überlegen, ob Arzneimittel in jedem Fall das Richtige sind. Chefarzt Christoph Middendorf von der Oberbergklinik appelliert an jeden einzelnen, sich kritisch mit dem Tablettenkonsum auseinanderzusetzen:

Uns wird ja auf gesellschaftlicher Ebene auch an jeder Stelle suggeriert, dass alles machbar ist und veränderbar ist und beeinflussbar ist, ob das nun in der Werbung ist oder in andere Kontexten, dass wir vermittelt bekommen: wie brauchen nur diese oder jene Substanz, und schon geht’s uns wieder gut, das lässt natürlich den Eindruck entstehen, dass man mit Medikamenten alles machen kann. Ein gesellschaftlicher Ansatz wäre, dass wir uns bewusst machen, dass eben nicht alles machbar ist , und dass wir auch wieder lernen, den Körper selbständige Heilungskräfte entwickeln zu lassen, und nicht das Gefühl haben, wir müssen immer hinterher helfen, damit es schneller geht, sondern auch dem Körper und der Seele Zeit zu geben, die eigenen Kräfte wieder zu sammeln, und da raus zu kommen aus diesem Machbarkeitsdenken.


Jeder sollte nur dann auf Medikamente zurückgreifen, wenn es gar nicht anders geht, und sich unbedingt über mögliche Folgen informieren: Zu Risiken und Nebenwirkungen lesen Sie die Packungsbeilage und fragen Sie Ihren Arzt und Apotheker.

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