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Armut und Kindergesundheit in Deutschland Kranke Kinder

Seit 2003 untersucht das Robert-Koch-Institut als Einrichtung des Bundesgesundheitsministeriums den körperlichen und psychischen Zustand von rund 20.000 Kindern und Jugendlichen – eine in Europa einzigartige Großstudie. Jeweils tausend Kinder eines Jahrgangs nehmen daran teil. Alle werden im Abstand von zehn Jahren gewogen und vermessen, müssen Blut und Urinproben abgeben, Liegestütze machen, auf einem Bein hüpfen und zeigen, wie schnell sie reagieren können.

An der Hand eines Babys, das auf der Kinder-Intensivstation liegt, sind Schläuche für die medizinische Versorgung angebracht

Deutschlands Kinder kränkeln

Früher kamen die Familien zum Kinderarzt, um klassische Infektionskrankheiten wie Masern, Keuchhusten, Röteln, Diphtherie oder Windpocken behandeln zu lassen. Doch weil die meisten Kinder heutzutage dagegen geimpft werden, sind diese Krankheiten seltener geworden.

Jetzt gehen die Familien häufig wegen chronischer Erkrankungen zum Arzt, die noch vor fünfzig Jahren Exotenstatus hatten. Sie kommen mit Allergien wie Heuschnupfen, an dem rund eine Million Kinder in Deutschland leiden. Oder mit Asthma, davon sind etwa 650.000 Kinder betroffen.


Und noch zwei weitere chronische Krankheiten machen den Experten Sorgen, vor allem, weil sie viele Folgeerkrankungen nach sich ziehen können: rund 800.000 Kinder und Jugendliche in Deutschland gelten als adipös, das heißt sie haben krankhaftes Übergewicht. Und nicht selten taucht im Zusammenhang damit Diabetes auf.

Krankhaft übergewichtige Kinder

Bestätigt werden diese Einschätzungen von einer wissenschaftlichen Langzeituntersuchung: der „Studie zur Gesundheit von Kindern und Jugendlichen in Deutschland” – kurz "KIGGS". Zehn Jahre arbeiten die Wissenschaftler bereits an dieser aufwändigen Studie. Aus den Befragungen erfuhren die Forscher, mit welchen Lebensmitteln Kinder und Jugendliche heute ihren Hunger stillen: Brot, Süßwaren, Milchprodukte und Säfte. Im Durchschnitt essen sie nicht einmal die Hälfte der empfohlenen Mengen von Obst und Gemüse, aber dafür doppelt so viel Fleisch und Wurstprodukte.

Die Mädchen ernähren sich einen Hauch besser, aber auch ihr Ernährungsalltag ist weit davon entfernt, gesund zu sein. Und: je älter die Kinder werden, desto ungesünder essen sie. Bei Jugendlichen ab 14 Jahren rangieren Fast-Food, Backwaren to go und Süßigkeiten ganz oben. Mit zunehmendem Alter wächst nachweislich auch die Gruppe der krankhaft Übergewichtigen.

Schutzfaktoren

Kinderhospiz Bethel in Bielefeld

Kinder brauchen Schutz

Schutzfaktoren nennen die Wissenschaftler die Bedingungen und Lebensumstände, die mit dazu beitragen, wie sich ein Kind entwickelt, wie es aufwächst und wie gesund es ist. Man unterscheidet Schutzfaktoren in drei Bereichen: Die personalen Schutzfaktoren, die ein Kind mit auf die Welt bringt, wie Zielorientierung, Temperament, Selbstbewusstsein, Selbstwertgefühl. Dann gibt es die familiären und die sozialen Schutzfaktoren, also die Umgebung des Kindes betreffend.

Die Wissenschaftler fanden heraus, dass übergewichtige und adipöse Kinder über weniger Schutzfaktoren verfügen als ihre schlanken Altersgenossen. Das bedeutet: die Kinder und ihre Familien haben ein tiefergehendes Problem. Und das ist, so das Ergebnis der KIGGS-Studie, vor allem ein niedriger Sozialstatus.

Was ist ein niedriger Sozialstatus?

Aber niedriger oder hoher Sozialstatus ist nicht gleich arm oder reich, sondern hat mit Bildung zu tun. Die Forscher der KIGGS-Studie verstehen darunter nicht nur konkretes Wissen, etwa über Mineral- oder Ballaststoffe in Lebensmitteln, sondern im weitesten Sinne auch soziale Kompetenzen.

Maria kümmert sich um den kranken Ludwig

Kranke Kinder brauchen viel Fürsorge

Und die zeigen sich bei ganz unspektakulären Dingen: gemeinsam essen, Zimmer aufräumen, Verabredungen einhalten, den anderen zuhören. Wenn das in den Familien nicht passiert, dann leiden die Kinder nicht nur häufiger an chronischen Krankheiten, sondern zeigen auch öfter psychische Auffälligkeiten. Das ist ein klarer Befund der Wissenschaftler.

Kranke Kinderseelen

Seit 2003 untersuchen Forscher am Universitätskrankenhaus Eppendorf in Hamburg - ergänzend zur KIGGS-Studie - das seelische Wohlbefinden der Kinder und Jugendlichen in Deutschland. Niedergelassene Kinderärzte und psychiatrische Ambulanzen hatten bei Kindern und Jugendliche immer öfter psychische Auffälligkeiten beobachtet. Um eine solide wissenschaftliche Basis für diesen Gesundheitsbereich zu bekommen, wurde die "Bella-Studie" aufgelegt. 3000 junge Teilnehmer müssen alle zwei Jahre Fragenbögen zu ihrem seelischen Befinden ausfüllen. Die Auskünfte der Kinder und Jugendlichen sind besorgniserregend.

Junge mit Fußball vor tristem Hintergrund

Kinder im sozialen Abseits

Zehn Prozent der befragten Kinder leiden unter starken Ängsten. Mehr als fünf Prozent haben Depressionen. Hyperaktivität und Defizite in der Aufmerksamkeit haben über zwei Prozent, und über sieben Prozent zeigen gestörtes Sozialverhalten, vor allem gesteigerte Aggressivität. Wie bei den körperlichen Erkrankungen zeigte sich auch hier: je niedriger der soziale Status, desto höher das Risiko für psychische Auffälligkeiten.

Um aber dauerhafte seelische Erkrankungen zu vermeiden, müssen schon die Auffälligkeiten erkannt und behandelt werden. Und auch hier haben die Kinder aus sozial schwachen Familien das Nachsehen: sie werden deutlich seltener zum Arzt gebracht und therapiert.

Schaff, mein Kind

Immer mehr Arbeitnehmer klagen darüber, dass sich die beruflichen Anforderungen in den letzten zwei Jahren deutlich verschärft und verdichtet haben. Es liegt auf der Hand, dass diese Anspannung auch in den Familien ankommt.

Familienarmut

Alleinerziehende sind besonders häufig betroffen.

Manche ihrer Kinder können nicht mehr schlafen, andere einfach nicht mehr in die Schule gehen, manche haben diffuse Schmerzen. Das Leistungsdenken stresst den Nachwuchs in allen sozialen Schichten, beobachten Kinder- und Jugendpsychiater. Die einen stehen unter Druck, weil sie die Erwartungen ihrer Eltern erfüllen müssen und Angst haben zu scheitern. Die anderen sind gestresst, weil sie wissen, dass sie kaum eine Chance haben. Die gesellschaftlichen Anforderungen sorgen für Unruhe in den Familien.

Gemeinsame Mahlzeiten sind gesund

Die Experten sind sich einig: Familien müssen in Deutschland vor allem in ihren emotionalen und sozialen Kompetenzen gestärkt werden. Und das gelingt am besten durch Bildung. Sie ist der Schlüssel zur Kindergesundheit.

Als Konsequenz aus den Ergebnissen der Bella-Studie zur seelischen Gesundheit hat Ulrike Ravens-Sieberer gemeinsam mit der Krankenkasse AOK einen Zehn-Punkte-Plan entwickelt. Er heißt "Gesunde Zukunft, gesunde Kinder" und soll Familien helfen, gesund zu leben.

Familie beim Essen

Wie schmeckt's heute?

Dabei geht es nicht um Spezialwissen, sondern um die Einsicht, dass schon kleine, überschaubare Änderungen im Familienalltag eine Menge bewirken können, zum Beispiel beim Thema Übergewicht.

So haben US-Wissenschaftler herausgefunden, dass mehrere gemeinsame Familienmahlzeiten pro Woche das Risiko für Übergewicht immerhin um zwölf Prozent senken.
Und so lautet Punkt eins des Gesundheits-Plans: Nehmen Sie mindestens eine Mahlzeit pro Tag zusammen mit ihrer Familie ein. Bei der Mahlzeit sollten weder der Fernseher noch das Radio laufen, damit sich alle auf das Gespräch konzentrieren können.

Alltag braucht Routine

Punkt 2: Tägliche Rituale beim Zubettgehen oder beim Essen schaffen ein "Wir-Gefühl" in der Familie. Und es ist nicht unbedingt entscheidend, wie viel Zeit Sie für Ihre Kinder aufbringen. Entscheidend ist, dass Sie den Kindern regelmäßig ungeteilte Aufmerksamkeit schenken.

Ärztin untersucht Mädchen mit Stethoskop

Prävention ist dringend notwendig

Diese Ratschläge mögen banal klingen. Aber wer den Alltag von heutigen Familien kennt, der weiß, dass man solche Tipps nicht oft genug wiederholen kann. Prävention kann nur gelingen, wenn sie ernsthaft, flächendeckend und nachhaltig betrieben werde. Und zwar nicht nur für sozial schwache Eltern, die schlichtweg nicht wissen, was sie ihren Kindern vorenthalten, wenn sie sich nicht regelmäßig um sie kümmern. Sondern genauso für Mütter und Väter mit Geld und Bildung, die ihre Kinder vom Geigenlehrer zum Golftrainer reichen und vom Reitkurs zum Sprachlehrgang. In beiden Fällen fehlt den Kindern das Gleiche, um gesund aufwachsen zu können: Zeit, Zuwendung und Aufmerksamkeit.

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