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Lichtverschmutzung Verlust der Nacht

Künstliches Licht gehört zum Leben der Moderne. Doch Städte unsere werden immer heller. Diese Lichtverschmutzung stört massiv viele nachtaktive Tiere. Wissenschaftler erforschen weitere Auswirkungen und erste Länder beschließen gesetzliche Regelungen. Wie gesund lebt es sich im ewigen Licht? Und sollten wir bald Parks für Sterne bauen?

New York bei Nacht

New York bei Nacht

Die Forscher vom Projekt "Verlust der Nacht" haben die weltweite Entwicklung des nächtlichen Lichts untersucht, indem sie Daten verschiedener Stern-Observatorien ausgewertet haben. Und kamen auf einen Zuwachs von sechs Prozent pro Jahr. Dabei handelt es sich um einen Durchschnittswert. Der Physiker Christopher Kyba will es ganz genau wissen, für viele Orte der Erde.

Satellitenaufnahme des Lichtermeers in Italien

Satellitenaufnahme des Lichtermeers in Italien

Dafür braucht es Abermillionen Messungen an allen möglichen Standorten. Seit einigen Jahren schon messen Amateure mit einen Zigarettenschachtel-großen Spezialgerät, wie hell der nächtliche Himmel über ihnen strahlt. Die vorliegenden Daten hat Kyba ausgewertet. Und festgestellt: Im Schnitt sind die Messungen erstaunlich präzise. Denn bei der Menge an Daten fallen richtig ungenaue Messungen statistisch gesehen nicht ins Gewicht.

Damit nun jeder interessierte Amateur die Himmelshelligkeit ohne Spezialgerät ermitteln kann, hat Kybas Team eine kostenlose Smartphone-App entwickelt. Damit kann jeder auf simple Weise messen – und die Informationen an einen zentralen Rechner schicken.

Es wird nie wieder dunkel

Tausende Daten sind inzwischen eingegangen. Kybas Vision, die sich tatsächlich erfüllen könnte: eine Website bereitzustellen, die für jeden beliebigen Ort der Welt Informationen über die nächtliche Helligkeit liefert.

Forscher beobachtet mit einem Teleskop den Sternenhimmel bei Nacht.

Unsichtbare Galaxie beschäftigt Forscher

In Großstädten wie Berlin wird es nie richtig dunkel. Auf dem Lande nördwestlich der Bundeshauptstadt schon. Sie gilt als eine der finstersten Gegenden Deutschlands. Hier in Gülpe, im brandenburgischen Westhavelland, fühlt sich der Astronom Andreas Hänel wohl. Am liebsten beobachtet er den sternengefüllten Himmel bei sonst kompletter Dunkelheit. Dann ist hier nicht nur das leuchtende Band der Milchstraße mit bloßem Auge zu erkennen.

Im Naturpark Westhavelland ist es so dunkel, weil hier kaum Menschen wohnen. Genau hier soll der erste Sternenpark Deutschlands entstehen. Nach den Kriterien der "International Dark Sky Association" – einer Organisation, die sich für einen möglichst natürlichen nächtlichen Himmel einsetzt. Ein Sternenpark verpflichtet sich, diese, wie es heißt, "Naturschönheit" zu erhalten. Als ein markantes Symbol gegen die Lichtverschmutzung. Und zwar durch einen verantwortungsvollen Umgang mit künstlichem Licht. Das ist selbst in Gülpe und Umgebung noch eine Herausforderung.

Den Sternen einen Park bauen

Mit dem Sternenpark würde erstmals in Deutschland in einer Landschaft auch die nächtliche Tierwelt geschützt. Noch wissen Wissenschaftler nur lückenhaft, ob und wie nächtliche Beleuchtung die Tierwelt beeinflusst. Die Indizien mehren sich jedoch, dass Lichtverschmutzung zu Artenschwund führt.

Motten schwirren um das Licht

Motten schwirren um das Licht

In ihren Untersuchungen stellen die Berliner Forscher immer wieder fest, dass sich nächtliches Licht für Insekten – 60 Prozent aller Insektenarten sind nachtaktiv – besonders fatal auswirkt. Sie reagieren deshalb schon auf kleinste Störungen der Dunkelheit und erst recht auf die bislang üblichen starken Leuchtmittel in Straßenlampen. Oder von Lampen an Gewässer-Gehwegen.

Auch Vögel leiden unter der nächtlichen Lichtglocke, wie gerade erst wieder eine Studie des Projekts "Verlust der Nacht" untermauert hat. Manche städtische Singvögel wie die Amseln oder die Blaumeisen sind komplett irritiert und fangen zuweilen schon nachts um 1 Uhr an zu singen.

Die Stadt ohne Schlaf

Und der Mensch? Ob – und wie genau – sich die Beleuchtung in Städten und Gemeinden auf die Melatonin-Ausschüttung, den Tag-Nacht-Rhythmus oder die Gesundheit auswirkt, ist unter Wissenschaftlern umstritten. Finale Beweise für eine gesundheitliche Gefährdung gibt es bislang nicht. Nur gegensätzliche Indizien. Abraham Haim von der Universität Haifa in Israel zählt zur Fraktion jener Forscher, die in nächtlicher Außenbeleuchtung womöglich ein Risiko sehen. Er sammelt seit Jahren Hinweise, wie künstliche Beleuchtung bei Nacht und die Entstehung von Brust- und Prostatakrebs zusammenhängen.

Junge Frau liegt schlaflos mit offenen Augen im Bett

Gestörte Nachtruhe: Immer mehr Menschen können zum Schlafen nicht abschalten.

Überdies haben die Forscher eine Umfrage mit 1800 Teilnehmerinnen gestartet. Ergebnis: Frauen mit Brustkrebs waren deutlich mehr nächtlichem Licht ausgesetzt als Frauen ohne Brusttumoren. Sogenannte epidemiologische Studien wie diese weisen aber immer nur auf einen möglichen Zusammenhang hin. Sie können nicht klären, ob – in diesem Falle – die nächtliche Umweltbeleuchtung die Tumoren mit verursacht.

Haim wettert auch gegen den Einsatz moderner LED-Lampen mit einem hohen Anteil kurzwelligen Blaulichts. Vor allem dieses kurzwellige Licht wird im Auge von einem Molekül namens Melanopsin aufgenommen. Das derart aktivierte Melanopsin bremst dann die Melatonin-Ausschüttung.

Krebs und Licht

LED-Leuchte

Kaltes LED-Licht

Mariana Figueiro vom amerikanischen Rensselaer Polytechnic Institute im US-Bundesstaat New York hält Haims Erkenntnisse bislang nicht für zwingend. Denn es gibt inzwischen auch LED-Leuchten, die weniger Energie im kurzwelligen Bereich aussenden – und ein wärmeres Licht machen. 30 Lux entspricht einer schwachen Zimmerbeleuchtung. Doch eine weitere Frage ist ebenso entscheidend: Wie viel Außenlicht bekommen wir in unseren Schlafzimmern wirklich ab?

Figueiro hat Probanden nachts im Labor jeweils eine Stunde lang verschiedenen Lichtstärken ausgesetzt. Diese Lichtstärken entsprechen jenen Beleuchtungsstärken, die üblicherweise in einem New Yorker Wohngebiet in unterschiedlich gut abgedunkelte Schlafzimmer eindringen. Der Versuchsaufbau spiegelt also eine reale Situation wider.

Außerdem hat ihr Team ein Computermodell entwickelt, in dem sie die optischen Eigenschaften aller Zellen simuliert, die an der Wahrnehmung des Lichts und den ausgelösten Reaktionen rund um die Melatoninproduktion beteiligt sind. So lässt sich berechnen, welche Lichtstärken die nächtliche Melatonin-Ausschüttung wahrscheinlich beeinträchtigen.

Leuchtturm im Zimmer

Figueiro wollte auch wissen, wie sich die LED-Beleuchtung von Notebooks oder Tablets auf die Melatonin-Produktion auswirkt. Ergebnis: Wer abends ein paar Stunden vor diesen Geräten bei einem voll beleuchtetem Bildschirm verbringt, muss mit einer verminderten Melatonin-Ausschüttung rechnen. Nicht so, wenn man vor einem weiter entfernten LED-Fernseher sitzt. Aber mit einfachen Mitteln lässt sich ein Teil der Lichtstrahlung von Tablet oder Notebook minimieren, zum Beispiel indem man das Bildschirmlicht abends dimmt oder einen Filter installiert.

Raben bei Mondenschein

Raben bei Mondenschein

Einzelne Länder bzw. Städte setzen Vorgaben zu der Beleuchtung auf den Straßen bereits um. Ganz weitreichend verändert Slowenien gerade seine Beleuchtung. Gemeinden dürfen für Beleuchtung maximal 44,5 Kilowattstunden pro Bewohner und Jahr verbrauchen. Das entspricht in etwa dem Wert vieler deutscher Städte, sagt Andrej Mohar, Technischer Direktor des slowenischen Projekts "Life at Night". Die Beleuchtung muss bis 2017 entsprechend angepasst sein. Dazu kommen weitere Vorgaben: etwa die maximale Helligkeit, mit der Fassaden angestrahlt werden dürfen. Schon jetzt zeichnet sich nach Angaben Mohars ab, dass sich die Lichtverschmutzung verringert.

Frankreich hat 2012 und 2013 per Verordnung geregelt, dass Ladenbesitzer zwischen ein und sechs Uhr morgens das Licht in ihren Schaufenstern abschalten müssen. Fassadenbeleuchtungen dürfen erst zum nächsten Sonnenuntergang neu erstrahlen. Eine Stunde, nachdem der Letzte den Arbeitsplatz verlassen hat, muss das Licht in Geschäftsgebäuden gelöscht sein. Sonst drohen Geldbußen. Bislang wurden, so sagt es Andreas Hänel, keine Strafen verhängt. Und es gibt Ausnahmeregelungen in Zonen, die für den Tourismus wichtig sind – etwa in Paris.

Knips‘ Dir eine Laterne

Einige deutsche Kommunen schalten das Straßenlicht aus Kostengründen inzwischen in der tiefen Nacht aus. Schon sorgen sich Bürger um ihre Sicherheit. Es werden inzwischen aber auch in mehreren deutschen Kommunen HighTech-Systeme getestet, mit denen Bürger per Handy Laternen gezielt wieder einschalten können – so sie es brauchen.

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