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Mehr als nur Schutz Lebensmittelverpackungen

Tüte, Dose, Schachtel, Tube, Becher - ohne schützende Verpackungen ließen sich Lebensmittel wie Mehl, Erbsen oder Milch kaum transportieren. Und sie wären auch nicht so lange haltbar. Doch Verpackungen tragen zum Müllproblem bei. Und immer wieder gehen Inhaltsstoffe wie Weichmacher oder Mineralöle ins Essen über. Welche Verpackungen machen wirklich Sinn? Wie sinnvoll sind Bio-Verpackungen aus nachwachsenden Rohstoffen? Und wie kann der Verbraucher helfen, Verpackungen zu vermeiden?

Seit Lebensmittel getauscht oder verkauft werden, muss man sie verpacken, damit sie unbeschadet transportiert werden können und länger halten. Jahrhundertelang haben sich die Menschen irgendwie beholfen, bis die ersten Gläser mit Verschluss auftauchten. 1804 gelang es dem Konditor und Zuckerbäcker Francois Nicolas Appert das erste Mal, Lebensmittel auf 100 Grad Celsius zu erhitzen und luftdicht in Gläsern zu verschließen – die Konserve war erfunden.

Länger haltbar durch Verpackung

Milchtüten aus dem Kühlregal

Milch wird heutzutage vorzugsweise in Tetra-Packs verkauft

Wenige Jahre später wurde das Glas durch Blech ersetzt. Konservendosen und Weckgläser waren lange Zeit die einzigen Verpackungen, in denen Lebensmittel ungekühlt länger haltbar blieben. Lebensmittel können heute luft- und lichtdurchlässig verpackt werden oder mit Sauerstoff- und Lichtbarrieren. Es gibt Folien, die keine Mineralöle durchlassen. Perforationen sorgen dafür, dass sich kein Kondenswasser bildet und Getränke können seit etwa 30 Jahren in Verbundverpackungen, etwa Tetra-Paks, frisch gehalten werden. Um Wurst vor Bakterien zu schützen, wird sie unter Schutzgas verpackt.

Adventskalender mit Nebenwirkungen

Weihnachtsmann mit Adventskalender

Adventskalender mit giftgefärbter Schokolade

Doch für Verunsicherung sorgen seit einigen Jahren immer wieder kehrende Meldungen, dass Inhaltsstoffe aus den Verpackungen in die Lebensmittel übergehen. Aufregung verursachte etwa Anfang Dezember 2012 eine Untersuchung von Stiftung Warentest, die in der Schokolade einiger Adventskalender leichte Spuren von Mineralöl nachgewiesen hatte. Die waren aus der Druckerfarbe der Verpackung ausgetreten, der Fachbegriff dafür heißt Migration.

Es gibt unbedenkliche Druckfarben, mit Stoffen, die gesundheitlich bewertet wurden. Doch da es in der EU, anders als etwa in der Schweiz, nicht gesetzlich vorgeschrieben ist, diese Druckerfarben bei Lebensmittelverpackungen zu verwenden, lassen viele Produzenten es aus Kostengründen sein. Sie sind dazu über gegangen, Nudeln, Cornflakes oder auch Müsli nicht mehr lose im Karton zu verpacken, sondern sie zusätzlich mit einer dünnen Folie zu schützen.

Weichmacher in Deckeln

Marmeladengläser übereinandergestapelt

Deckel nicht immer unbedenklich.

Nicht nur von Druckerfarben, auch von andere Stoffe ist bekannt, dass sie zu Problemen führen können: Etwa von bestimmten Weichmachern, allen voran Bisphenol A. Bisphenol A wird auch im Lebensmittelbereich noch eingesetzt, vor allem bei Schraubverschlüssen, den sogenannten Twist-Off-Deckeln. Je länger diese Weichmacher mit einem fettigen Stoff in Kontakt sind, umso mehr unerwünschte Stoffe wandern aus dem Deckel ins Essen. Das ist auch deshalb problematisch, weil gerade ölhaltige Lebensmittel in Gläsern mit Twist-Off-Deckel häufig lange haltbar sind. Aber auch andere Inhaltsstoffe der Verpackung lösen sich im Kontakt mit Öl besonders gut.

Alles nach Vorschrift - oder nicht?

In Deutschland gibt es für fast alles eine Vorschrift. Bei Twist-Off Deckeln etwa ist genau festgelegt, welche Weichmacher eingesetzt werden dürfen und wo die Grenzwerte liegen. Und diese Grenzwerte sind sehr streng, Man geht von der Menge aus, die im ungünstigsten Fall schädlich sein könnte und setzt den Grenzwert dann noch mal ein ganzes Stück weiter unten an.

Wissenschaftler zeigt auf das kleine "e" bei einer Gewichtsangabe

Für Verpackungen gibt es gesetzliche Regelungen.

Aber nicht jeder hält sich daran. Grundsätzlich ist der Hersteller in der Pflicht in einer sogenannten Konformitätserklärung alle notwendigen Informationen über die gesamte Produktionskette weiterzugeben. Das alles wird dann schriftlich dokumentiert. Soweit die Theorie, aber Papier ist geduldig und häufig sind die Konformitätserklärungen unvollständig und fehlerhaft. So bleiben zahlreiche Verstöße unbemerkt.

Verpackung - wichtiger als der Inhalt?

Frau schaut sich die Inhaltsstoffe auf einer Verpackung an

Kaufentscheidung im Supermarktregal

Gerade dann, wenn Produkte neu auf den Markt gebracht werden sollen, ist die richtige Verpackung enorm wichtig. Denn der Kunde entscheidet in Bruchteilen von Sekunden, ob ihn ein Produkt interessiert oder nicht. Die Entscheidung für ein bestimmtes Produkt hat auch einen emotionalen Nutzen – man fühlt sich gut, weil man es gekauft hat. Dieser Prozess läuft unbewusst ab und deshalb wirken viele Verpackungen auch ganz gezielt auf das Unterbewusstsein. Weil sich damit gutes Geld verdienen lässt, ist rund um das Thema Verpackung eine ganze Industrie entstanden.

Der alltägliche Verpackungsmüll

Verschiedene Verpackungen auf einem Müllhaufen. Davor das Recycling-Logo.

Viele Verpackungen werden heutzutage wiederverwertet

455 Kilogramm Müll produziert jeder Deutsche jährlich, knapp ein Drittel davon sind Verpackungen, der Anteil der Lebensmittelverpackungen daran steigt ständig. Das ist der Preis, den wir für haltbare, unbeschädigte und keimfreie Lebensmittel zahlen. Verpackung verbraucht Ressourcen und produziert Müll. Doch auch, wenn vorgefertigte Lebensmittel im Kommen sind, interessieren sich die meisten Verbraucher durchaus für Umweltthemen. Auf die Frage, ob eine Verpackung umweltfreundlich produziert wurde und wieder entsorgt werden kann, achten, Umfragen zufolge, mittlerweile zwei Drittel der Käufer – Tendenz steigend.

Bio-Verpackungen ein Irrweg

Joghurtbecher auf einem Müllhaufen

Joghurtbecher auf einem Müllhaufen

Doch die nachwachsenden Rohstoffe für Bio-Verpackungen brauchen genau wie die Rohstoffe für Biosprit landwirtschaftliche Flächen für den Anbau. Und damit stehen sie in Konkurrenz zur Lebensmittelproduktion. Darauf im großen Stil zu setzen würde die weltweite Ernährungssituation noch weiter verschärfen und wäre – da sind sich viele Wissenschaftler einig – ein Irrweg. Zumal dieses sogenannte Bio-Plastik anders als häufig suggeriert, nicht wie kompostierbare Abfälle relativ schnell verrottet. Deshalb sind sie in Kompostier-Anlagen unerwünscht. Zudem ist für die Produktion dieser Verpackungen bisweilen sogar mehr Energie notwendig als bei der Herstellung konventionellen Plastiks. Unterm Strich sind Verpackungen aus Bio-Plastik deshalb bis heute weder nachhaltig noch umweltfreundlich.

Intelligente Verpackung der Zukunft

Aber intelligent – das können Verpackungen heute schon sein. Etwa indem sie Händlern und Verbraucher dabei helfen, zu erkennen, wie frisch ein Lebensmittel noch ist. Das klingt ein bisschen wie Zukunftsmusik, aber das gibt es schon. Ein auf der Verpackung aufgebrachtes Etikett misst Temperaturen und verschiedene mikrobiologische oder auch chemische Reaktionen und ändert dann – je nach Ergebnis seine Farbe. Anhand der Farbe lässt sich dann erkennen, ob und wie lange ein Lebensmittel noch haltbar ist.
Die Technologie hat schon länger Marktreife und kostet auch nicht viel. Chips gibt es – je nach Einsatzbereich - schon ab 1 bis 2 Cent pro Label.

Mitarbeiter des Chemischen und Veterinäruntersuchungsamt (CVUA) in Karlsruhe misst an einem Tunfischfilet das Kohlenmonoxid in der Verpackungsatmosphäre

Ein Tunfischfilet wird überprüft (Archivbild)

Im Medikamentenbereich und bei der Luftfracht werden diese Indikatoren bereits eingesetzt, in einigen Ländern auch bei Fisch und gegartem Geflügel. Denn wie oft beim Transport die vorgeschriebene Kühltemperatur nicht eingehalten wurde, ist weder für den Händler noch den Käufer erkennbar. Gerade bei Transportfahrzeugen schwanken die Temperaturen aber beträchtlich. Wird aber zum Beispiel Geflügelfilet auch nur vorübergehend statt bei plus zwei bei plus vier Grad transportiert, verkürzt sich die Haltbarkeit um zwanzig Prozent. Das würde man als Verbraucher eigentlich doch gerne wissen. Die intelligente Verpackung würde es verraten.

Der Verbraucher entscheidet

Verbraucher sollten sich Verpackungen möglichst immer auch kritisch anschauen und überlegen, was ist das für ein Material, ist das wohl alles so im Sinne der guten Herstellungspraxis hergestellt? Langfristiges Ziel sollte es sein, Verpackungsmaterialien einzusparen. Das kann man beispielsweise, indem man Verpackungen so dünn wie möglich macht. Oder aber zum Beispiel das Obst oder Gemüse lieber in Papiertüten statt in Plastikschalen beim Discounter kauft. Trotz aller Anstrengungen der Verpackungsindustrie: Am Ende sind auch wir, die Verbraucher, mit dafür verantwortlich, welche Verpackung sich am Markt durchsetzt – die schlichte, die bunte, die praktische oder die umweltfreundliche.

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