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Mangelernährte Familie aus Bangladesh

Mangelernährung Der "versteckte Hunger"

2,5 Milliarden Menschen – mehr als ein Drittel der Weltbevölkerung – sind mangelernährt. Sie sind besonders anfällig für Infektionskrankheiten, bleiben zeitlebens kleiner als andere Menschen. Mangelernährung beeinträchtigt auch die Gehirnentwicklung betroffener Kinder. Die wichtigste Maßnahme zur Bekämpfung der Mangelernährung ist: die Aufklärung der Menschen.

Mangelernährtes Mädchen aus Bangladesch

Mangelernährtes Kind aus Bangladesch

Die Betroffenen müssen nicht hungern – sie sättigen sich vor allem mit poliertem Reis, Mais oder Maniok, Nahrungsmitteln, die viel Stärke enthalten. Doch es fehlt ihnen an Obst, Gemüse und Eiern; an Milchprodukten, Fleisch und Fisch, die reich an Proteinen und lebenswichtigen Spurenelementen sind. Auch an Vitamin A, den B-Vitaminen, Eisen, Zink und Folsäure leiden sie Mangel.

"Versteckter Hunger" macht krank

Der resultierende "versteckte Hunger", hat dramatische Folgen: Mangelernährte sind besonders anfällig für Infektionskrankheiten wie Lungenentzündung, Masern oder Durchfall; sie bleiben zeitlebens kleiner als andere Menschen; sie fangen später an zu laufen und zu sprechen. Jährlich sterben 2,6 Millionen Kinder an den Folgen von Mangelernährung. Wenn nur das Spurenelement Jod fehlt, wie bei jedem dritten Schulkind in Entwicklungsländern, kann das den Intelligenzquotienten um zehn bis 15 Punkte senken.

Entwicklung nicht möglich

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass Mangelernährung auch die Gehirnentwicklung betroffener Kinder beeinträchtigt. Sie versagen in der Schule, weil es ihnen an kognitiven Fähigkeiten fehlt. Und auch als Erwachsene werden sie Probleme haben, Zusammenhänge zu begreifen.

Mangelernährung durch einseitige Ernährung

Mangelernährung durch einseitige Ernährung

In Bangladesh sind etwa 40 Prozent der Kinder mangelernährt. Das kostet das Land rund drei Prozent des Bruttoinlandproduktes jährlich, einer der Gründe, warum Bangladesh bis heute zu den ärmsten Ländern der Welt zählt. Ähnliches gilt für andere asiatische Länder wie Nepal und die Philippinen; für afrikanische Staaten wie Sambia, Mosambik und Äthiopien; für lateinamerikanische wie Guatemalala und Peru. Auch in Indien, der Volksrepublik China und den USA leben Millionen mangelernährte Menschen.

Genug Reis, aber keine Milch

Besuchern in Bangladesh springt eine Ursache der Mangelernährung sofort ins Auge. Auf fast allen bebaubaren Flächen wächst Reis, nichts als Reis. Gemüsefelder, Obsthaine, Rinderherden, Ziegen und Hühner sind nur selten zu sehen. Und wer mit Bangladeshis isst, bekommt zwar eine gewaltige Portion Reis auf den Teller, aber wenig Gemüse und – mit Glück – noch weniger Fisch. Für den massiven Reisanbau gibt es gute Gründe: Bis vor 30 Jahren erlebte Bangladesh immer wieder Hungersnöte; heute kann das Land mit einer Fläche, die nur zweimal so groß ist wie Bayern, seine 160 Millionen Menschen selbst mit dem Grundnahrungsmittel versorgen.

Reisanbau in Bangladesch

Reisanbau in Bangladesch

Mit hocheffizientem Reisanbau ernten viele Bauern sogar dreimal im Jahr. Ausreichende Versorgung mit Reis sei jedoch noch keine Ernährungssicherheit, sagt Sukanta Sen, der die lokale Hilfsorganisation BARCIK leitet. Milch und Rindfleisch, zum Beispiel, seien extrem knapp. Um einen Liter Milch kaufen zu können, müsse ein Bauer fast einen Tag lang arbeiten.

Gute Ernährung kostet Geld

Die wenigen Großbetriebe, die Rinder in großen Ställen halten, können den Mangel an Milch und Fleisch im Land nicht einmal ansatzweise ausgleichen. Ähnliches gilt für die Versorgung mit Geflügel. Seit langem schaden die häufig eingesetzten Agrarchemikalien dem Hühnerbestand; und seit die Bauern während der Vogelgrippe vor einigen Jahren ihre Hühner keulen mussten, scheuen sie das Federvieh wie der Teufel das Weihwasser.

Selbst Fische, die sich früher zu Millionen in Flüssen, Teichen und den überfluteten Reisfeldern Bangladeshs tummelten, werden zusehends knapper: erstens führen die Flüsse immer weniger Wasser und versanden, weil Indien am Oberlauf Wasser abzweigt. Zweitens durchziehen heute – zum Schutz der Reisfelder vor Fluten – tausende Dämme und Deiche das Land; Fische können kaum mehr wandern und sich verbreiten.

Markstand in Bangladesh

Für viele Menschen unerschwinglich: Obst und Gemüse vom Markt

Und zum Dritten wurden in den letzten Jahren viele Flussabschnitte und Teiche, die früher öffentlich waren, privatisiert. Dort betreiben kommerzielle Unternehmen jetzt Aquakultur für den Fischbedarf der Wohlhabenden im Lande – und für den Export. Wie die meisten Lebensmittel in Bangladesh werden auch Obst und Gemüse immer teurer. Äpfel, Mandarinen und Trauben, die aus Indien und China importiert werden, können sich ohnehin nur wenige Bangladeshis leisten.

Mangelernährung bereits vor der Geburt

Mangelernährung im Mutterleib und in den ersten Lebensjahren lässt sich später kaum mehr ausgleichen – weil die Entwicklung eines Menschen schon lange vor der Geburt programmiert wird, wie wir heute wissen. Das heißt: Mangelernährung der Mutter während der Schwangerschaft überträgt sich auf das Kind und prägt dessen ganzes Leben. So ein Kind lebt mit einem deutlich erhöhten Risiko, als erwachsener Mensch fettleibig zu werden und an Diabetes, Herzschwäche, Nierenleiden und anderem chronisch zu erkranken.

Mangelernährung beginnt meist schon im Mutterleib

Mangelernährung beginnt meist schon im Mutterleib

Europäische Wissenschaftler registrierten dieses Phänomen zum ersten Mal bei Kindern, deren Mütter während der Hungersnot in den Niederlanden 1944/45 schwanger waren. Die Föten waren offenbar schon im Mutterleib auf Nahrungsmangel programmiert worden. Die Neugeborenen waren und blieben zu klein, kamen mit einem besseren Nahrungsangebot später nicht zurecht und entwickelten überdurchschnittlich viele so genannte Wohlstandskrankheiten. Selbst die Kinder dieser Kinder blieben kleiner als andere und krankheitsanfälliger für bestimmte Krankheiten. Ein Indiz dafür, dass Mangelernährung das Erbgut von Menschen verändert und damit auch künftige Generationen schädigt.

Fehlendes Wissen

Auch in der Mittel- und Oberschicht Bangladeshs und vieler anderer Länder wissen junge Mütter frappierend wenig über gesunde Kinderernährung. Das bestätigt Erica Roy Khetran, Mitarbeiterin der amerikanischen Hilfsorganisation "Helen Keller International", die sich auf Ernährungsfragen spezialisiert hat.

Milchpulver und Fertignahrung als Ersatz für Muttermilch

Milchpulver und Fertignahrung als Ersatz für Muttermilch?

Sozial besser gestellte Frauen würden noch weniger stillen als arme Frauen; sie schafften es oft nicht, eine entspannte Atmosphäre herzustellen, in der ihr Kind die Brust annehme; sie interpretierten das eigentlich wohlige Aufstoßen, das "Bäuerchen" des Kindes, als Verweigerung der Muttermilch; sie griffen überhastet zu Milchpulver, das sie oft auch noch falsch dosierten und mit verschmutztem Wasser anrührten.

Mangelernährung – versteckter Hunger – belastet und erschwert bis heute das Leben zahlloser Menschen. Doch dieser "stille Killer" blieb in der Entwicklungspolitik Jahrzehnte lang sträflich unbeachtet und geht auch deshalb nur sehr langsam zurück. Erst seit einigen Jahren wird international diskutiert, wie man Menschen in Entwicklungsländern nicht nur mit ausreichend Kalorien, sondern auch mit lebensnotwendigen Nährstoffen und Spurenelementen versorgen kann.

Sorge um Selbstversorgung

Die geglückte Selbstversorgung mit dem Grundnahrungsmittel Reis und steigende Einkommen haben Mangelernährung immerhin reduziert. Auch erfolgreiche Impfkampagnen und medizinische Durchbrüche bei der Behandlung durchfallkranker Kinder tragen zu gesünderen Lebensumständen bei.

Ein nachhaltiger Kampf gegen Mangelernährung muss jedoch erreichen, dass sich die Bevölkerung Bangladeshs aus eigener Kraft gesund ernährt. Die Bauern müssten, neben Reis, mehr Gemüsesorten anbauen; die Regierung müsse das mit gezielten Subventionen fördern; sie müsse die Rinder-, Milch- und Hühnerproduktion ankurbeln und – soweit nötig – den Import wichtiger Nahrungsmittel.

Tomaten, Zwiebeln, Kürbisse

Ernährungsberatung für Frauen

Ernährungsberatung für Frauen

Am wichtigsten ist jedoch: die Aufklärung der Menschen. Erkenntnisse, die sich endlich auch in der praktischen Entwicklungspolitik niederschlagen: Organisationen wie die vom katholischen Hilfswerk "Misereor" unterstützte Caritas Bangladeshs und die "Deutsche Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit", GIZ, beraten Slumbewohnerinnen, wie sie ihre Kinder für wenig Geld gesund ernähren. Sie beraten Bäuerinnen, wie sie auf kleinstem Raum Tomaten, Zwiebeln, Kürbisse und Beeren anbauen oder Hühner halten können. Sie bilden Ärzte, Krankenschwestern und Hebammen aus, kommunale Gesundheitsarbeiter und Ernährungsberater. Sie alle sollen den Frauen Bangladeshs helfen, Mangelernährung zu stoppen. Ein langer Weg –Bangladesh hat gerade erst begonnen, sich von Jahrtausenden der Armut, Frauenunterdrückung und Mangelernährung zu befreien.

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