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Ein Arzt hält in einem Operationssaal eine Schere in der Hand

Bein ab ohne triftigen Grund Leichtfertige Amputationen in Deutschland

Es ist wohl eine der schlimmsten Erfahrungen im Krankenhaus: wenn einem ein Körperteil amputiert wird. Aber noch schlimmer ist es, irgendwann zu erfahren, dass die Amputation vielleicht gar nicht notwendig war.

Unnötige Amputationen: Die geschehen in deutschen Krankenhäusern jedes Jahr vermutlich Tausenden von Menschen. Sie haben eine Durchblutungsstörung – entstanden aus einer Gefäßverkalkung (Arteriosklerose). Ihre Extremitäten sind dadurch kaum noch mit Blut versorgt und sterben langsam ab. Aber es gibt Alternativen zur Amputation. Sie werden nur oft nicht ausgeschöpft.

Ein Leichtathlet mit einer Beinprothese startet aus einem Startblock für einen 100-Meter-Lauf.

Daten zeigen, dass über 40% der Patientinnen und Patienten vor der Amputation keine ausführliche gefäßmedizinische Untersuchung bekommen

Eine kleine dunkle Stelle

Bei Anne K. beginnt die Sache eher harmlos: Sie muss beim Gehen jetzt öfter einmal anhalten, weil die Beine schmerzen. Auch nachts weckt sie dieses Krampfgefühl in den Waden. Monate geht das so, dann entdeckt sie morgens im Bad, eine dunkelblaue, fast schwarze Stelle an ihrem Zeh. Die 85-Jährige will jetzt wissen, was da nicht stimmt.

Der Zeh sei abgestorben, der Fuß insgesamt nicht zu retten, hört sie von den Ärztinnen und Ärzten. Anne K. ist geschockt – und verlässt die Klinik. Gegen ärztlichen Rat, wie es heißt. Man hört sehr oft, dass Patienten und Patientinnen geraten wird, den Fuß zu amputieren, sagt Holger Reinecke, Gefäßmediziner am Universitätsklinikum Münster.

Amputation lassen sich verhindern

In vielen Fällen kann die Medizin hier jedoch eigentlich eine Amputation verhindern. Und so ist es auch bei Anne K. Als sie sich bei Holger Reinecke vorstellt, untersucht der sie erst einmal gründlich, vergleicht ihren Blutdruck an Armen und Beinen und erklärt ihr, was sie eigentlich hat: ein verschlossenes Blutgefäß, eine Arteriosklerose im Bein. Im Volksmund: Schaufensterkrankheit.

Trombektomie OP

In der Angiografie kann man genau sehen, welche Gefäße verändert, verengt oder verschlossen sind

Besonders ältere Menschen sind gefährdet, verstopfte Arterien zu bekommen, aber auch Raucher und Diabetiker. Kalte Füße, schuppige Haut, schlecht heilende Wunden, Schmerzen in den Waden – das sind Warnsignale.

Kamera im Gefäß

Um festzustellen, wo die Engstelle im Bein von Anne K. ist, schaut das Team um Holger Reinecke genau nach. Mit einem Eingriff, bei dem die Patientin wach ist. Nur ihre Leiste wird örtlich betäubt. Von hier wird eine winzige Kamera in das Bein der 85-Jährigen geschoben.

Angiografie, heißt diese Untersuchung. Der Gefäßmediziner Nasser Malyar erklärt, warum sie so wichtig ist: In der Angiografie kann man genau sehen, welche Gefäße verändert, verengt oder verschlossen sind. Und vor allem: Wo ist der Anschluss?

Vorgeschriebene Untersuchung

Vor jeder Amputation sollte so eine detaillierte Gefäßanalyse gemacht werden. Denn nur so können die Ärzte und Ärztinnen beurteilen, ob es medizinische Alternativen gibt – oder die Amputation unumgänglich ist. Auch die ärztlichen Behandlungsleitlinien schreiben die Gefäßuntersuchung vor.

Sie wird aber häufig nicht gemacht. Es gibt Daten, die zeigen, dass über 40% der Patientinnen und Patienten vorher keine gefäßmedizinische Untersuchung bekommen. Da muss man mutmaßen, dass einige Tausend Patienten und Patientinnen im Jahr eine Amputation bekommen, die vermeidbar gewesen wäre oder die in diesem Ausmaß nicht hätte durchgeführt werden müssen.

Unnötiger Druck

Anne K. hat noch einmal Glück gehabt: Ihr Bein konnte gerettet werden, mit Methoden, die schon seit längerem auch am Herzen erprobt sind: Die Medizinerinnen und Mediziner dehnen die Blutgefäße in ihrem Bein vorsichtig mit kleinen Ballons und setzen Abstandshalter ein, stents genannt.

Arzt im Dunkel

Man vermutet, dass einige Tausend Patienten und Patientinnen im Jahr eine Amputation bekommen, die vermeidbar gewesen wäre oder die in diesem Ausmaß nicht hätte durchgeführt werden müssen

Auch für diesen Eingriff reicht eine örtliche Betäubung an der Leiste. Die 85-Jährige kann ihren Fuß behalten, nur der abgestorbene Zeh muss amputiert werden. Sie würde heute nicht mehr so lange warten und sich sofort eine weitere Meinung einholen.

Auch Holger Reinecke bestärkt die Patientinnen und Patienten, sich nicht unnötig unter Druck setzen zu lassen, denn dass man innerhalb von Stunden eine Amputation durchführen muss, das gibt es nur in ganz wenigen Notfällen, weniger als 1% der Fälle. Jeder Mensch habe das Recht, eine zweite Meinung einholen. Befunde und Bilder könnten heutzutage innerhalb kurzer Zeit via Email in andere Kliniken geschickt und auch beurteilt werden.

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