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Kunststoff aus Wiesengras Plastik ohne Öl hat Zukunft

Kunststoffe sind heute aus unserem Alltag nicht mehr wegzudenken. Hergestellt werden die bunten Plastikdinge um uns herum meist aus wertvollem Rohöl. Kein Wunder, dass Chemiker und Produktdesigner nach Alternativen suchen. Eine ist Kunststoff aus Wiesengras. Anja Thompson hat die Grasfabrik im Odenwald besucht.

Plastikaus aus Wiesengras

Plastik aus Wiesengras

Weizen- und Maisfelder ziehen sich über die hügelige Landschaft, es riecht nach Acker. Inmitten des ländlichen Idylls liegt eine kleine Fabrik. Hier in Brensbach im Odenwald stellt die Firma Biowert Kunststoffe her – aus Wiesengras.

Gras - nicht nur für Kühe

Aus Gras gewonnene Fasern

Aus Gras gewonnene Fasern

In der zweigeschossigen Werkhalle neben dem Silo für das Gras wimmelt es von dicken Rohrleitungen aus Edelstahl, Kesseln und Maschinen. Es ist warm und laut. Lasar steigt eine Metalltreppe hinauf zu den Apparaturen auf der oberen Ebene.

Waldemar Lasar, Servicetechniker bei Biowert, erklärt:

Die erste Station ist dieser große Kessel hier. Da kommt die Grassilage von außen durch dieses Transportband rein und wird in diesem großen Kessel gewaschen, das heißt erst mal von ganz groben Zusätzen wie zum Beispiel Steine, Sand, und vielleicht auch Hölzer oder sowas getrennt.

Aus Grassuppe wird Granulat

Granulat aus Wiesengras

Granulat aus Wiesengras

Das Gras bleibt noch eine Weile in dem Kessel – zum Aufweichen. Danach fließt die Grassuppe durch eine Art Mühle, die die Halme zerkleinert. Pressen drücken dann in drei Stufen alle Farbstoffe und Proteine heraus. Am Ende bleibt nur noch reine Zellulose übrig - der Rohstoff fürs Plastik.

Dann wird unter Zugabe verschiedener Anteile, manchmal sind es 50 Prozent, manchmal sind es aber auch nur 25 Prozent, recycelten Kunststoffs, ein Granulat hergestellt, das in Spritzgießereien bearbeitet wird.

Hier in Brensbach geht nichts verloren. Die Grasreste landen in der eigenen Biogasanlage, die wiederum Wärme und Strom für die Produktion liefert. Das Wasser wird immer wieder aufbereitet.

Auch Billiardkugeln sind aus Zellulose

Firma Biowert in Brensbach

Firma Biowert in Brensbach

Die Idee, Plastik aus Zellulose herzustellen, ist nicht neu. Sascha Peters, Fachbuchautor und Experte für innovative Materialien, berichtet:

Zellulosebasierte Kunststoffe gibt es schon lange. Also zum Beispiel Zelluloseacetat, das ist so das was man auf dem Billardtisch hin und herschiebt, diese Kugeln, diese weißen. Die waren ja früher aus Elfenbein. Und, ich glaub 1872 ist das schon entwickelt worden, Zelluloseacetat, das als Ersatzstoff zu verwenden für Elfenbein. Das kommt jetzt auch wieder.

Plastik aus Fischschuppen

2010 wurden weltweit etwa 265 Millionen Tonnen Kunststoffe auf Erdölbasis produziert. Alternativen kommen erst seit fünf bis zehn Jahren auf den Markt - oft entwickelt von Designern auf dem Weg zu nachhaltigeren Produkten.

Lieber Plastik aus Gras als Plastik im Gras

Lieber Plastik aus Gras als Plastik im Gras

Abfälle wie vergorene Milch oder sogar Fischschuppen dienen dabei als Basis für die neuen Kunststoffe, je nachdem, welche Eigenschaften das Material haben soll. Sascha Peters gibt einen Ausblick:

Plastik ohne Öl hat Zukunft

Mit dem Aufkommen der Kunststoffe in den 50er, 60er Jahren hat man eigentlich diese Materialien vergessen, die man früher hatte. Und die kommen jetzt alle wieder. So, wenn man da mal überlegt: 50 Jahre hat man gebraucht, um die ganzen Dinge zu entwickeln, die wir jetzt haben. Und dann braucht man wahrscheinlich noch 50 Jahre um sie wieder loszuwerden.


Gras wird zu Stapelboxen, Kaffeetassen & Co

Gras wird zu Stapelboxen, Kaffeetassen & Co

Im Büro der Odenwälder Grasfabrik stehen Taschenlampen, Kaffeetassen und Stapelkästen aus dem Wiesenkunststoff "Agriplast". Grün, blau, rot oder braun – viele Farben sind möglich. Die leichte Maserung verrät das Gras, das in diesen Dingen steckt. Waldemar Lasar greift ins Regal. Was er nun in der Hand hält, sieht aus, wie ein Stück dunkles Holz.

Wiese wird Terrasse

Ein Produkt, das wir im Moment bearbeiten, ist dieses Terrassenprofil. Das ist aus 75 Prozent Wiesengras und 25 Prozent recyceltem Kunststoff. Wir wollen einfach die Kunststoffe aus Erdöl substituieren.

Plastik auf Grasbasis eignet sich auch für Terrassenprofile

Ein Stück Wiese auf der Terrasse.

Pro Jahr produziert Biowert rund 300 Tonnen Biokunststoffe, doppelt so viel wäre in der kleinen Fabrik möglich. Daraus können sowohl feine als auch grobe Produkte entstehen, die recycelbar oder sogar biologisch abbaubar sind. Junge Produktentwickler haben jetzt ihr erstes Objekt aus Agriplast auf einer großen Designmesse in Paris vorgestellt: Einen Haken für den Wohnbereich, der die Anmutung von Metall hat. Dabei ist er leicht wie Kunststoff – und riecht dezent nach Wiese.

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