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Leben nach der Trennung Scheidungsfolgen für Familien

Kinder wollen, dass ihre Eltern zusammen bleiben, am besten ein Leben lang. Doch etwa 11 von 1000 Ehen in Deutschland werden jährlich geschieden. Und bei Trennungen oder Scheidungen tragen danach die Kinder in den meisten Fällen die Hauptlast. Wie kann es gelingen, dass die Bedürfnisse der Kinder bei Trennungen nicht auf der Strecke bleiben?

Trennung und Scheidung – eine Beziehung, eine Partnerschaft, eine Ehe zerbricht und eine Familie teilt sich auf. 2011 meldete das Statistische Bundesamt 187.640 gerichtliche Ehescheidungen, das betrifft jede elfte von tausend bestehenden Ehen. In den meisten Fällen tragen danach diejenigen die Hauptlast, die den Bruch überhaupt nicht zu verantworten haben: die Kinder. Im Jahr 2011 waren dies über 148.000 Minderjährige. Sie müssen endlose Auseinandersetzungen aushalten. Sie leben in Patchworkfamilien und pendeln hin und her. Ihr Klavier- oder Sportunterricht muss gestrichen werden. Und sie sollen sich zwischen ihren streitenden Eltern entscheiden.

Zum Vati oder zur Mutti?

Der Gesetzgeber hat im Familiengesetzbuch festgelegt: Zum Wohl des Kindes müssen sich alle darum bemühen, bei Trennung und Scheidung immer auf ein Einvernehmen der Beteiligten hinzuwirken. Das Sorgerecht sollte abgestimmt sein, die Frage, wo sich das Kind aufhält und wie der Umgang mit den Eltern aussieht.

Mann und Frau küssen Kind auf  Wange

Das Ende der heilen Welt

Mitarbeiter in Jugendämtern und Beratungsstellen, Therapeuten, Sachverständige, Richter und Rechtsanwälte – alle versuchen mittlerweile verstärkt, hier zu schlichten und den Familien aus vertrakten Situationen heraus zu helfen. Langzeitstudien haben gezeigt, dass Scheidungskinder den Familienbruch durchaus gut verarbeiten können. Jedoch nur, wenn Ex-Paare bereit sind, als Eltern weiterhin für ihre Kinder da zu sein. Dazu müssen sie oft neue und ungewohnte Verhaltensweisen einüben.


Kreislauf der Konflikte durchbrechen

mädchen

Eine anstrengende und nervenaufreibende Zeit

Die Teilnehmer des Kurses "Kinder im Blick" wollen anonym bleiben. Einige von ihnen streiten bereits seit Jahren vor Gericht um das Sorge- und Umgangsrecht für ihre Kinder. Sie waren schon sieben, acht, neun Mal im Jugendamt. Es gab Bemühungen von Vermittlung, es gab vielleicht familienpsychologische Gutachten, es gab Verfahrensbeistände, es gab vielleicht eine gescheiterte Mediation und auch einen Abbruch einer Therapie. Zusammen mit Therapeuten und einer Rechtsanwältin und Mediatorin versuchen die getrennten Väter und Mütter nun hier, um der Kinder willen aus diesem Kreislauf ihrer Konflikte heraus zu kommen. Denn es geht nicht um die Eltern.


Das Arbeitsteam

Die Merkmale eines Teams: Keine Annahmen, formale Höflichkeit, öffentliche Treffen. Ein hohes Maß an persönlicher Privatsphäre. Und kaum persönliche Auskünfte. Das sind alles Hürden. Beziehungsweise, wenn man das aber positiv formuliert, auch klare Regeln. Klare Regeln, die einem gescheiterten Paar helfen, beim Thema zu bleiben und nicht abzuschweifen. Die Kursteilnehmer nicken zustimmend. In der Umsetzung bedeutet das zum Beispiel: Sich beim anderen wie ein Gast verhalten.

Mädchen hängt Jacke auf

Regeln festlegen

Die Trennung vollziehen, neue Regeln definieren, Verhaltensmuster aufbrechen. Und daneben eigene Zeit mit dem Kind verbringen, seine Traurigkeit zulassen, seine Gefühle für den Ex-Partner akzeptieren. Das alles stärkt beide Elternteile und so profitieren davon die Söhne und Töchter. Im besten Fall verständigten sich Ex-Paare selbst auf eine Kooperation oder auf eine sogenannte parallele gleichwertige Elternschaft.

Macht oder Vertrauen

Nach Kursende sind viele Teilnehmer zwar noch skeptisch, gehen aber doch zuversichtlich ihren Weg. Und sie empfinden es als große Bereicherung, sich innerhalb der Gruppe auszutauschen, auch mit dem jeweils anderen Geschlecht, das zeigen Befragungen. – Das Programm "Kinder im Blick" erhielt 2007 den Präventionspreis der Deutschen Liga für das Kind und rund 200 Therapeuten, Pädagogen und Mediatoren haben sich bereits bundesweit dafür ausbilden lassen.

Streit

"Hoch strittige Eltern"

Von München ausgehend gibt es etwa Angebote in Freiburg, in Mainz, in Halle an der Saale, in Düsseldorf, Bremen und Kiel. Neuerdings verordnen sogar Familiengerichte diesen Kurs. Denn vor allem extrem zerstrittene Partner – im Fachjargon heißen sie "hoch strittige Eltern" – sind selbst oft derart hilflos darin verstrickt, dass sie auf die Nöte ihrer Kinder überhaupt nicht mehr eingehen können. Sie schaffen es nicht, die zehn Euro für die Klassenkasse gerecht aufzuteilen oder den Turnbeutel ordentlich zu packen.

Die Hochkonfliktfamilie

Als Leiter des Instituts für angewandte Familien-, Jugend- und Kindheitsforschung an der Universität Potsdam untersuchte Peter Dietrich die Situation der sogenannten Hochkonfliktfamilien. Auch das Deutsche Jugendinstitut und die Bundeskonferenz der Beratungsstellen beteiligten sich an der Studie, die 2010 veröffentlicht wurde. Insgesamt werden etwa fünf bis zehn Prozent der Trennungsfamilien in Deutschland als "hoch strittig" eingestuft, es gibt allerdings keine eindeutige Definition.

mutter

Wenn der Streit zum Alltag wird

Die Forscher haben Fachleute und insgesamt 158 Elternteile zu ihren Problemen befragt. Gerichtsakten und internationale Literatur wurden ausgewertet. Denn die Untersuchung sollte vor allem den Beratern vor Ort Empfehlungen geben, wie sie zum Wohl des Kindes den Familien aus der Sackgasse der Unversöhnlichkeit heraus helfen können. Schätzungsweise zehn- bis fünfzehntausend Kinder und Jugendliche sind jährlich neu von solchen anhaltenden heftigen Elternstreitereien betroffen – die meisten der Konflikte ziehen sich über Jahre hin.

Hilflose Kinder

regenschirm

Gemeinsam verstehen und verarbeiten

So bieten die Fachkräfte inzwischen auch den Trennungskindern eigene Treffpunkte an. Vor allem Beratungsstellen reagieren in ganz Deutschland mit extra Gruppen auf die Nöte der Kinder. Der Berliner Verein "Zusammenwirken im Familienkonflikt", eine Arbeitsgemeinschaft aus Psychologen, Pädagogen und Mediatoren, führt zum Beispiel den Elternkurs durch und bringt zweimal im Jahr auch betroffene Kinder zusammen. Sechs- bis Neunjährige und Neun- bis Zwölfjährige können ein halbes Jahr lang einmal wöchentlich von ihren Ängsten, Hoffnungen und Sehnsüchten erzählen und sie mit Gleichaltrigen teilen. Ein Kind sagte dazu einmal: "Die Gruppe ist wie ein Versteck im Gebüsch!"

Kinderbetreuung

An einem Strang ziehen

Sogenannte Güterichter werden inzwischen in Scheidungs- und Trennungsverfahren eingesetzt. Und Rechtsanwälte arbeiten explizit deeskalierend und vermitteln ihre Mandanten in Schlichtungen und Beratungen, statt böse Briefe zu schreiben.

Gemeinsame Schritte

Die Zahl streitender Ex-Partner wird weiter steigen, davon gehen die Experten aus. Denn es gibt zum Beispiel auch immer mehr unverheiratete Paare mit gemeinsamem Sorgerecht. Und da Väter sich heute viel stärker um die Familie und die Erziehung ihrer Kinder kümmern, ist es eher unwahrscheinlich, dass sie sich nach einer Trennung einfach zurück ziehen.

vatersohn

Beziehungsunabhängige Erziehung und Mitentscheidungsrecht

Eltern, so die Scheidungsforscher, brauchen Gelegenheit und Übung, um wieder zu einem einfühlsamen Erziehungsstil zurück zu finden. Dazu gehört dann eben auch, nicht über die Köpfe ihrer Kinder hinweg zu agieren. Denn sie sind nicht für die Trennung der Familie verantwortlich und müssen von der Last befreit werden, für die Versöhnung zuständig zu sein. Sie erleben es zudem oft auch als Schock, wenn sie die neuen Arrangements nicht mitentscheiden dürfen. Kinder schätzen es durchaus und sehen es sehr positiv, wenn sie mit einbezogen werden.

Zwei Zuhause

Rücksäcke hängen an der Wand im Eingangsbereich eines Kindergartens.

Multilokalität

Michaela Schier untersucht seit 2009 für das Deutsche Jugendinstitut, wie sich Familien an mehreren Orten neu organisieren. Diese sogenannte Multilokalität kann einerseits berufliche Gründe haben, betrifft aber auch vor allem Eltern und Kinder nach Trennung und Scheidung.
Das Team bat die Familienmitglieder, frei von der neuen Lebenslage zu erzählen. Die Kinder sollten ihren Alltag bei Mama und Papa fotografieren. Mit Bauklötzen und Spielfiguren auf Karten die für sie wichtigen Orte und wichtigen Menschen aufbauen. Und sie sollten vor allem ihre Tagesabläufe beschreiben. Was packen sie in ihre Reisetasche? Was erleben sie hier, was dort? Wie halten sie Kontakt?

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Neue Vorteile

Viele Kinder nutzen die Vorteile an beiden Orten. Ein Lebensmuster, das die Forscher bei einigen der befragten Kinder festgestellt haben. Andere akzeptieren hier strenge Regeln und genießen dort ihre Freiheiten. Manche nehmen hier wie dort kaum Unterschiede wahr. Und eine vierte Gruppe führt an zwei sehr unterschiedlichen, meist weit auseinander liegenden Orten, das absolut gleiche Sozialleben. Viele Eltern haben von sich aus darauf geachtet, dass die Kinder sowohl hier als auch dort Freunde haben und ihren Sport machen können. Oder zu der Party am nächsten Wochenende gehen dürfen. Selbst den schwierigen Übergang von einem Elternteil zum anderen haben sie meist gut geregelt.
Es gibt Familien, die organisieren den auch sehr bewusst über neutrale Institutionen. Andere kommunizieren nur per Emails miteinander oder schicken Excel-Tabellen hin und her, um sich zeitlich abzustimmen: Jeder trägt seine Vorschläge ein bis der Kalender steht.

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