November 1953 | Vortrag Lise Meitner: Frauen in der Wissenschaft

Die Kernphysikerin Lise Meitner promovierte als eine der ersten Frauen an der Wiener Universität und war die erste preußische Universitätsassistentin überhaupt. Obwohl sie zusammen mit Otto Hahn und Fritz Straßmann die Spaltung des Atomkerns entdeckte, blieb ihr der Nobelpreis verwehrt.

In einem Radiovortrag für den RIAS Berlin 1953 schildert Lise Meitner ihren Weg im Wissenschaftsbetrieb:

"Als ich vor mehr als 50 Jahren an der Wiener Universität Mathematik und Physik zu studieren begann, war ich sehr stark beeindruckt von der neuen Gedankenwelt, die mir eröffnet wurde. (…). Infolgedessen habe ich auch sehr wenig über die Entwicklung der Frauenbewegung gewusst. Vor allem war mir nicht klar geworden, was sie für die verschiedenartigsten Probleme bedeutet, die das individuelle Leben und das Gemeinschaftsleben in der menschlichen Gesellschaft in sich schließen. Natürlich hatte ich das eine oder andere über die Frauenfrage gelesen. Aber ich glaubte nicht, dass etwa ein Buch wie "Der physiologische Schwachsinn des Weibes" von Möbius, obwohl es von 1900 bis 1922 in 12 Auflagen herauskam, oder das 1910 erschienene Buch von Max Funke "Sind Weiber Menschen?" mit dem Untertitel "mulieres homines non sunt?" ernstgenommen und wiederlegt werden musste. Später habe ich begriffen, wie irrtümlich diese meine Auffassung war und welchen Dank jede speziell in einem geistigen Beruf tätige Frau den Frauen schuldig ist, die um die Gleichberechtigung gekämpft haben."

Meitner beschreibt die Einstellung zum Frauenstudium in Deutschland im endenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert als sehr ablehnend - nicht nur von Seiten der Universitätslehrer, sondern auch von Seiten der bürgerlichen Eltern.

Trotzdem seien in Deutschland und Österreich nach dem Ersten Weltkrieg Frauen als Dozentinnen und Assistenten in den verschiedensten Fachbereichen an Universitäten tätig gewesen. Meitner schaut in andere Länder, nach Schweden und in die USA. Auch dort war es nicht leicht für Frauen, eine "höhere" Stelle zu erhalten. Wissenschaftlerinnen, wie der theoretischen Physikerin Maria Mayer-Goeppert (Anmerk. der Redaktion: Maria Goeppert-Mayer) oder den Anthropologinnen Margaret Mead und Ruth Benedict sei es dennoch gelungen, zu Weltruhm zu kommen.

Meitner ist sich sicher, dass die Entwicklung hin zur Gleichstellung der Frau weitergeht. "Dass dabei einige besondere Probleme ihre Lösung finden müssen, wird wohl niemand übersehen."

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