Stadt oder Land - was ist gesünder? Ein Traktor mit Hahn im Vordergrund dahinter einer Silhouette einer Großstadt (Foto: Getty Images, Thinkstock -)

City-Stress Machen Städte krank?

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2050 werden rund 70 Prozent der Menschheit in Städten leben, viele neue Millionenstädte werden entstehen, neue Zentren des Lebens. Aber: Das Leben in der Stadt ist auch geprägt von Lärm, Hektik, Gewalt und Anonymität. Überwiegen die positiven Seiten des Stadtlebens oder die negativen?

Adli Mazda ist Chefarzt der Fliedner Klinik Berlin und Leiter des Forschungsbereichs Affektive Störungen an der Berliner Charité. Sein Buch heißt: „Stress in the City. Warum Städte uns krank machen. Und warum sie trotzdem gut für uns sind.“

Herr Adli, es gibt das Bild der guten Großstadt, das heißt, bald geht es dann zur Kur nach Mexico City, pardon Bad Mexico City?
Ja, also Städte sind natürlich keine Kurorte. Aber Städte sind die wissenschaftlichen, wirtschaftlichen, kulturellen und die politischen Zentren unserer Welt. Daher zieht es natürlich viele Menschen in die Stadt, die sich zu Recht Wohlstand, besseren Zugang zu Bildung und vielleicht doch besseren Zugang zur Gesundheitsversorgung erhoffen.

Das sind die guten Faktoren. Aber auf der anderen Seite machen Großstädte immer noch krank?
Also beides stimmt. Städte sind gut für uns, sie bieten das, was man heute als „urban advantage“, also als Startvorteil, bezeichnet: Viele von uns sind in Städten, weil sie die kulturelle und soziale Diversität schätzen, weil sie vielleicht auch die hohe Zahl an Freizeitmöglichkeiten und Zerstreuungsmöglichkeiten schätzen usw.. Aber wir stellen auch fest, dass Stadtbewohner ein größeres Risiko haben, an manch einer Stress- und Folgeerkrankung zu leiden als Landbewohner.

sitzender Mann hat das Gesicht in seine Handflächen gelegt (Foto: © Colourbox.com -)
Nicht alle Menschen können mit den Stressfaktoren in Städten gut umgehen. © Colourbox.com -

Welche Krankheiten sind das?
Es ist erwiesen, dass zum Beispiel Schizophrenie doppelt so häufig bei Stadtbewohnern vorkommt. Das Aufwachsen in der Stadt scheint hier einen Risikounterschied auszumachen. Auch Depressionen kommen bei Stadtbewohnern häufiger vor - etwa anderthalb Mal so oft wie bei Landbewohnern; und auch Angsterkrankungen sehen wir häufiger bei Menschen die in der Stadt wohnen.

Dabei könnte man ja eigentlich annehmen, dass das Leben in der Großstadt gewissermaßen ein Stresstraining ist, dass die Stadtbewohner Enge, Lärm und Zeitdruck eher gewohnt sind und das gewissermaßen abhärtet. Das ist aber nicht der Fall?
In der Tat ist es so, dass wir Städter ein gutes Stresstraining haben – ich selber bin auch einer. Ich lebe in Berlin. Wir müssen uns tagtäglich durch das Gewühl der Großstädte kämpfen und das ist natürlich ein gutes Training. Das macht uns auch noch lange nicht krank. Aber wenn dieser Stadtstress zusammenkommt mit anderen Risikofaktoren, etwa mit einem gentischen Risikofaktor für Schizophrenie oder auch mit anderen, sozialen Faktoren, die auch zu psychischen Krankheitsrisiken werden können, dann kann die Mischung auch mal toxisch sein.

Menschenmassen drängen in einen Zug (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa -)
Das Leben in der Stadt bietet vor- und Nachteile. Es ist per se nicht ungesünder als das Landleben. picture-alliance / dpa -

Man kann nicht pauschal sagen, das Stadtleben sei gesundheitsschädlich und das Landleben sei gesund. So ist es eben doch nicht. Denn unterm Strich kann man auch festhalten: Die Vorteile der Stadt wiegen für die meisten von uns die Nachteile der Stadt auf, bei weitem sogar. Noch mal: In der Stadt gibt es besseren Zugang zu Bildung. Das ist ja einer der wichtigsten Gesundheitsvoraussetzungen, der Gesundheit bestimmenden Variablen, die wir kennen. Die Gesundheitsversorgung ist besser:  Ein Psychiater oder Psychotherapeut – das ist nun mal mein eigenes Gebiet -  lässt sich viel leichter in der Stadt finden als auf dem Land.  All das ist unserer Gesundheit zuträglich, die Vorteile wiegen die Nachteile auf. Aber es gibt eben Risikopopulationen: Es gibt Menschen, Stadtbewohner, die den Zugang zu diesem „urban advantage“ eben nicht so leicht finden, und diese Risikopopulation gilt es gut und viel besser zu erkennen, um hier dann auch sinnvoll Prävention betreiben zu können.

 
Dazu zählen dann wahrscheinlich Menschen, die keinen Zugang zu Bildung haben. Richtig?
Ja, oder die sich den Zugang zu Kultur nicht leisten können, oder Menschen mit einem so geringen Aktions-Radius, dass ihre sozialen Kontakte und  ihre sozialen Unterstützungsstrukturen massiv einschmelzen. Ich denke da an ältere Menschen, zum Beispiel. Ich denke da an Migrantenpopulationen in den Städten, die ein höheres soziales Isolationsrisiko haben. Und soziale Isolation ist eine der Stadtstressoren, die zum Problem werden können, wenn man sie nicht überwinden kann.

Ist die Stadt der richtige Ort für Kinder?
Auch für Kinder gilt: Das Stadtleben bietet viele Vorteile, die das Landleben nicht hat. In der Stadt findet man ein Entwicklungs- und Förderangebot, das schätzungsweise vier mal so dicht und so gut ist, wie das, das man auf dem Land findet. Ich bin auch fest davon überzeugt, dass Kinder, die mit der Diversität der Stadt aufwachsen, auch an ihr reifen können. Ich glaube, dass ein Aufwachsen in der Stadt uns vielleicht viel leichter zu demokratischen Bürgern werden lässt, weil wir eben mit der Vielfalt unserer Welt einen Umgang finden. Das ist auf dem Land etwas schwerer als in der Stadt. Natürlich hat die Stadt auch viele Stressoren, die auch Kinder mitbekommen, aber auch hier gilt: Die Vorteile wiegen die Nachteile auf. Und viele fragen, ob denn die Freizeit- oder Spielmöglichkeiten für Kinder nicht eingeschränkt sind in der Stadt.
Da muss man sagen, dass Kinder unglaublich kreativ darin sind, sich ihre Spielräume zu erschaffen.

Kinder im Matsch (Foto: picture-alliance / dpa, picture-alliance / dpa - Uwe_Zucchi)
Spielen im Matsch ist wichtig picture-alliance / dpa - Uwe_Zucchi
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