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Es begann mit friedlichem Protest Leben und Sterben in Syrien

Der ARD-Fernsehreporter Jörg Armbruster und Martin Durm sind nach Syrien eingereist, heimlich, über die türkische Grenze. Das Land dort ist eine weite fruchtbare Hochebene. Bauernland – überall Felder, Olivenbäume, Wiesen voll Klee, auf denen die Kirschbäume blühen. Die Kirschen von Aleppo, angeblich sind es die Besten der Welt. Die Jahreszeit ist womöglich das einzige, was übrig geblieben ist vom Arabischen Frühling.

Ein syrischer Vater hält seinen Sohn, in der Nähe des Dar El Shifa Krankenhauses in Aleppo, Oktober 2012

Ein syrischer Vater hält seinen Sohn

Assads Truppen und islamistische Rebellen überbieten sich an Brutalität in Syrien. Alawitische Milizen verüben Massaker an Sunniten. Sunnitische Milizen rächen sich an Alawiten. Allein im März diesen Jahres sind 6.000 Syrer ums Leben gekommen, auf beiden Seiten. Auch die Rebellen exekutieren Gefangene, foltern, köpfen, brüsten sich mit barbarischen Taten.

Man hat den arabischen Frühling in den vergangenen zwei Jahren überall miterlebt: In Ägypten, in Libyen, im Jemen. Jedes Mal vermeinte man in den ersten euphorischen Monaten, das sei der große nahöstliche Aufbruch in Freiheit und Demokratie. Stattdessen fielen die Hoffnungen jedes Mal in sich zusammen. Warum? Wieso ist es mit jeder Revolution nur schlimmer geworden, blutiger, grausamer als zuvor?

Bärte oder Kalaschnikows

Jede Straßensperre in Aleppo ist anders. Gerade noch passiert man einen Checkpoint der Islamisten-Miliz, wo Bärtige mit schwarzen Stirnbändern stehen. Am nächsten schwenken zwei Aufständische der Freien Syrischen Armee ihre Kalaschnikows und sagen: "Fahrt zurück. Hier haben gerade zwei Raketen eingeschlagen".

Eine Landkarte von Syrien.

Landkarte von Syrien

Vor zwei Jahren hatte dieser Aufstand weit weg von Aleppo mit friedlichen ländlichen Protesten begonnen. "Thawra" – Revolution, riefen die jugendlichen Demonstranten in Daraa und Deir al Sor. Eine thawra auf Syrisch wollten sie machen, kultivierter, zivilisierter als die in Libyen oder Ägypten. Und glaubten womöglich, es sei gar nicht so schwer, diesen jungen, nicht ganz unsympathischen Präsidenten zu kippen, der sich so weltoffen gab und eine Frau hat, die gerne Jeans trägt.

Als sich die Leichen häuften

Doch vom ersten Tag an wurden die Demonstranten von Baschar al Assads Soldateska zusammen geschossen. Sie begruben ihre Toten und zogen von Neuem los, immer noch friedlich, immer noch ohne Gewalt. Sechs Monate lang ging das so. Erst als viel zu viele gestorben waren in Hama, Idlib und Homs, wurden aus vielen Demonstranten Rebellen. Inzwischen gibt es keine friedlichen Massenkundgebungen mehr.

Die Reste zweier Raketen stehen nach einem Angriff von Kampfjets am 07.04.2013 in der Straße Al Wakalat im Viertel Al-Sukkari im syrischen Aleppo nebeneinander

Die Reste zweier Raketen

Das Land zerfällt in seine ethnischen und religiösen Bestandteile: Alawiten und Christen sehen sich von den rebellierenden Sunniten bedroht, die Sunniten wiederum fürchten die regimetreuen Alawiten, die Kurden lavieren zwischen den Fronten. Im Sommer 2012 eroberten die sunnitisch dominierten Aufständischen den Osten Aleppos und lähmten damit die zweitwichtigste Wirtschaftsmetropole des Landes.

Rückzug unmöglich

Das Regime hat seine Taktik verändert und den Verhältnissen angepasst: Es versucht jetzt nur noch in Damaskus, rebellische Stadtviertel zurück zu erobern. In Aleppo und anderen umkämpften Städten hingegen vermeidet die Armee verlustreiche Häuserkämpfe. Sie richtet stattdessen mit Flächenbombardements, Artillerie- und Raketenbeschuss großflächige Verwüstungen an. Dem haben die Aufständischen wenig entgegenzusetzen, solange der Westen sie nicht mit entsprechenden Waffen versorgt.

Zerstörter Straßenzug

Zerstörter Straßenzug

Unterwegs sieht man lachende, spielende Kinder zwischen ausgebombten Ruinen. Trümmerhaufen sind ihre Sandkästen, leere Patronenhülsen ihr Spielzeug. Irgendwo weiter weg detoniert eine Bombe, aber die Kinder scheinen es nicht mal zu hören. Mal wird eine Granate abgefeuert, dann schlägt kurz drauf eine ein. Die Kinder können schon genau unterscheiden: Das war ein Mörser, das war eine Haubitze, das war eine Panzergranate.

Hier fällt immer wieder mal eine Bombe

"Habt ihr keine Angst?", fragen die Journalisten. "Nein", sagen sie, "überhaupt nicht, das ist doch normal. Hier fällt immer wieder mal eine Bombe." Manchmal sind ein paar Kinder zum falschen Zeitpunkt am falschen Ort. Dann liegen sie blutend auf der Straße. Wenn sie Glück haben, leben sie noch, werden in ein Notlazarett gebracht und im Keller auf einen OP-Tisch gelegt.

Hand eines toten Soldaten

Bürgerkrieg in Syrien

Wie Hassan, 5 Jahre alt. Granatsplitter haben Cent-große Löcher in seinen Körper gerissen, am Hals, an der Schulter, am Rücken. Dr. Muajid steht da, streift sich die blutverschmierten Chirurgen-Handschuhe von den Händen und spricht mit Hassans Vater. Das Kind weint und weint. Der Vater weiß nicht was tun, er wirkt wie versteinert. Er scheint nicht mal mehr in der Lage, seinen Sohn in die Arme zu nehmen.

Das Regime tötet seine Kinder

Assad setzt mittlerweile ballistische Lenkwaffen ein, um den Aufstand niederzuschlagen. Scud-Raketen werden von Damaskus aus auf Aleppo gefeuert, elf Meter lang, mit bis zu 1.000 Kilogramm schweren Gefechtsköpfen bestückt. Ihr Ziel ist einzig und allein, im Osten Aleppos möglichst viel zu zerstören und möglichst Viele zu töten. Das Regime bestraft die Einwohner dafür, im falschen Stadtteil zuhause zu sein.

Eine von einem Scharfschützen verletzte Frau am 11. April 2013 in Aleppo

Eine von einem Scharfschützen verletzte Frau

Überall hier ist Staub – kalkweiß, im Gesicht, auf den Kleidern, der Haut, den Haaren. Wo die Scud-Rakete einschlug, hat sie zwischen den Häuserzeilen eine so breite Schneise geschlagen, dass heftige Böen immer wieder Staubwolken über das Trümmerfeld jagen. Ein ganzer Wohnkomplex wurde zermalmt, nichts ist geblieben, nicht mal eine Ruine. Ein Mann ruft den Journalisten zu: "Seid Ihr nur hergekommen, um uns zu filmen, wollt Ihr schöne Bilder von uns machen? Ihr seht doch, was mit uns geschieht. Was wollt Ihr hier? Assad wird uns im Fernsehen sehen und dann schickt er uns noch eine Rakete."

Der da sei irre geworden, flüstert einer der Männer. Und die anderen lächeln verlegen, weil es immer noch besser ist, einen irre Gewordenen zu belächeln als an der eigenen Hilfslosigkeit zu verzweifeln. Die syrischen Trümmermänner haben Schaufeln in den Händen. Sie graben aus, was übrig blieb von ihrem Leben: ein Schuh, ein verbogenes Bettgestell, ein Kissen mit zwei aufgestickten Herzen.

War das Dein Haus?

Zerstört wird hier eine der ältesten Städte der Welt. Vor 4.000 Jahren wurde Aleppo erstmals in schriftlichen Quellen erwähnt. Hier lebten Hethiter, Aramäer, Byzantiner, Sassaniden, Araber, Christen. Und es war noch bis vor einem Jahr eine der schönsten Städte der Welt. 1986 wurde die Altstadt zum UNESCO-Weltkulturerbe erklärt. 1993 wurden sie mit Hilfe der Deutschen Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit restauriert, 2004 erhielt sie den Städtebaupreis der Havard School of Design. Alles umsonst. Der Bazar und die Zitadelle sind Frontlinie geworden, in den Palästen hausen jetzt Milizionäre, die Stadtmauern bieten Deckung vor den Kugeln von Heckenschützen.

Blick in die Altstadt von Aleppo

Blick in die Altstadt von Aleppo

Und überall wehen nun in Aleppo und auf dem Land die schwarzen Fahnen mit dem in weißen Lettern aufgedruckten islamischen Glaubensbekenntnis. Bis vor wenigen Monaten hatte diese Fahne noch eine abschreckende Wirkung, sie wurde gleichgesetzt mit al Qaida und der Dschabaat al Nusra – der Nusra-Front. Sie ist die radikalste islamistische Miliz, die in Syrien kämpft; ein Ableger der "Aqi" – der al Qaida-Gruppierung im Irak, im Januar 2012 von syrischen Dschihadisten gegründet.

Schwarze Fahne als einziger Schutz

Vor einigen Monaten waren die Nusra-Kämpfer noch Phantome, berüchtigt aber unsichtbar, kaum ein westlicher Journalist hatte sie je zu Gesicht bekommen. Nun aber sind sie überall präsent in Aleppo, am sichtbarsten in der Sha´aer-Straße, wo sie in einer ehemaligen Kinderklinik ihr Hauptquartier haben, fünf leere, ausgebombte Stockwerke hoch. Fast täglich wird es aus dem Assad-treuen Westteil beschossen. Westliche Regierungen haben die Nusra als Terrororganisation eingestuft. Doch in den Straßen Aleppos werden sie mittlerweile wie Helden gefeiert, die bereit sind, für die Armen und Verlassenen ihr Leben zu opfern.

aleppo

Kein Ende des Elends in Sicht

Der Aufstand gegen Assad artet immer mehr zu einem Religionskrieg zwischen sunnitischen Rebellen und einem Regime aus, das die alawitisch-schiitische Minderheit repräsentiert. Auf Propaganda können die Islamisten verzichten. Es genügt, dass sich der Westen so verhält, wie er es seit zwei Jahren tut: passiv, ratlos und ignorant, weil er den Menschen in den umkämpften Städten keine humanitäre Hilfe gewährt: Das überlässt er den Islamisten, die Geld aus Katar und Saudi-Arabien bekommen und es an Krankenhäuser und Ausgebombte verteilen.

Es gibt nur das Verlieren

Es gibt etwas, das Rebellen und Regime auf perverse Art aneinander kettet: die Gewissheit, dass der Sieg des jeweils anderen unweigerlich den eigenen Tod mit sich brächte. Das macht die Stadt, das macht diesen ganzen Bürgerkrieg, so grausam und so gefährlich. Manchmal wird geschossen, um etwas zu feiern. Manchmal, um zu töten. So genau weiß man das nie.

Es heißt oft, der Osten Aleppos sei befreites Gebiet. Aber er ist es nicht – er ist lediglich unter Rebellenkontrolle. Das Assad-Regime verweigert seit Monaten Einreisevisa für westliche Journalisten. Am Karfreitag schießt ein Scharfschütze der Regierungstruppen aus einem Hinterhalt auf den Kleinbus, in dem die Journalisten sitzen. Jörg Armbruster wird schwer verletzt und in eines der überfüllten Kriegslazarette gebracht. Ein syrischer Arzt rettet ihm dort in einer Notoperation das Leben. Das war am Karfreitag. In der Nacht darauf werden dort sieben weitere angeschossene Zivilisten eingeliefert. Zwei davon sterben. Es ist jedoch nur ein Tag wie viele in Aleppo.

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