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Wenn der Violinenbogen zittert Notaufnahme für Lampenfiebernde

Lampenfieber nennt sich das unangenehme Phänomen, das auch Berufsmusiker gut kennen. Es reicht vom körperlichen Unbehagen bis hin zum völligen Blackout. Während es bei schwacher Symptomatik zum Alltag gehören kann – erhöhter Blutdruck und verstärkte Adrenalinausschüttung können ja auch leistungsfähiger machen – , so ist Lampenfieber mitunter auch für Profis ein Riesenproblem. Ihnen hilft seit 2010 eine spezialisierte „Lampenfieber-Ambulanz für Berufsmusiker“ an der Uni-Klinik Bonn.

Instrumente liegen bereit auf der Bühne der Rheingoldhalle

Die Ruhe vor dem Sturm

Wie nervenaufreibend Musikmachen vor Publikum sein kann, merken viele spätestens in der Schule, wenn sie allein vor der ganzen Klasse im Musikunterricht etwas singen sollen. Ähnliche Gefühle stellen sich üblicherweise bei den ersten Orchesterauftritten von Hobby-Musikern ein oder bei Familienfesten, bei denen „vorgespielt“ werden muss.

Konfetti in der Blutbahn

Nicht nur in der Faschingszeit steht Oliver Mager mit Liedern wie „Konfetti in der Blutbahn“ auf der Bühne, in Mainz und anderswo. Das Markenzeichen des Sängers ist eine rote Clowns-Nase. Mit ihr praktiziert er vor jedem Auftritt sein ganz persönliches Anti-Lampenfieber-Ritual. Bevor er auf die Bühne geht, hält er die Nase in einer Hand, geöffnet, nach oben, pustet hinein und stellt sich vor, wie der Abend auf der Bühne erfolgreich sein wird.

Lampenfieber

Was hilft bei Auftrittsangst?

Seit er dieses Ritual für sich entdeckt hat, fühlt sich Oliver Mager gefeit gegen Lampenfieber-Attacken, wie er sie in früheren Jahren schon erlebt hat. Vor allem in Situationen, in denen der Funken zum Publikum nicht übersprang. Während er das Lampenfieber mit seinem Ritual domestiziert hat, nutzen viele Berufsmusiker noch ganz andere Hilfsmittel. Die Liste reicht von Alkohol über Alexandertechnik und Bachblütentropfen bis hin zu pharmazeutischen Beruhigungsmitteln und harten Drogen.

Ruhiggestellte Hände und Hirne

Auch der Geiger Peter Weiß hat schon viel gegen sein Lampenfieber ausprobiert: Diverse Heilpraktiker und einen buddhistischen Mönch fragte er um Rat, er ließ sich die Karten legen und Medikamente verschreiben. Jahrelang sei er nur gedopt auf die Bühne gegangen, gibt er zu. Der Orchestermusiker hatte oft so starkes Lampenfieber, dass er seinen Geigenbogen kaum noch kontrolliert bewegen konnte.

Auf den Fluren der Rheingoldhalle Manz wird schon geprobt

Es beginnt kurz vor dem Auftritt..

Für den begabten Musiker und Familienvater war das nicht nur peinlich, es war existenzbedrohend. Bei ihm wuchsen sich Lampenfieber und Versagensängste zu einer regelrechten Bühnenangst aus. Aus dieser Misere half ihm schließlich die Lampenfieber-Ambulanz für Berufsmusiker an der Bonner Universitätsklinik. Dort hat sich die Neurologin, Psychiaterin und Psychotherapeutin Déirdre Mahkorn auf das Problem spezialisiert.

Zittern statt Vibrato

Für die Medizinerin fallen Lampenfieber und Bühnenangst in die Kategorie „Angststörungen“. Diese versucht sie mit Hilfe von Verhaltenstherapie zu beseitigen. Daher steht die Suche nach den mentalen Ursachen der Symptome für sie an erster Stelle. Dazu gehören die Erarbeitung einer ganz individuellen Angst-Biografie, dann die Änderung von Denkmustern und Vermeidungsverhalten und schließlich auch die Stärkung des Selbstbewusstseins.

Lampenfieber

Schweißausbruch und zittrige Stimme: Lampenfieber

Auslöser einer Bühnenangst können beispielsweise Konflikte mit Kollegen am Arbeitsplatz sein, problematische Arbeitszeiten oder auch privater Stress, erklärt die Ärztin. Auch die anstrengende Konzertsituation trainiert Déirdre Mahkorn mit ihren Patienten im Rahmen der Therapie. Ebenso thematisiert sie auch sogenannte inklusive Angstfaktoren wie schwierige Partituren oder eine besonders enge Orchester-Bestuhlung. Zur Therapie gehört auch das Vorspielen vor Altenheimbewohnern, Schulklassen und Fachjurys. Es geht immer um die Überwindung der Schwelle, an welcher die Angst beginnt, bedrohlich zu werden.


Spiel mir das Lied von der Todesangst

Bei Peter Weiß hat das gefruchtet. Er habe jetzt wieder die Kontrolle über seine Auftritte, sagt er und betrachtet sich als geheilt. Dem Geiger haben wir zu seinem persönlichen Schutz das Pseudonym „Peter Weiß“ gegeben.

Psychiaterin und Neurologin Deirdre Mahkorn und Psychologe Martin Landsberg

Psychiaterin und Neurologin Deirdre Mahkorn und Psychologe Martin Landsberg

Dass er nur die Spitze eines Eisbergs verkörpert, zeigt die Bilanz der Bonner Lampenfieber-Ambulanz: Über 300 Musiker und Musikerinnen suchten dort in den letzten drei Jahren Hilfe. Darunter sogar Patienten aus dem Ausland. Trotzdem ist Lampenfieber unter Berufsmusikern noch immer ein Tabu-Thema. Im November hat die Ambulanz als erste Einrichtung ihrer Art daher den Anti-Stigma-Preis der DGPPN, der „Deutschen Gesellschaft für Psychatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde“, bekommen.