Bitte warten...
Die Ausstellung "Anime! High Art - Pop Culture" in der Bundeskunsthalle in Bonn

Manga-Sex und virtuelle Träume Japans erotische Bildkultur

Die Sexindustrie in Japan boomt: Pornografische Computerspiele und Handy-Apps finden ebenso reißenden Absatz wie erotische Manga-Comics. Immer mehr Japaner ziehen die virtuelle Sexualität der körperlichen Liebe mit einem realen Partner vor - und bescheren dem Land massive Nachwuchssorgen.

Zwischen Porno und Platinen - Japans Hightech-Sündenviertel Akihabara

Zwischen Porno und Platinen - Japans Hightech-Sündenviertel Akihabara

Die Zahlen des Kondomherstellers Durex sind erschreckend: der platzierte die Japaner mit durchschnittlich 36 Mal Sex im Jahr auf den auf den weltweit letzten Rang in Sachen Beischlaf. Die Libido der Japaner ist damit auch zu einem politischen Problem geworden. Kein Sex bedeutet auch: weniger Kinder werden gezeugt. Schon jetzt gibt es statistisch gesehen zu viele Alte in Japan. Eine paradoxe Situation. Einerseits herrscht Unlust. Andererseits boomt die Sexindustrie.

Abteilung mit Mangas in einem Kaufhaus in Tokyo

Abteilung mit Mangas in einem Kaufhaus in Tokyo

Vor allem virtuell ist in Japan alles möglich. Die Bilder, welche die Pornoindustrie über die verschiedenen Medien ins Land einspielt, sind überall bequem abrufbar. Auch weil man sich - ohne Anstrengung - in diese Scheinsexwelt hineinträumen kann. Die Medien verändern dabei aber auch unterbewusst den Umgang mit dem echten Sex. Die Diskrepanz zwischen dem Wunschbild und dem echten wird mit jedem herunter geladenen Clip, Comic oder Spiel immer größer. Das Image von Sex kann so plötzlich mit dem echten Akt nicht mehr mithalten.

Tentakel-Fantasien

Traum einer Fischersfrau von Katsushika Hokusai (1760–1849) (bearbeitet)

Traum einer Fischersfrau von Katsushika Hokusai (1760–1849) (bearbeitet)

Ein Bild das fast schon symbolisch für japanische Pornofantasien steht ist "Tentacle-Rape". Es wurde bereits vor 200 Jahren von dem Künstler Katsushika Hokusai geschaffen und ist bis heute aus zeitgenössischen japanischen Videos nicht wegzudenken. Auf Hokusais Holzschnitt ist eine nackte Frau abgebildet, die von den vielen Armen eines Tintenfisches befriedigt wird. In heutigen Zeichentrick-Filmen oder in Manga-Porno-Magazinen wird das Thema variiert: Da wachsen Männern tausende von Penissen, mit denen sie über eine Horde Schulmädchen herfallen oder Bäume lassen ihre Äste in Frauen eindringen. Der Fantasie sind keine Grenzen gesetzt.

Dr. Barbara Lippe ist Spezialistin für Computerspiele und promovierte an der Universität in Wien über geschlechterspezifische Spiele in Ost und West. Es sind die besonderen Grafikmethoden Japans, die dazu führten, dass sich die virtuellen Welten "echter" anfühlen, als die reellen – glaubt sie. Laut ihrer Theorie ist die japanische Kultur dank des Spiritualismus und Animismus eine Kultur, wo alles belebt sein kann.

Keine echten Fotos, bitte!

Fotografien sind in der bunten, erotischen Manga-Welt eher verpönt

Fotografien sind in der bunten, erotischen Manga-Welt eher verpönt

Als in Japan ein Manga-Porno-Magazin damit begann auch echte Fotos zu publizieren, beschwerten sich die Leser nach nur wenigen Ausgaben: Sie wollte keine echten Bilder. Sie wollten gemalte. Nur dort hat die Phantasie Platz sich zu entwickeln. Kunsthistorisch betrachtet kennt man dieses Phänomen aus anderen Bereichen der japanischen Kunst: lange Zeit verzichtete man in Gemälden auf die Perspektive, damit sich der Betrachter auf die Seele der gemalten Figuren konzentrieren konnte oder man übermalte ganze Szenen auf Bildern mit Wolken, um den Betrachter anzuregen sich selbst vorzustellen, was darunter verborgen lag.

Seit 2006 gibt es in Japan einen Begriff für Männer, die sich lieber mit virtuellen, als mit echten Partnerinnen beschäftigen. Man nennt sie „Soushoku Danshi“ - den Grasfressenden Mann. Sie haben kaum Lust auf realen Sex und auch kein Interesse daran, Karriere zu machen. Lieber verbringen sie ihre Zeit am Computer – und suchen dort nach dem perfekten Kontakt.

Sehnsucht nach Ebenbürtigkeit

Es sind aber nicht nur die japanischen Männer, die ganz eigene Vorstellungen davon haben, wie eine Frau beim Sex zu sein hat, auch die japanischen Frauen haben ein Idealbild vom Mann. Auch das geht zurück auf eine uralte Tradition, die des Prinz Genji. Eine Romanfigur des 11. Jahrhunderts erschaffen von der japanischen Hofdame Murasaki Shikibu, erklärt Barbara Lippe. Aber auch in den heutigen Mangas für Frauen sieht man, wie sich die Frau den Mann eigentlich vorstellt. Es handelt immer von einer Liebesgeschichte zwischen zwei Männern, ein älterer und ein jüngerer. Die Sexszenen sind jedoch auf wenigen Bildern erzählt: das Gros der Zeichnungen zeigt in Momentaufnahmen die Gefühlswelten, in denen die Männer sich befinden. Das einsame Rauchen einer Zigarette im Büroflur, Nachdenken vor dem Computer, es sind kleine intime Gesten, die mehr über die Beziehung verraten, als der schnell vergängliche Sex-Akt.

Eine junge Japanerin liest in einem Manga-Comic

Schöne Scheinwelt: Eine junge Japanerin liest in einem Manga-Comic

Diese Mangas bedienen vor allem eine weibliche Leserschaft: die Leserinnen fühlen mit dem jungen Angestellten und finden durch den Geschlechtertausch einfacheren Zugang zu ihrer Version von der Beziehung zwischen Mann und Frau. Diese Phänomen, also die homosexuelle Liebesgeschichte als Manga für Frauen, ist in Japan weit verbreitet. Durch die Loslösung der wirklich existierenden Welt und der Verschiebung des Plots können Probleme angesprochen werden, die anders nicht formuliert werden können. Was die Frau herausfinden will, ist, wie wäre es denn, wenn ich dem Mann so ebenbürtig wäre, wie ein anderer Mann.

Sexuelle Freiheit in der Edo-Zeit

Das Problem daran ist: die Bilder in den Köpfen der Männer decken sich nicht mit den Bildern in den Köpfen der Frauen. Einziger Ausweg ist eine Art „Autoerotismus“. Der ist in Japan kein neues Phänomen.

Liebelei eines Mannes mit einer Geisha - Holztafeldruck von Nishikawa Sukenobu (1671 - 1750)

Liebelei eines Mannes mit einer Geisha - Holztafeldruck von Nishikawa Sukenobu (1671 - 1750)

Bereits im Japan der Edo-Zeit, also von 1602 bis 1836, entstanden in Japan viele Holzschnitte erotischer Natur, sogenannte Shunga, Frühlingsbilder.
Schon damals verdiente ein immer größer werdender Industriezweig an dem Geschäft mit der sexuellen Repräsentation: als Drucke wurden die Frühlingsbilder in Massen hergestellt und verkauft. Und fahrenden Leihbibliotheken boten Bücher mit erotischen Inhalten an. Die Bilder waren allgegenwärtig. Die Geschlechtsteile waren anatomisch äußerst präzise dargestellt. Fast so als dienten die Bilder zur Gebrauchsanweisung. Anders als heute bedienten diese Fantasien sowohl Männer als auch Frauen gleichermaßen.

Mädchen durften Liebhaber haben

Oft wurden solche Bilder auch Frauen in ihre Heiratskiste gepackt, wenn sie bei ihrem Ehemann einzogen. Ganz wichtig: In Japan kannte man den Jungfräulichkeitskult damals nicht. Mädchen durften Liebhaber haben. Sie wurden zum Teil sogar dazu ermuntert, um wichtige Erfahrungen zu sammeln. Doch vom Moment der Heirat an, war ihnen der sexuelle Umgang nur noch mit ihrem Ehemann erlaubt. Schließlich sollten die Frauen dessen Kinder gebären.

Immer wieder finden sich zwischen diesen "warai-e", also diesen Masturbations- und Lachbilderbüchern, leere Seiten. Sie dienten dazu: eine Pause einzulegen und das zu tun, was einem in den Sinn kam. Wenn man heute Bücher mit warai-e betrachtet, fällt auf, wie oft eine Seite ausgerissen oder befleckt ist. Sie waren also wirklich in Gebrauch.

Guter Sex als Lebensqualität

Ausstellungsobjekt: Modellierte japanische Frau mit Fächer

Bei dieser Geisha kann man immerhin erahnen, dass es sich um eine Arbeit aus Süßem handelt.

Mit Sexspielzeugen oder erotischen Darstellungen gesehen zu werden, galt schon im alten Japan nicht als peinlich und erklärt vielleicht auch, warum Männer heute noch Sexdarstellungen öffentlich betrachten. Die Bilder zeigten eine heile Welt, in der die Geschlechter auf gleicher Ebene zusammenfanden, erklärt Professor Drew Gerstle von der Londoner "School of Oriental and African Studies". Selbst wenn eine Kurtisane abgebildet ist, dann ist sieht man sie auf dem Bild zusammen mit ihrem Liebhaber und nicht mit einem Kunden. Denn es geht hier um Gefühl und um das Vergnügen, mit jemandem zusammen zu sein, den man mag. Oft sind auch ehebrecherische Situationen abgebildet. Aus dem einfachen Grund, dass das - damals wie heute - eine der häufigsten sexuellen Phantasien ist. Auf so gut wie allen Bildern haben Mann und Frau, oder die beiden Männer oder die beiden Frauen, gleich viel Spaß.

Geschichte der Sexualität verdeckt

Lange war das Bild dieser Epoche überlagert von den prüden konfuzianischen Texten, die später vom japanischen Staat bewusst eingesetzt wurden, um zu verbergen, wie präsent und gleichberechtigt das Leben der Frauen und Männer zur Edo Zeit tatsächlich war. Erst die Arbeiten von Akademiker wie Drew Gertsle deckten diese Geschichte der Sexualität in Japan auf.

Japanische Kosmetikerinnen testen produkte

Japanerinnen testen kosmetische Produkte

War Japan bis dahin ein Land, in dem gelebte Sexualität eine Steigerung der Lebensqualität bedeutete, begann man nun die Sexualität aus dem öffentlichen Raum zu verbannen. Sie wurde privat. Mittlerweile aber ändert sich das Sexualleben der Japaner wieder. Fast so als hätte das große Erdbeben im Februar 2011 auch den Umgang mit Sex erschüttert; als fänden die Geschlechter auf einer neuen alten Ebene wieder zueinander. Dating-Agenturen haben in Japan plötzlich Hochbetrieb. Heiratsinstitute erleben einen deutlichen Zuwachs. Kaufhäuser, die Heiratsartikel verkaufen, vermelden einen 20 Prozent Zuwachs. Vielleicht hat das Erdbeben gezeigt, dass virtuelle Welten zwar auf hohem Niveau befriedigen, dass aber Geborgenheit nur ein echter Mensch geben kann.

Weitere Themen in SWR2