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Synergetik Wie Mathematik die Psychotherapie verbessert

Mit einem Computerprogramm beurteilen derzeit psychisch kranke Patienten in sieben Kliniken jeden Tag ihr Befinden. Damit kann man per Mausklick Zeitreihen und Verlaufskurven erzeugen und Schwankungen und Stabilisierungen sichtbar machen. Das Besondere: die Schaubilder sollen dabei helfen, den richtigen Zeitpunkt zu erkennen, wann sich der Patient während der Psychotherapie in einem wichtigen Übergang befindet und sich Chancen zur Besserung eröffnen.

Frau am Computer

Psychotest am Computer

Ein Standardbogen für stationäre Psychotherapie, Frage 1 von 42: "Heute war ich in der Lage, mich meinen Problemen zu stellen." Einschätzung nach Punkten, von "gar nicht" = 0 bis "sehr stark" = 6. Heiko Eckert vom Center for Complex Systems in Stuttgart ist eigentlich Ökonom und hat das Programm als Mitglied einer interdisziplinären Forschungsgruppe an der Technischen Hochschule in Aachen vor Jahren mitentwickelt. Es heißt: Synergetisches Navigationssystem.

1 + 1 = Unendliche Probleme?

Relevante Bereiche in der Psychotherapie werden abgefragt: Gefühle, Selbstvertrauen, das Verhältnis zum Therapeuten oder zu den Mitpatienten und die Motivation zur Therapie. Für Therapeuten ist es wichtig, rechtzeitig zu entdecken, wann die Einschätzungen schwanken. Denn Chancen auf gesündere Denk- und Verhaltensmuster bahnen sich immer dann an, wenn es zuerst zur Instabilität kommt.
Ambivalenzen, Krisen, Entscheidungsunsicherheiten – diese können Zeichen für ein notwendiges Durchgangsstadium sein, bevor sich ein Sprung in ein neues und gesünderes Verhaltensmuster vollzieht.

Krisen sind hier herzlich willkommen


Abgeleitet wird dieser Prozess aus der Synergetik, einer auf Mathematik und Physik basierenden Theorie über sich selbst organisierende Systeme. Formuliert wurde die Theorie von dem Physik-Professor Hermann Haken von der Universität Stuttgart. Die Synergetik beschreibt, wie einzelne Teile von Systemen zusammenwirken, zum Beispiel Wasser- oder Lichtteilchen oder menschliche Zellen oder gar das Denk-Fühl-und Verhaltenssystem des Menschen. Berechnet hat Haken das vor 50 Jahren am Laserstrahl, beim Übergang vom Licht einer Lampe zum gebündelten Licht des Lasers. Bevor das ungeordnete Lampenlicht zu einem geordneten, gleichgerichteten Laserstrahl übergeht, kündigen sich diese Veränderungen durch Instabilitäten an.

Unordnung verhilft zu neuer Ordnung

Lampenfieber

Lampenfieber

Vertreter der Synergetik verstehen die Psychotherapie als das Schaffen von Bedingungen, damit Übergänge von alten Mustern in neue Muster gelingen können. Antworten gibt die Synergetik auch für die Parkinson-Forschung. Hier geht es auf neuronaler Ebene um das Verlernen krankhafter Synchronisationsprozesse der Nervenzellen durch die Hirnstimulation.

Mit den täglich gesammelten Daten am PC kann sich der Therapeut ein klareres Bild machen, obwohl er seinen Patienten etwa nur einmal die Woche sieht. Außerdem kann das System Zusammenhänge visualisieren. Aufschlüsse können zudem auch Kommentare geben, die der Patient eingeben kann. So dient das PC-Programm auch zur Selbstreflexion.

Jahresdurchschnitt: 3,5

Statistik zur Armutsgefährdungsquote

Lassen sich psychologische Phänomene in Zahlen packen?

Doch nicht jeder Therapeut war zu Beginn begeistert. Zu aufwendig, zu komplex, zu wenig alltagstauglich, so die Kritik. In der Praxis scheinen diese Bedenken ausgeräumt. Dabei komme es kaum vor, dass die Patienten falsche Angaben am PC machen.
Auch für die Forschung seien die Daten interessant. Denn erstmals lassen sich Therapieprozesse auch anhand von Kurven und Zahlen über einen großen Zeitraum ablesen.

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