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Neue Therapien gegen Magersucht Wenn Essen zur Qual wird

Die Magersucht zählt zu den gefährlichsten und folgenschwersten psychischen Erkrankungen. Jede(r) fünfte Erkrankte hungert sich zu Tode und die Zahl der Todesfälle steigt. Neue und effiziente Therapieformen sind gefragt. Zwei klinische Studien zur Magersucht sind nun zu erfolgversprechenden Ergebnissen gekommen.

Mann sitzt über einen Teller gebeugt und stochert mit seiner Gabel auf einem Teller mit nur einer kleinen Cocktail-Tomate herum.

Es beginnt mit einer Diät und endet in einer Suchterkrankung

Meist ist eine Diät, die außer Kontrolle gerät, der erste Einstieg in die Magersucht. Eindeutige Zahlen gibt es nicht, aber man geht davon aus, dass in Deutschland 800.000 Menschen magersüchtig sind, 95 Prozent davon Frauen. Die meisten Betroffenen sind im Teenager-Alter, doch die Krankheit kann auch bei Erwachsenen oder schon vor der Pubertät auftreten. Und es trifft in der Regel gut integrierte beliebte Menschen, die eines verbindet: Sie sind ehrgeizig und sehr diszipliniert.

Jede(r) Fünfte stirbt

Zwanzig Prozent der an Magersucht Erkrankten sterben einen qualvollen Tod. Entweder durch Multiorganversagen infolge ihrer Mangelernährung, durch plötzlichen Herztod oder schlicht, indem sie sich bewusst zu Tode hungern. Mediziner wie Professor Stephan Zipfel suchen daher nach neuen wirksameren Therapien für Magersucht-Patientinnen und -Patienten. Zipfel ist ärztlicher Direktor der Abteilung für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie des Universitätsklinikums Tübingen. Er hat 2013 eine große Studie geleitet, die an zehn Universitätskliniken drei verschiedene ambulante Psychotherapieverfahren auf ihre Wirksamkeit hin untersucht hat: Die Studie heißt ANTOP, das steht für „Anorexia Nervosa Treatment of Patients“ und beschäftigt sich mit Therapieprogrammen für ambulante Patienten und Patientinnen, die an Magersucht leiden.

Magersucht

Jede(r) fünfte Erkrankte hungert sich zu Tode

Die 240 Patientinnen wurden per Los in drei Gruppen aufgeteilt, die mit den unterschiedlichen Therapien behandelt wurden. Mediziner Zipfel spricht von Therapie-Armen: Da ist zum einen die Standard-Psychotherapie, die bisher als Regelversorgung für Magersüchtige bekannt ist. Ihr Kern ist eine Gesprächstherapie, die in enger Zusammenarbeit mit den jeweiligen Hausärzten und Hausärztinnen durchgeführt wurde. Neu waren die Therapieformen der fokalen psychodynamischen Psychotherapie und die speziell für ambulante Behandlungen entwickelte kognitive Verhaltenstherapie, die sich ebenfalls mit dem eigenen Körperbild und der Beziehungsgestaltung der Patienten beschäftigen.

Langfristige Erfolge

Ein Viertel der Patientinnen hat die Behandlung vorzeitig abgebrochen. Bei den verbleibenden führten alle drei Therapien zum Erfolg - zumindest was die Gewichtszunahme nach 10 Monaten angeht. Im Schnitt nahm jede Patientin knapp 4 Kilo zu. Die beiden neuen Therapieformen zeigten im Vergleich zur Standardpsychotherapie jedoch Vorteile: Besonders schnell nahmen Patientinnen mit einer verhaltensorientierte Therapie zu. Am erfolgreichsten war auf längere Sicht aber der psychodynamisch orientierte Therapie, denn ein Drittel der Patientinnen hatte keinerlei Symptome einer Essstörung mehr ein Jahr nach Ende der Therapie.

Zwischen Schönheitsideal und Magersucht

Menschen mit Magersucht leiden an einer gestörten Selbstwahrnehmung

Die fokale psychodynamische Psychotherapie sucht nach den tiefer liegenden Ursachen der Essstörung. Dabei geht man den inneren Konflikten und emotionalen Auslösern der Erkrankung auf den Grund. Mit diesem Wissen werden die Magersüchtigen dann gezielt auf den Alltag nach Ende der Therapie vorbereitet. Da rund 100 Mediziner und Therapeutinnen an der Studie mitgewirkt haben, haben sich die neuen Therapieformen bereits verbreitet, freut sich Studienleiter Zipfel.

Junge, iss‘ halt was

Der Sportjournalist Christian Frommert fällt mit 47 Jahren deutlich aus dem Normschema der Magersüchtigen heraus. Schließlich ist im Schnitt nur einer von zwölf Erkrankten männlich. Anorexia nervosa wird jedoch in den letzten Jahren immer öfter auch bei Jungen und Männern diagnostiziert. Auch sie stehen heute unter dem Druck einen schlanken und durchtrainierten Körper zu haben, um privat und beruflich erfolgreich zu sein. Christian Frommert geriet erst mit über 40 in die Magersucht. Er hat ein Buch über seine Geschichte geschrieben. Es heißt: "Dann iss halt was".

Christian Frommert spricht bei einer PK.

Christian Frommert ist ein deutscher Journalist und Medienmanager

Menschen mit Magersucht leiden an einer gestörten Selbstwahrnehmung, einer sogenannten Körperschemastörung. Trotz Untergewicht empfinden sie sich selbst als zu dick. In Therapien lernen die Betroffenen daher auch ihren Körper wieder realistisch einzuschätzen. Professor Stephan Zipfel erklärt, dass es deshalb zum Standard gehört, die Patienten und Patientinnen mit der Spiegeltherapie langsam daran zu gewöhnen, ihrem Körper seine Formen zuzugestehen.

Magersüchtige Kinder

Erschreckend ist, dass die Betroffenen immer jünger werden. Die Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters in Aachen, Professorin Beate Herpertz-Dahlmann, berichtet, das immer mehr Kinder lange vor dem Eintritt der Pubertät Symptome einer Magersucht zeigen.

Die körperlichen Folgen von Magersucht sind gerade bei jüngeren Kindern sehr ernst. Herpertz-Dahlmann und ihr Team haben in einer neuen Studie festgestellt, dass die Magersucht auf Patienten und Patientinnen unter 14 noch deutlich schlimmere Auswirkungen hat als auf diejenigen, die schon in der Pubertät sind. Denn zum einen hören die betroffenen Kinder auf, zu wachsen, und das Gehirn entwickelt sich nicht dem Alter entsprechend weiter.

 Französisches Mager-Model Isabelle Caro

Französisches Mager-Model Isabelle Caro (1982-2010)

Die Ursachen von Magersucht sind immer noch nicht eindeutig identifiziert. Therapeutinnen und Therapeuten gehen davon aus, dass mehrere Faktoren zusammen wirken. Da ist zum einen die Familien- oder Beziehungssituation der Betroffenen, aber auch die Anpassung an das herrschende Schlankheitsideal. Außerdem gibt es offenbar auch eine genetische Disposition, die die Magersucht begünstigt. Herpertz-Dahlmann hält dies sogar für die wichtigste Ursache. Dies betont sie vor allem dann, wenn Eltern mit Schuldgefühlen über die Krankheit ihres Kindes zu ihr kommen.

Gene und Umfeld

Ein weltweites Konsortium von Medizinern und Therapeutinnen erforscht derzeit den Einfluss der Gene. Doch welche genau der Krankheit zugrunde liegen, ist noch nicht geklärt. Die Ärzte konzentrieren sich daher auf eine Verbesserung und Weiterentwicklung der psychotherapeutischen Behandlung. In der sogenannten ANDI-Studie hat das Team von Professorin Beate Herpertz-Dahlmann untersucht, ob es möglich ist, gerade Kinder und Jugendliche nicht vollstationär, sondern ambulant in einer Tagesklinik zu behandeln. Das Ärzteteam geht davon aus, dass die Heranwachsenden das als weniger einschneidend ins Leben empfinden.

Ein Apfel und ein Maßband liegen auf einer Waage.

Essgestörte und Magersüchtige suchen oft Hilfe außerhalb ihres sozialen Umfelds

Manche Betroffenen suchen Unterstützung außerhalb von Therapie und Klinik - zum Beispiel in einer Selbsthilfegruppe. Doch der Aufbau von Selbsthilfegruppen ist schwierig, da sich die Magersüchtigen stark vergleichen. Das hat der Freundeskreis Karlsruhe, eine Selbsthilfeorganisation für Suchtkranke in Karlsruhe, erfahren. Gabi Thielbär, die ehrenamtlich Selbsthilfegruppen organisiert, berichtet, dass sie versuchten, eine eigene Gruppe für Magersüchtige aufzubauen. Davon sei man aber relativ rasch abgekommen. Heute sind die Magersüchtigen in die anderen Selbsthilfegruppen des Freundeskreises eingebunden. In jeder Gruppe finden sich Alkohol-, Tabletten-, Drogen- und Magersüchtige, denn so können sich die Betroffenen über die Gemeinsamkeiten der Sucht austauschen und sind nicht komplett auf ihre Körper fixiert.

Offenheit fehlt

In die Selbsthilfegruppen kommen viele Essgestörte und Magersüchtige, die noch mitten im Kampf mit der Krankheit stecken. Sie suchen Hilfe außerhalb ihres sozialen Umfelds, denn Magersucht ist weiterhin ein großes Tabuthema. An Schulen wird selten über Magersucht aufgeklärt. Fettsucht wird für das drängendere Problem gehalten. Immerhin sind zwischen zehn und zwanzig Prozent aller Kinder übergewichtig. Doch gerade bei der Magersucht sei es wichtig, dass Lehrer und Erzieherinnen früh auf gefährdete Kinder zugehen würden, betont die Aachener Therapeutin Herpertz-Dahlmann. Da bundesweit nur ein Prozent der Bevölkerung magersüchtig ist, fehle es bisher an einer starken Lobby, die sich für sinnvolle Aufklärung und frühzeitige Prävention gerade in den Schulen einsetze, bedauert die Therapeutin und gibt zu bedenken: Ein Prozent der Bevölkerung sind immerhin 800.000 Betroffene in Deutschland, und die Magersucht endet in jeweils einem von fünf Fällen tödlich.