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Komm Schmusen! Warum Kuschelpartys so beliebt sind

Kuscheln mit Fremden – etwas, das sich viele wohl nur schwer vorstellen können. Doch genau das passiert auf sogenannten Kuschelpartys. Dort tauschen ganz verschiedene Menschen in freier Atmosphäre Nähe und Wärme aus – ganz ohne sexuelle Hintergedanken. Ein Trend, der aus den Staaten nach Deutschland geschwappt ist und mittlerweile in vielen deutschen Städten angekommen ist.

Körperkontakt ist ein menschliches Grundbedürfnis und trägt zur emotionalen Ausgeglichenheit und zu seelischem Wohlbefinden bei. In Köln, Berlin und Leipzig kann diese Wirkung der menschlichen Nähe auf "Knuddelpartys" erprobt werden. Sophia Geß hat den Selbstversuch gemacht und hat sich auf eine Kuschelparty in Leipzig gewagt.

Durch Arm und Bein

Teilnehmer einer Kuschelparty

Teilnehmer einer Kuschelparty

Mit verbundenen Augen liege ich auf einer weichen Matratze inmitten eines Menschenhaufens. Eine Person schmiegt sich an meinen Rücken, eine andere liegt mit dem Kopf auf meinen Beinen, während ich jemand anderen in den Armen halte. Hände wandern herum, suchen vorsichtig nach Kontakt. Meine Fingerspitzen treffen auf zwei Hände, dann drei, dann vier. Dann verliere ich sie wieder. Ein Kommen und Gehen. Und die ganze Zeit liegt mir ein Lächeln auf den Lippen. Jetzt verstehe ich, warum einige dafür stundenlange Autofahrten auf sich nehmen.

Mangel an Nähe

Mangel an Nähe

Mangel an Nähe

Die Motivationen der Teilnehmer sind unterschiedlich, doch meistens ist ein persönliches Nähedefizit, das auch in einer funktionierenden Partnerschaft vorkommen kann, ausschlaggebend. Auch die Erweiterung des eigenen Erfahrungsraumes oder der Wunsch nach Berührung mit Fremden kann laut Leiterin der Kuschelparty ein Beweggrund für solch eine ungewöhnliche Veranstaltung sein.

Geborgenheit für jedermann

Nähe schafft Geborgenheit

Nähe schafft Geborgenheit

Nicht nur Singles suchen bei den Kuschelmeetings nach Stressabbau und einem positiveren Körperempfinden. Vorbehaltloser, nicht sexuell motivierter Kontakt zu anderen Menschen festigt das Nervenkostüm im Allgemeinen durch ein entstehendes Gefühl von Geborgenheit und Akzeptanz und stärkt sogar nachweislich das Immunsystem, wie Dr. Marcus Stück, Professor für Psychologie an der DPFA-Hochschule Sachsen, bestätigt.

Frühkindliche Erfahrungen

Alkohol und Nikotin in der Schwangerschaft

Vorgeburtlicher Stress

Laut seiner Expertenmeinung gibt es reichlich Gründe dafür, dass jeder zweite Mensch bindungsgestört ist und bei ihm Nachholbedarf von Versäumtem in der Kindheit und Jugend besteht. Sehr viele verschiedene Faktoren können für ein unbefriedigtes Bedürfnis nach Streicheleinheiten verantwortlich sein. So nennt Prof. Dr. Marcus Stück beispielsweise Frühgeburten als ein risikohaftes Geschehen oder generell Stress in der pränatalen Phase, also wenn die Mutter vielleicht Alkohol trinkt oder raucht. Später, im ersten, zweiten, dritten Lebensjahr kann eine chronische Streitsituation der Eltern oder eine schockartige Trennung solch ein unsicheres Bindungsmuster auslösen.



Blind für Vorurteile

Anfassen erlaubt - Kuschelparty

Anfassen erlaubt

Vollkommen blind und nur tastend liegt man auf den Treffen bei den anderen und konzentriert seine Sinneswahrnehmungen auf die rein taktilen Empfindungen, welche sich in der bewussten Reduktion erstaunlich intensiv und zärtlich zeigen können, wie der Selbstversuch beweist. Es wird unwichtig wer neben einem liegt: Mann oder Frau? Jung oder alt? Verheiratet, Single, Beruf, Kinder? Völlig egal. Die eigenen Ängste und Vorurteile werden nach und nach aufgehoben und schmelzen dahin.

Sehen wird überbewertet

Babyhaut

Tasten und Berühren - oft vernachlässigt

Durch das Sehen schafft man sich doch ziemlich viele Vorurteile. "Der Sehsinn ist sowieso kontraproduktiv. Das größte Denkorgan, das uns zur Verfügung steht, ist eigentlich unsere Haut. Über sie werden 60 bis 70 Prozent übertragen." erklärt der Psychologie-Professor Marcus Stück. Und es ist klar, dass der Sehsinn immer differenzieren und uns sagen kann: Das ist schön, das ist nicht schön. Doch wenn wir mit geschlossenen Augen tasten und berühren, dann werden Dinge auch schön, die mit dem Sehsinn möglicherweise ausgeschlossen würden.

Durch Konzentration zur Tiefenentspannung

Kuschelparty

Berührungsängste abbauen

Beim Schließen der Augen und zeitgleicher Berührung taucht der Mensch in einen Bewusstseinszustand, in dem auch Körpergrenzen verschwimmen und es eigentlich egal wird, von wem die Berührung ausgeht und wie genau sie stattfindet. Dieses Ausblenden der Umgebung und die Konzentration auf dem Körper ermöglicht ein unmittelbares Gefühl von Annahme und Wertschätzung. Anspannungen, Unsicherheiten und Angstzustände weichen der Entspannungswirkung.

Erlernte Engstirnigkeit

Kuscheln macht glücklich - Demo (Archivaufnahme September 2010)

Kuscheln macht glücklich - Demo

In Anbetracht der positiven Ergebnisse stellt sich die Frage, ob unsere Gesellschaft nicht vielleicht ein bisschen zu engstirnig ist, was die Moralvorstellungen betrifft. Nach Meinung von Dr. Marcus Stück wird besonders ein theoretischer Fehler gemacht, der sich schlicht auf erlernte Konventionen stützt. Nämlich der, dass die Trennung der Bereiche - also die Erlaubnis der gegenseitigen Berührung in einer Partnerschaft und das generelle Verbot derselben außerhalb einer Beziehung - künstlich, zivilisatorisch erdacht ist und einen ganz wichtigen Bereich der körperlichen Genussfähigkeit entzieht.

Einklang zwischen Körper und Geist

Denken und Fühlen

Denken und Fühlen

"Das ist letzten Endes die angesprochene Trennung zwischen Körper und Geist. Und Letzten Endes muss man da geschichtlich weit ins Mittelalter zurück gehen, zu Descartes, der gesagt hat: ,Ich denke, also ich bin.‘ Den Satz müsste man ergänzen: ,Ich denke und fühle, also ich bin.‘" betont Prof. Dr. Marcus Stück.

Insgesamt sechs Stunden habe ich auf der Kuschelparty verbracht. Genug war es trotzdem nicht. Doch ich fühle mich seit Langem wieder vollständig.

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