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Welcher Arzt geht freiwillig aufs Land? Sachsen plant Extra-Studium für Landärzte

Junge Mediziner zieht es in die Ballungsgebiete und nur ganz selten auf das Land. Das ist deutschlandweit ein Problem, denn es gibt mittlerweile zu wenig Praxen, um die Bevölkerung dort gut zu versorgen. Mit der Reform des Medizinstudiums plant das Bundesland Sachsen einen eigenen Studiengang explizit für Landärzte aufzulegen. Ralf Caspary hat darüber mit Professor Michael Albrecht, dem Leiter des Universitätskrankenhauses Dresden, gesprochen:

Die sächsische Regierung vergibt bereits Stipendien an Medizinstudenten, wenn diese sich verpflichten, nach dem Studium fünf Jahre als Hausarzt auf dem Land zu arbeiten. Im vergangenen Jahr haben sich auf diesem Weg ganze fünf Ärzte in ländlichen Regionen niedergelassen. Das reicht bei weitem nicht aus, um den Bedarf zu decken. Deshalb hat die TU Dresden nun die Initiative gestartet, einen spezieller Studiengang für Landärzte in Chemnitz ins Leben zu rufen. Dieser Studiengang ist am Klinikum Chemnitz vorgesehen.

Was zeichnet diesen neuen Landarzt-Studiengang aus?

Wir wollen diese Ärzte ein bisschen anders ausbilden, denn wir denken, darin liegt eine Ursache, dass sie hinterher nicht aufs Land wollen. Und wir wollen besonders die heraussuchen, die vom Land kommen, das heißt, die aus dieser Region kommen. Das ist der besondere Trick dieses Studienganges.  

Hat der Landarztstudiengang dann einfachere Zugangsbedingungen?

Nein, einfacher kann man das nicht nennen. Aber es gibt andere Zugangsbedingungen. In der normalen Studienplatzvergabe werden ja weiter 20 - 30% der Medizinstudienplätze über die Abiturnote vergeben. Für die restlichen 70 % der Studienplätze werden wir dann auf bekannte Tests zurück greifen, aber es sollen noch weitere Komponenten eingebaut werden, die sich besonders eignen für diesen Studiengang.

Welche Auswahlkriterien sind wichtig für das Landarztstudium?

Das sind Auswahlgespräche und Tests vor Ort. Ganz wichtig ist, dass wir schon in diesem Jahr einen Bachelor-Studiengang anbieten zum medizinischen Fachangestellten. Wer das studiert, kann nach einem Jahr dann auch abbiegen - wenn er oder sie die Voraussetzungen erfüllt – in den speziellen Landarztstudiengang in Chemnitz.

Studierende bei einer Vorlesung im gut gefüllten Anatomie-Hörsaal der Medizinischen Fakultät an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg

Der Numerus Clausus für das Medizinstudium muss neu geregelt werden- das hat das Bundesverfassungsgericht entschieden.

Studieren auf dem Land für das Land

Wir wollen die Studienanwärter nicht primär vom Geburtsort her privilegieren, aber wir wollen ihnen Bedingungen schaffen, dass sie in diesen Tests und in den Aufnahmetests, die wir kombiniert machen in den Standorten vor Ort, besser abschneiden als andere.

Es gibt keine Geburtsurkunden-Studienplatzvergabe

Aber wir können ja ein bisschen steuern, welche Vorbildung wir voraussetzen bei den Studierenden und weil dieses vorgeschaltete Bachelorstudium angeboten wird, können wir das auch speziell trainieren, über ein Jahr, bevor diese jungen Menschen dann ins Auswahlverfahren gehen.

Was unterscheidet das Studium eines Landarztes vom klassischen Medizinstudium?

Erstens studieren sie nicht an dem klassischen Standort in Dresden, sondern eben in Chemnitz. Sie sind also nicht an einer von der Wissenschaft geprägten Universitätsklinik, sondern an einer hochqualitativen Maximalversorgungsklinik.

Zweitens werden wir in diesem Studiengang von Anfang an darauf achten, dass es eine Verquickung von Theorie, Vorklinik und Klinik gibt. Also nicht mehr diese klassische Zersplitterung, erstmal Naturwissenschaften die ersten vier Semester, sondern vom ersten Semester an soll das Studium sehr patientenorientiert und sehr versorgungsorientiert sein. 

Arzt mit Patient

Aufs Land will kaum einer: Bedingungen für Ärzte sollen besser werden. (Symbolbild)

Ist das Landarztstudium weniger theorielastig?

Nein, denn am Ende machen diese Studierenden das gleiche Staatsexamen wie die anderen auch. Wichtig ist uns aber die Prägung durch das Studium in Chemnitz. Die Landarztstudierenden bekommen dort andere Vorbilder. Deshalb ist auch der andere Standort wichtig.

Spielt Telemedizin in diesem Studium eine größere Rolle?

Es gibt viele Dinge, die in dem jetzigen Studium an den unterschiedlichen Standorten immer noch zu kurz kommen. Das sind neue Technologien, das ist die Telemedizin, das ist der Einsatz von digitaler Technik. Das ist der Einsatz von Unterstützungssystemen - Stichwort künstliche Intelligenz, Entscheidungsfindung etc.

Es sind aber auch andere Dinge, die wichtig werden: zum Beispiel Prävention, zum Beispiel versorgungstypische Fragestellungen: Was nutzt dem Patienten am Ende? Was nutzt einer Population? Das bedeutet die klassischen Versorgungsschwerpunkte, die heute im klassischen Medizinstudium relativ wenig ausgeprägt sind.

Landarzt beim Hausbesuch

Landarzt beim Hausbesuch

Gibt es besondere Charakterzüge, die ein zukünftiger Landarzt haben sollte?

Maximale Empathie, Teamfähigkeit und Zuwendung. Gerade in Sachsen bedeutet das die Zuwendung zu alten und sehr viel älteren Patienten.

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