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Lebendiges Jiddisch – Porträt einer Sprache

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Katharina Borchardt
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Candy Sauer

Jiddisch lebt – hat es hierzulande aber auch schwer. Denn das Deutsche ist dem Jiddischen sehr ähnlich und daher eine starke Konkurrenz.

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Deutsche Dialekte als Basis, dazu hebräische und romanische Lehnwörter

Das Jiddische formierte sich im Mittelalter auf der Basis deutscher Dialekte, verwendete aber auch hebräische und romanische Lehnwörter. Später kamen osteuropäische Begriffe hinzu, denn aufgrund von Pogromen zogen viele Juden immer weiter nach Osten. So entstand das Ostjiddische, das vor der Shoah die drittgrößte germanische Sprache in Europa war. Ostjiddisch wird auch heute noch gesprochen, es wird gesungen, und man kann es an der Universität Trier lernen. 

Jiddistik – Wissenschaft von der jiddischen Sprache und Literatur

Seit dem 19. Jahrhundert entwickelte sich die jiddische Literatur rasch und erreichte mit Itzhok Lejb Perez, Scholem Alejchem und Mendele Moicher Sforim einen ersten Höhepunkt. „Die drei Klassiker“ werden sie genannt. Im 20. Jahrhundert gab es dann sogar einen Literaturnobelpreis: 1978 für den jiddischen Autor Isaac Bashevis Singer.

Eine fürs Jiddische besonders wichtigen Stadt ist Czernowitz. 1908 fand hier die „Konferenz für die jüdische Sprache“ statt, an der namhafte Philologen teilnahmen. Mit der Konferenz begann die wissenschaftliche Beschäftigung, die Jiddistik.

In jenen Jahren wurden auch wichtige jüdische Autoren in Czernowitz geboren: Itzik Manger etwa, Rose Ausländer, später auch Paul Celan und Aharon Appelfeld.

1925 wurde das YIVO gegründet, das „Yidisher visnshaftlekher institut“. Zunächst hatte es seinen Sitz im damals polnischen Vilnius. Vilnius wurde damals das „Jerusalem des Nordens“ genannt. Aufgrund seiner reichen jüdischen Kultur. Das wusste auch der Nationalsozialist Alfred Rosenberg, seines Zeichens „Reichsminister für die besetzten Ostgebiete“. Seine Aufgabe war es, den europäischen Osten zu plündern, auch die Bibliothek des YIVO. Kunst- und Buchraub im großen Stil. Dafür brauchte er Fachleute, die die Bücher sichteten. Jiddischsprecher, teils bekannte Autoren, die er zur Mitarbeit zwang. Was für wertvoll erachtet wurde, wurde mitgenommen. Der Rest wurde vernichtet.

Nach dem Überfall der deutschen Wehrmacht auf Polen und der gezielten Plünderung durch nationalsozialistische Kunsträuber wurde das YIVO 1940 nach New York verlegt. Dort existiert es noch heute und gilt mit seiner enormen Bibliothek als zentrale Forschungsstelle für die jiddische Sprache. Doch die umfangreiche Sammlung darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass während der Shoah jüdische Kulturgüter gezielt geraubt oder zerstört wurden.

Jiddisch oder Hebräisch – Was soll 1948 Amtssprache in Israel werden?

1948 wurde der Staat Israel gegründet. Durch die starke Zuwanderung aus Europa in den 1930er- und 1940er-Jahren stellte sich die Frage nach der Nationalsprache: Sollte es ein aus der Schriftlichkeit wieder in die Mündlichkeit belebtes Hebräisch werden? Oder einfach das Jiddisch, das die allermeisten Zuwanderer ohnehin sprachen?

"In Palästina hat man versucht, eine Kultursprache anzunehmen, und die Theoretiker des Zionismus – Herzl war ja deutschsprachig –, haben entweder Deutsch oder Hebräisch für eine passable Sprache gehalten, das Jiddische nicht."

Der sich formierende Staat Israel betrieb Sprachpolitik und förderte das Hebräische. Aus gutem Grund:

"Man kann auch im Nachhinein sagen, dass für die Juden nicht nur aus dem aschkenasischen Raum, sondern auch die aus der arabischen Welt, in Israel das Hebräische eher eine allgemein gültige gemeinsame Basis stellen konnte als das Jiddische."

So wurde Hebräisch Staatssprache und Jiddisch nur noch aktiv weitergegeben unter den chassidischen Juden, die heute vor allem in Israel und in den USA leben.

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