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Mama hat Krebs Wer hilft Kindern krebskranker Eltern?

Kinder, die unbekümmert spielen. Ein paar neue Eindrücke und schon ist alles Schlimme vergessen. Manchmal ist diese kindliche Robustheit nur oberflächlich. Etwa, wenn die Mutter schwer erkrankt ist. Auch das stecken die Kinder scheinbar gut weg. Doch der erste Eindruck täuscht. Dem Kind drohen psychische Langzeitschäden, wenn nicht rechtzeitig interveniert wird.

Das Problem wurde lange Zeit von Psychologie und Medizin ignoriert. Deshalb fehlt es an Grundlagenwissen. Wie verarbeitet ein Kind überhaupt eine solche Krise? Wie tief gehen die emotionalen Erschütterungen, wenn Mutter oder Vater durch eine Krankheit plötzlich existenziell bedroht sind? Um dies zu klären, hat die Offenburger Jugendpsychiaterin Annika Beeker zusammen mit einem Team von Psychologen der Universität Freiburg eine Grundlagenstudie erarbeitet.

Bilder sprechen

Die Kinder im Alter von 5 bis 11 Jahren sollten möglichst offen über ihre Gefühle und Bedrängnisse berichten. Dabei war ein Trick hilfreich: Man ließ sie Bilder malen. Ganz spontan über das, was ihnen gerade durch den Kopf ging. In der anschließenden professionellen Bildanalyse offenbarte das scheinbar banale Gekritzel schwerwiegende kindliche Probleme. Die Krankheit oder der Tod von Vater oder Mutter hatte den Kindern schwer zugesetzt. Viel mehr, als man im normalen Umgang erkennen konnte.

Vater, Mutter und Jugendliche schauen streng

Es ist wichtig, Kinder einzubeziehen

Auch die Analyse der zusätzlich durchgeführten Kinderinterviews belegt: Krankheit oder Tod eines Elternteils erschüttern ein Kind viel elementarer, als wir Erwachsene vermuten.
Den Fachleuten fällt dabei auf, dass nicht alle Kinder gleichermaßen gefährdet sind. Es gibt offenbar besonders kritische Familienkonstellationen. Doch wann wird eine familiäre Situation brisant? Lassen sich vielleicht Risikofaktoren identifizieren, die man zum Schutz des Kindes beeinflussen kann?

Die Schwere der Krankheit spielt keine Rolle

Mehrere Hundert Familien mit einem schwer erkrankten Elternteil wurden von den Forschern der COSIP-Studie europaweit analysiert. Mit aufwendigen Psychotests erfassten die Wissenschaftler das soziale und emotionale Umfeld der Kinder. Das Ergebnis der Studie hat die Forscher verblüfft. Hatte man doch zuerst vermutet, dass es vor allem Dauer und Schweregrad der elterlichen Erkrankung sind, die der psychischen Gesundheit der Kinder zusetzen. Doch genau diese Faktoren spielten praktisch überhaupt keine Rolle.

Erschöpfter Mann hält seine Hand vor die Augen

Besser offen über die Krankheit sprechen

Die COSIP-Studie war wissenschaftlich gesehen der Durchbruch. Die Erhebung hat die Frage beantwortet, wie man Kindern prophylaktisch helfen kann. Kurz zusammengefasst lautet ihr Fazit: In der Familie muss offen über die Krankheit gesprochen werden. Selbst Kleinkinder vertragen die Wahrheit besser als wir denken. Und Heimlichtuerei kann man sich sparen. Die Kinder haben intuitiv sowieso schon mitbekommen, dass etwas Schlimmes passiert ist. Das trifft besonders bei einer Krebserkrankung eines Elternteils zu. Hier kommt es auch am häufigsten zu einer Überforderung der Eltern. Die Angst, dem Kind mit dem Aussprechen der Wahrheit zu schaden, sitzt bei der Diagnose Krebs besonders tief.

Nicht alleine

Deshalb hilft in einer solchen Situation am besten ein professioneller Beistand. Das geschieht natürlich nur mit dem Einverständnis der Eltern. Zum Beispiel bei der Hamburger Initiative phönikks werden in wöchentlichen Gruppensitzungen die Fakten mit fünf oder sechs anderen, ebenfalls betroffenen Kindern besprochen. Über Probleme offen reden zu können und den Gefühlen freien Lauf zu lassen – das tut auch den Eltern und den Angehörigen gut. Sie treffen sich meist parallel zur Kindergruppe. Und so kommt es bei phönikks regelmäßig zu einem Austausch der ganz besonderen Art.

Elterninitiative krebskranker Kinder im Saarland erfüllt krebskranken Kindern kleine und große Wünsche

Die richtige Betreuung spielt eine große Rolle

Es gibt ein weiteres Problem, das Erwachsene bei Kindern schnell übersehen. Kinder leben bekanntlich in ihrer eigenen kleinen Welt. Können Realität und Wunschdenken nicht immer klar abgrenzen. Die Psychologie spricht vom magischen Denken. Es kann sich verselbstständigen, wenn ein Elternteil schwer erkrankt ist. Das magische Denken ist eine ganz normale Entwicklungsphase bei Kindern zwischen dem vierten und siebten Lebensjahr. Die Kinder haben dann den Eindruck, dass irgendetwas passiert, was sie ausgelöst haben.

Ist Papa krank, weil ich böse war?

Das Kind fühlt sich schuldig, verkriecht sich und hat Angst. Dabei handelt es sich um ein banales Missverständnis, dass man schnell aus der Welt schaffen kann. Manchmal glauben oder verstehen die Kinder das nicht sofort. Für solche Zwecke gibt es kindgerechte Bilderbücher und Broschüren. Die erklären die Krankheit von Mutti oder Vati in einfachen, für das Kind nachvollziehbaren, Zusammenhängen.

Kind hält sich Hände vors Gesicht

Kinder machen sich oft Selbstvorwürfe

In der Regel reichen 5 bis 6 Gruppensitzungen mit den Kindern aus, um die Dinge in die richtigen Bahnen zu lenken. Wenn im familiären Umgang das emotionale Tabu erst einmal gebrochen ist, regelt sich vieles von selbst. Natürlich gibt es auch viele Kinder, die ohne spezielle psychologische Hilfestellung klarkommen. Nur weiß man das eben nicht von vornherein. Deshalb halten es die Experten für geboten, alle betroffenen Kinder prophylaktisch in einem Beratungszentrum vorzustellen.

Abschied

Bleibt die heikle Frage, ob man kleine Kinder mit ins Krankenhaus nehmen darf. Der Anblick eines sterbenden, vielleicht sogar durch die Krankheit entstellten Elternteils könnte zu viel sein für ein kleines Kind.

Kind wandert über Steine im Flußbett

Auf den Abschied vorbereiten

In Buch beispielsweise kennt man das Problem zur Genüge. Die Klinik hat ein Brustkrebszentrum. Trotz aller Therapiefortschritte kommt es immer wieder vor, dass dort Kinder auf der Palliativstation von ihrer Mutter Abschied nehmen müssen. In Buch dürfen sie das. Sie müssen allerdings auf den Krankenhausbesuch vorbereitet werden und – ganz wichtig –, man muss reagieren, wenn die Situation aus dem Ruder läuft.
Wissenschaftlich fundierte Strategien im Umgang mit Kindern, die sich auf einer Palliativstation von Mutter oder Vater trennen müssen, sucht man vergebens. Da ist einfach ärztliches Feingefühl gefragt.


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