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Mathe mal anders Ein unpopuläres Fach?

Mathe ist langweilig, abstrakt und alltagsfern. Mit diesen Klischees hat das Fach zu kämpfen, vor allem auch in den Schulen. Dabei ist Mathe überall und in fast allen Berufen wichtig. Pädagogen und Wissenschaftler bemühen sich, den Matheunterricht attraktiver zu gestalten.

"Mathe ist supercool" - und bunt: So haben das Schüler jedenfalls aufgemalt.

"Mathe ist supercool" Finden die Schüler jedenfalls.

Mathematik ist uncool. Dieser Ruf eilt ihr jedenfalls voraus. Viele stellen sich der Materie erst nach dem Ende der Schulzeit, wenn sie Techniker oder Ingenieure werden wollen. Aber auch in der Medizin, im Marketing, in der Psychologie ist mathematische Kenntnis gefragt. Dass Mathe trotzdem für viele zunächst einmal unattraktiv ist, bedauert der Bildungsökonom Professor Ludger Wößmann.

Mathe ist überall - zum Glück!

Gärtner im Blumenbeet

Sogar Gärtner brauchen Mathe

Er lehrt in München Volkswirtschaftslehre und leitet dort auch das Zentrum für Bildungs- und Innovationsökonomie am Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung. Der Wissenschaftler ist regelmäßig in Bundesministerien, um wirtschafts- und bildungspolitische Fragen zu beraten. Wößmann betont: Nur gut ausgebildete Menschen können eine florierende Ökonomie ermöglichen. Mathematik spielt dabei eine wichtige Rolle, weil sie in nahezu allen Berufen auftaucht und weil mathematisches Denken als Motor für Innovationen gilt. Deutschland allerdings hinke hier seinen Ansprüchen hinterher, findet der Wößmann, auch bei der PISA-Studie.

Was sollen Schüler lernen?

Mathematische Kompetenzen entwickeln, so lautet die Zielvorgabe. Das bedeutet, Mathematik zu verstehen und mathematisches Wissen anwenden zu können, auch in anderen Zusammenhängen. Mit Spaß am Fach. Forscher, Pädagogen und Stiftungen bemühen sich darum. Seit Professor Albrecht Beutelspacher 2002 in Gießen das erste mathematische Mitmachmuseum gegründet hat, ist der Umgang mit Zahlen und Formen hierzulande offensichtlich lebendiger und humorvoller geworden. In den Schulen beteiligen sich bereits über 800.000 Kinder und Jugendliche am jährlichen Känguru-Wettbewerb, Wissenschaftler locken mit Online-Knobelspielen und Profis stellen sich zu Mathe-Slams auf Kleinkunstbühnen. Die Mathematik kämpft gegen das uncoole Klischee, nur etwas für alltagsferne Freaks zu sein.

Lernen am Beispiel

Klippenspringer

Klippenspringen im Matheunterricht

Dabei ist der Ansatz, den SchülerInnen die Mathematik durch praxisnähe Aufgaben zu zeigen, gar nicht so neu. Dass es aber über die klassischen Textaufgaben à la "Ein Bauer hat zehn Äpfel" hinausgeht, zeigt eine junge Lehrerin. Sie zeigt am Smartboard ein kurzes Video und stellt die Aufgabe vor: Heute geht es um die Klippenspringer von Acapulco. Stürzen sie sich von den Felsen ins Meer, kann ihre Sprunggeschwindigkeit mit einer Laserpistole gemessen werden. Aus diesen Werten, erklärt die Lehrerin, könnte man auch Schritt für Schritt eine Gleichung entwickeln, die zeigt, in welcher Zeit die Springer welche Strecke zurücklegen. Die SchülerInnen tauschen sich aus, überlegen gemeinsam, wie die Gleichung aussehen könnte und stellen sich anschließend gegenseitig die Ergebnisse vor.

Guter Unterricht - mehr Interesse

Die SchülerInnen sind sich einig: das hier ist guter Matheunterricht. Dazu gehört für sie die moderne Technik, Videos und Bilder, dass sie sich entspannt austauschen können und auch mal selbst nachdenken müssen. Die Herausforderung reizt sie, auch wenn es anstrengend ist. Mädchen denken übrigens zwar, sie hätten mehr Angst vor Mathematik als Jungen – doch haben Bildungsforscher in Konstanz, München, Berlin und Montreal nachgewiesen, dass diese Angst wohl doch nur eingebildet sei. In Prüfungsergebnissen zeigen sich keine Geschlechterunterschiede. Auch sind die Hälfte der Mathematik-Studierenden inzwischen weiblich.

Mathematik Buch

Mathe kann man nicht nur aus Büchern lernen

Grundlagen plus

Zur Mathematik gehört immer ein ordentliches Pensum an Grundwissen – die Grundrechenarten, das Einmaleins, Brüche, Prozente, Terme, Gleichungen und Funktionen, Statistik, Stochastik, Geometrie. Aber im Alltag gibt es natürlich öfter die so genannte weiche Mathematik: Überschlagsrechnungen, Schätzungen, grobe Wahrscheinlichkeiten. Wenn Politiker sich fragen, wie viele Rentenbeiträge in zehn Jahren nötig sein werden. Wenn man die Fahrtzeit von Baden-Baden nach Stuttgart schätzt. Oder im Unterricht, wenn in einer vierten Klasse ein fußballfeldgroßer Kuchen gebacken werden soll.

Probleme der Umsetzung

Für solche Unterrichtsmethoden brauchen Schüler und Lehrer Zeit. Die fehlt aber oft. Lehrkräfte müssen Schulstrukturen und Lehrpläne akzeptieren und innerhalb dieser jonglieren. Sollen alle Schüler die Möglichkeit haben, sich mathematisches Verstehen im eigenen Tempo selbst anzueignen, ist das in einer Klasse mit 34 Kindern eigentlich unmöglich. Bernd Ohmann leitet einen Workshop "Kompetenzorientierung und Individualisierung". Seine Lösung ist ein Drei-Stufen-Modell. Steht ein neues Unterrichtsthema an, beginnt Ohmann frühzeitig mit einem Test, einer Art Selbstdiagnose. Danach werden die SchülerInnen in Gruppen geteilt und bekommen Aufgaben, die ihrem Lernstand entsprechen. Anschließend sollen sie mehrere Stunden allein arbeiten und selbst Lösungen finden. Am Ende steht ein Test, ebenfalls nach Gruppen geordnet.

Mathematik im Alltag finden

Wann werden im Sport Hundertstel, wann Tausendstel Sekunden gemessen? Und welche Daten stehen eigentlich in diesem Zeitungsartikel? Was sagen sie aus? – Beurteilen, argumentieren, diskutieren in der Mathematikstunde: Solche kommunikativen Fertigkeiten stehen noch recht selten auf den Notizzetteln im Workshop. Die Schüler sollen lernen, über Mathematik zu sprechen. Das ist für viele ungewohnt, aber auch im Matheunterricht sollen die SchülerInnen zu einer guten Bildungssprache finden.

Eine beschriebene Schultafel mit einer Matheaufgabe

Alltagsnahe Aufgaben machen's leicht

Darunter verstehen die Pädagogen, dass ihre Schüler präziser formulieren als in der Alltagssprache. Sie wollen, dass sie Sprache souverän benutzen und im besten Fall selbst komplexe Dinge einfach und genau benennen können. Dies lernen Schüler nur, wenn sie Themen und Inhalte intensiv besprechen, in jedem Fach. Eine Sprachförderung im Mathematikunterricht haben die Didaktiker erst neuerdings gezielt im Fokus. "Ich teile etwas ein", "ich markiere drei von fünf", "das Ganze ist in drei Stücke geteilt, ein Stück davon ist" - solche Formulierungen sollen Mathematiklehrer bereits in der Grundschule anbieten und einüben, denn es ist das Vokabular, das Schüler für ihren Mathe-Wortschatz benötigen.

Alle sollen mit

Schüler müssen auch genau darin sein, mathematische Begriffe zu unterscheiden. Denn drei von fünf Bonbons kann bedeuten, dass drei von fünf abgezogen werden. Drei von fünf können aber auch drei Fünftel sein. Auch hier hilft das präzise Sprechen und Beschreiben dem präzisen Denken. Früher waren alle damit zufrieden gewesen, dass dreißig Prozent der Schüler Mathe verstehen und der große "Rest" einfach ein bisschen rechnet. Heute sind die Ziele ambitionierter: Alle sollen mitkommen. Dafür benötigen sie aber auch den entsprechenden Wortschatz.

Im Zweifel kommt der Mathecoach

dornfelder-kirsch-torte

Kuchen teilen ist angewandte Mathematik

In Berlin-Mitte haben sich mehrere Schulen zusammengeschlossen, um ihre Erfahrungen auszutauschen und sich besser zu vernetzen - "Mathe in Mitte" heißt das Projekt. Dort gibt es für die LehrerInnen sogar einen Mathecoach. Er versucht, bei individuellen Problemstellungen zu helfen: Die Kollegen vor Ort benennen ihm ihren Bedarf. "Wie kann ich innerhalb der Klassen differenzieren?" ist dabei meist die Hauptfrage. Aber auch: "Wie kann ich Rahmenpläne geschickt im Sinne meiner Schüler lesen?" Dass LehrerInnen kein Rezept parat haben, wie sie jedem einzelnen Schüler gerecht werden können, das macht ihnen der Coach nicht zum Vorwurf. Er versucht, gezielte Hilfestellungen zu geben. Flexible Niveaustufen, gestaffelte Klassenarbeiten, immer wieder kehrende Beispiele aus dem Alltag, Sprachanreize und -übungen, Diskussionen – all dies gilt hier wie dort als gutes Handwerkszeug für den schülerfreundlicheren Mathematikunterricht. Lehrkräfte sollten darin von vornherein ausgebildet sein. Dann kommen allerdings auch noch die Schüler mit ins Spiel, mit ihren Interessen und auch mit ihrer Angst. Denn so einige fühlen sich gerade in Mathematik schnell abgehängt.

Bei Mathe raus?

Wenn SchülerInnen nicht mitkommen, kann das ganz unterschiedliche Gründe haben. Also Zeit lassen, entgegen kommen und am besten Sucheffekte einbauen. Ein Trick, der SchülerInnen oft dann doch noch aus ihrer Reserve lockt. Auch Fehler finden lassen gilt als Klassiker. Wenn ein Schüler den Gesamtpreis eines Einkaufes im Supermarkt nicht berechnen kann, kann man die Frage anders stellen: Reichen 20 Euro aus? Dann klappt es meist doch.

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