SWR2 Wissen | Porträt zum 10. Todestag

Loriot – Komik beginnt, wo Würde misslingt

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Vor 10 Jahren starb Vicco von Bülow, der durch seine Produktionen das Humorverständnis deutschsprachiger Leser- und Zuschauer*innen prägte.

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Loriot zeichnete und animierte seine Figuren nicht nur, er lieh ihnen auch oft seine Stimme. Außerdem war er nicht nur ein penibler Regisseur, sondern erwies sich überdies als wandlungsfähiger Schauspieler.

In der Entlarvung bürgerlicher Verhaltensweisen denunzierte Loriot nie seine Akteure – vielleicht, weil er sich immer als einer der ihren betrachtete.

Loriots Art der Komik ohne die Erfahrung des Krieges nicht denkbar

Am 22. August 2011 ist Loriot hochbetagt und ebenso hoch geehrt gestorben. 1923 geboren, war er Ende der 1930er-Jahre zwar jung, aber immerhin alt genug, um noch am Zweiten Weltkrieg teilnehmen zu müssen. Nach dem Notabitur 1941 trat er in die Wehrmacht ein, wurde – der Familientradition folgend – Offizier und kämpfte an der Ostfront. Sein jüngerer Bruder fiel kurz vor Ende des Krieges. Später sagte er einmal, dass die Ausprägung seiner Art von Komik ohne die Erfahrungen des Krieges nicht denkbar gewesen sei.

Schon während seiner Schulzeit war die parodistische Begabung des Jungen aufgefallen; und selbst in der Heerespersonalakte des 19-jährigen Vicco von Bülow, die man auf der Website des Bundesarchivs in Koblenz frei einsehen kann, wird „seine ausgesprochene mimische und darstellerische Begabung“ sowie seine Fähigkeit als „hervorragender Unterhalter“ erwähnt. Bemerkenswert, dass die in Offiziers-Personalakten wohl übliche Formel vom „überzeugten Nationalsozialisten“ bei von Bülow fehlt.

Loriots Komik hat eine Eigenart, worin vielleicht einzig noch Gerhard Polt ihm – bei aller sonstigen Verschiedenheit – ähnlich ist: Er schaut dem Gegenstand seiner Komik oft zum Verwechseln ähnlich, blickt nicht von oben herab auf die von ihm karikaturistisch überzeichneten Typen, sondern scheint zu einem Teil von ihnen zu werden. Während solche Nähe bei Polt sich bis zum schäumenden Furor beängstigender Gewalttätigkeiten seiner Figuren steigern kann, bleibt Loriots Kritik stets milde im Ton, nachgerade verständnisvoll.

Erste Arbeiten des Graphikers für den "Stern" und den Diogenes-Verlag

Nach einem Studium der Malerei und Graphik in Hamburg zeichnete er bald Cartoons für den Stern, die den Protest zahlreicher Leser herausforderten, was den damaligen Chefredakteur Henri Nannen veranlasste, die Serie recht bald zu beenden. Erst der junge Verleger Daniel Keel, der soeben den Diogenes-Verlag gegründet hatte, interessierte sich für Loriots Zeichnungen; 1954 brachten die beiden "Auf den Hund gekommen. 44 lieblose Zeichnungen" heraus. Den Band, mit dem Loriots erfolgreiche Karriere endlich begann.

Loriots Figuren und Redensarten wurden zu Klassikern

Inzwischen sind solche beruflichen Startschwierigkeiten fast vergessen, und es ist uns ganz selbstverständlich, dass viele Redensarten seiner Figuren geradezu sprichwörtlich geworden sind. Zum Beispiel der missgelaunte Kommentar: „Früher war mehr Lametta!“ von Opa Hoppenstedt, gespielt vom Meister selbst, aus der Sketchreihe Weihnachten bei Hoppenstedts. Oder der ebenso legendäre Satz: „Bitte sagen Sie jetzt nichts, Hildegard!“ – des liebestollen, ältlichen Verehrers –, der seiner Angebeteten während eines Restaurantbesuchs ein umständliches Liebesgeständnis machen möchte und ganz im Gegensatz zu seinem fassungslosen Gegenüber nicht bemerkt, dass eine einzelne Nudel in seinem Gesicht die von ihm beabsichtigte romantische Stimmung gründlich verdirbt. Unvergessen auch die zahlreichen Szenen einer Ehe oder die Dialoge zwischen den Herren Dr. Klöbner und Müller-Lüdenscheid in der Badewanne.

Der Humorist Vicco von Bülow in den 1980er-Jahren auf seinem grünen Sofa (Foto: imago images, IMAGO / United Archives)
Der Humorist Vicco von Bülow in den 1980er-Jahren auf seinem grünen Sofa IMAGO / United Archives

Ein Mann der leisen Töne

Von Bülow, der sich schon früh den Namen des Vogels im Familienwappen, einen Pirol (französisch: Loriot) als Künstlernamen gewählt hatte, war ein Mann der leisen Töne – etwa dann, wenn er mit mild ironischem Gesichtsausdruck in seiner Rolle als Moderator der eigenen Sketche auf dem berühmten grünen Sofa Platz genommen hatte. Heute noch kennt fast jeder deutschsprachige Mensch seine Knollennasenzeichnungen und -animationen, seine Fernsehsketche oder seine Spielfilme – und zumindest die älteren von uns empfinden Loriots Komik noch als ebenso frisch und unwiderstehlich wie beim ersten Hören oder Sehen.

Denkmal für den Humoristen, Karikaturisten, Regisseur und Schauspieler Loriot. Die Skulptur zeigt sein legendäres Knollennasenmännchen und wurde 2013 auf dem Loriotplatz in den Bremer Wallanlagen eingeweiht. (Foto: imago images, IMAGO / Eckhard Stengel)
Denkmal für den Humoristen, Karikaturisten, Regisseur und Schauspieler Loriot. Die Skulptur zeigt sein legendäres Knollennasenmännchen und wurde 2013 auf dem Loriotplatz in den Bremer Wallanlagen eingeweiht. IMAGO / Eckhard Stengel

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