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Antibiotika ade? Schweizer forschen an Alternative zu Penicillin & Co

Antibiotika sind Fluch und Segen zugleich: Sie töten zwar 99,9 Prozent der Bakterien. Doch die verbliebenen werden resistent und sind nur schwer zu bekämpfen. Annette Draeger von der Uni Bern forscht mit ihrem Team an einem Bakterienkiller aus Nanopartikeln – ohne Resistenzrisiko.

Frau Draeger, was ist das für eine Substanz, mit der wir demnächst Krankheiten vielleicht ganz ohne Antibiotika bekämpfen können?

Eine elektronenmikroskopische Aufnahme von einigen Liposomen

Eine elektronenmikroskopische Aufnahme von einigen Liposomen

"Kleine Nanopartikel. Diese fangen die Giftstoffe, die Bakterien aussenden, gezielt ein und machen sie unschädlich. Diese werden dann vom Körper selbst abgebaut. Die Bakterien, die dann immer noch im Körper sind, können dann von den Immunzellen überwältigt und gefressen werden. Denn ohne die Giftstoffe, haben sie keine Möglichkeit mehr, die Körperzellen anzugreifen."

Also nur ein Köder für die Bakterien? Die Bakterien werden nicht getötet, sondern ihre Abfallstoffe?
"Genau. Es ist wie mit Gewehrschüssen. Die Kugeln, welche die Bakterien auf unsere Körperzellen schießen, werden abgefangen. Die Bakterien sind dann wehrlos und können überwältigt werden."

Werden diese Nanopartikel künstlich hergestellt?

Eduard Babiychuk, Leiter der Studie und Annette Traeger

Eduard Babiychuk, Leiter der Studie und Annette Traeger suchen nach Ergänzungs- oder Ersatzmitteln für Antibiotika

"Ja, allerdings aus natürlichen Substanzen. Das sind Fettpartikel aus Cholesterin und anderen Lipiden. Diese sind sehr klein, unter 100 Nanometer groß. Sie sind speziell so zusammengesetzt, dass sie die Giftstoffe anziehen."

Und die bauen sich ab, wenn sie ihren Dienst getan haben?
"Die Fettpartikel werden mit den Giften zusammen von den Körperzellen einfach aufgefressen."

Wie bekommt man die Nanopartikel in den Körper und an den Entzündungsherd?
"Das geht mit einer Spritze. Man kann die Stoffe aber auch inhalieren, wenn der Patient eine Infektion in der Lunge hat. Das sind die beiden Methoden, die wir bis jetzt ausprobiert haben. Vielleicht gibt es in Zukunft noch mehr Möglichkeiten."

An wem haben Sie das ausprobiert – am Tier?
"In Zusammenarbeit mit Labors an den Unis Essen, Duisburg und Liverpool haben wir an einer Blutvergiftung erkrankte Mäuse mit den Fettpartikeln behandelt. Die sind dann wieder gesund geworden."

Das klingt so einfach. Wie ist ihr Team auf die Idee gekommen?
"Das war ein Abfallprodukt aus der Grundlagenforschung. Wir wollten herausfinden, wie sich eine Körperzelle selber schützen und verteidigen kann, wenn sie von einem Gift angegriffen wird. Da haben wir verschiedene Möglichkeiten ausprobiert, den Körperzellen zu helfen. Das hat dann in den Tierversuchen unerwartet einfach funktioniert.

Und die Bakterien entwickeln mit dieser Methode wirklich keine Resistenzen?"
"Nein, nur wenn sie – wie beim Antibiotikum - direkt angegriffen werden. Mit einem Antibiotikum werden 99,9 Prozent der Bakterien getötet. Aber die eine, die überbleibt, wird dann resistent. In der nächsten Phase sind es dann 100 resistente Bakterien. Die Substanz greift die Giftstoffe an, nicht die Bakterien. Die haben dann keine Chance."

Wirkt die Substanz gegen alle Bakterien?
"Noch nicht. Bei Bakterien, die in Blase und Darm wirken, haben wir beispielsweise noch kein Mittel."

Wann werden klinische Studien mit Menschen durchgeführt?
"In der ersten Hälfte des nächsten Jahres. Derzeit werden die Partikel schon bei Patienten mit schweren Lungenentzündungen auf der Intensivstation eingesetzt – allerdings in Verbindung mit Antibiotika. Die Patienten brauchen hier deutlich weniger Antibiotika."

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