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Kulturgeschichte des Bartes Comeback der Gesichtsbehaarung

Umfragen-Ergebnisse sagen, dass Frauen seit 2013 erstmals wieder in größerer Prozentzahl Bärte attraktiv finden. Kulturforscher gehen den Mode-Codes der Bartwelt nach: Von Kai Diekmann über Hardcore-Schwulenpornos hin zu geschichtlichen Bizarrerien wie Bärten als Schutz vor Vergewaltigung im Islam. Der geistreiche Kulturwissenschaftler Kevin Clarke vertritt z.B. die These, dass das Revival der Bärte mit einer zunehmenden Homosexualisierung unserer Gesellschaft zu tun habe. Ist da wirklich etwas dran?

"Kein Vollbart, also bist du ein Nichtsnutz!", singt die Rockband The Beards, die in jedem ihrer Lieder das Lob des Barts anstimmt - und in der Tat: Der Vollbart prägt immer stärker die deutschen Metropole. Ob Bushido, Kai Diekmann, Ingo Zamperoni - sie alle eifern dem neuen Trend nach, von den unzähligen Nachtschwärmern ganz zu schweigen... Ein Kuriosum, wenn man bedenkt, dass der Vollbart bis vor kurzem noch ein absolutes "No go" war! Doch das hat sich radikal geändert: Er ist kein Akt modischen Selbstmords mehr, sondern steht bei Frauen hoch im Kurs.

Vollbärte im Trend

Kulturgeschichte des Bartes

Vollbärte bevorzugt?

Im April 2013 ist eine Studie aus Australien veröffentlicht worden, wo 350 heterosexuelle Frauen befragt wurden. Sie sollten dabei Fotos von Männern beurteilen, die zwischen glattrasiert und Vollbart changierten. Dabei kam heraus - zum ersten Mal seit langen! - dass Frauen Männer mit Vollbart bevorzugten. Im Grunde genommen ist das das erste Mal seit fast 10.000 Jahren Menschheitsgeschichte, dass Frauen derart positiv auf große Vollbärte reagieren. Das war ja jahrzehntelang der große Punkt, dass Frauen vor allem glattrasierte Männer deutlich bevorzugten und dass deswegen heterosexuelle Männer sich glattrasierten, weil sie ja mit diesen heterosexuellen Frauen Partnerschaften eingehen wollten.

Zwang zur Glattheit

trimmer

Adieu glatte Androgynität!

So spricht ein Wissenschaftler, der die Bart-Materie ein paar Jahre lang durchforstet hat, der Kurator und Operetten-Spezialist Kevin Clarke, Autor des hochinteressanten Fotobuchs "Beards", ein Streifzug durch die Kulturgeschichte des Barts. Der Zwang zur Glattheit also herrschte jahrzehntelang vor, und er hat nicht nur die männlichen Wangen betroffen, sondern auch die Werte: Der Mann sollte erfolgsorientiert sein, fit und pflegeleicht, mit einem Schuss Androgynität - und vor allem ohne Bart! Dabei waren die Zeiten einmal ganz anders, zum Beispiel im Film "Vom Winde verweht"(1939):

Vivien Leigh: Ooohh, Frank Kennedy! Wirklich fabelhaft sehen sie aus mit Ihrem neuen Bart!

Vom Revoluzzer zum Pornostar

Kulturgeschichte des Bartes

Clark Gables berühmter Schnurrbart

So war das damals, im Bürgerkriegs-Landgut "Tara" aus "Vom Winde verweht"! Und auch die unruhigen Jahre der Hippiezeit standen ganz unter dem Zeichen der Bärte: Revolutionäre wie Che Guevara, Filmstars wie Robert Redford, Burt Reynolds und Kris Kristofferson - sie alle prägten einen Männertyp, der mit der Waffe in der Hand gegen das Establishment kämpfte. Doch die Revolution währte nicht lange: Schon Mitte der Siebziger verkümmerte der Bart zu einem Pornoschnauzer, stark marginalisiert und für prollig gehalten. Doch was assoziieren die Frauen von heute mit den Vollbärten?

Vollbärte zeigen Macht und Dominanz

Kulturgeschichte des Bartes

Che Guevara und Fidel Castro

Viele Frauen identifizieren einen Vollbart mit Gesetztheit, mit Dominanz, auch mit Machtanspruch, und das sind Dinge, die viele Frauen positiv bewerten, wenn es darum geht, einen Partner zu finden, mit dem sie eine Familie gründen können, weil das dann ja jemand ist, der die Familie verteidigen würde, der eine Schutzfunktion ausübt.


Kulturgeschichte des Bartes

Brad Pitt mit Bart

Es ist ja oft auch so in der Ikonographie der Kunstgeschichte, dass Männer, die besonders kernig oder schutzbietend sind, mit Vollbart dargestellt sind. Ein Vollbart funktioniert für Frauen als Signal, dass dieser Mann "off the market" ist, also nicht mehr auf dem Markt verfügbar ist, dass er stattdessen Häuslichkeit ausstrahlt, und dass viele Frauen das positiv bewerten, dass ein Mann sich vom allgemeinen Sexmarkt abwendet und sich auf eine Frau - also auf sie dann - konzentrieren möchte.

Bärtige Weltenretter

Kulturgeschichte des Bartes

Der assoziative Charakter hat sich gewandelt

Hochinteressant! Also das Gegenteil der wild-promiskuitiven Sechziger Jahre - das ist es, was Frauen sich heute von Vollbartträgern wünschen. Und noch viel erstaunlicher ist, über welche Kanäle die neue Mode in die Großstädte geschwappt ist. Kevin Clarke hat in den Kulturschichten den Weg der Bärte verfolgt - und ist dabei direkt in die schwule Subkultur der "Bärenbewegung" vorgestoßen:

Dass heutzutage wieder soviel Menschen Bart tragen, hat verschiedene Gründe: Wir hatten in der Schwulenbewegung diese Vorreiterrolle der Bärenbewegung, die sich schon in den späten 90er Jahren absetzen wollten von diesem glattrasierten Look. Diese Bären haben gesagt: "Wir wollen nicht diese durchtrainierten Fitnesskörper, die total depiliert sind, von oben bis unten parfümiert, sondern einen natürlichen Look!".

holzfäller

Kerniger Holzfäller

Es wurden größere Körper kultiviert, Bärte, eine Art Holzfällerlook mit Carohemden, Jeans, Bergsteigerschuhen usw. Diese Bewegung ist erstaunlicherweise sehr ähnlich mit dem, was nach 9/11 in Amerika passierte: Die Helden der Welt, die Retter der Nation - die Feuerwehrmänner - waren eben keine metrosexuellen Männer, sondern rauhe, ursprüngliche, echte Kerle, teilweise mit Vollbart, teilweise mit Stoppeln, aber auf gar keinen Fall diese gezüchteten Typen und damit setzte auch eine Art Umdenken ein.

Vom Taliban zum Hipster

Kulturgeschichte des Bartes

Symbol für Männlichkeit

Die Feuerwehrmänner des World Trade Centers, die Bärenmänner in homosexuellen Darkrooms - wer hätte gedacht, was Modetrendsetter nicht so alles beeinflusst! Doch damit nicht genug, stand auch noch eine andere Gruppe Pate - eine Gruppe, von der man es am allerwenigsten erwartet hätte:

taliban

Bärtiger Terror

Dazu kam, dass nach 9/11 auch viele Bilder von den Taliban zu sehen waren, die jeweils diese riesigen Talibanbärte hatten. Interessanterweise hat das dazu geführt, dass die Hipsterbewegung diese Talibanbärte als entpolitisiertes Statement übernommen hat. Hipster benutzen ja sehr gerne Elemente, die anderswo politisch aufgeladen sind und entpolitisieren sie. Bei den Hipstern hat man plötzlich diese Talibanbärte kombiniert mit Katzenpullovern, mit Dingen, die im Grunde genommen politisch überhaupt nicht dazu passen...


Heiße Araber

Beim Barte des Propheten! Die Taliban als Gründerväter der aktuellen Bartmode und ihrer zunächst schwulen Träger. Wie in aller Welt kann das sein?

Kulturgeschichte des Bartes

Entpolitisiertes Hipster-Statement

Bei den Schwulen ist ja oft so, dass sie Objekte, die ihnen besonders Angst einflößen - Skinheads, Neonazis, fundamentale Muslime - uminterpretieren in Sex-Objekte, und das kann man ganz gut beobachten in den schwulen Pornos, die seit 2001 entstanden sind bzw. auf Websites, wo auf einmal der Begriff "Hot Arab" auftaucht. Man hat auch in der schwulen Pornobranche plötzlich ganz viele arabisch thematisierte Filme, in denen die Araber, die einen wahrscheinlich sofort umbringen würden als Schwulen, plötzlich als Lustobjekte auftauchen. Das ist eine besondere Gabe der Schwulen, diese Uminterpretation möglich zu machen und damit das eigene Überleben leichter zu machen...

Bart mit Sexappeal

Kulturgeschichte des Bartes

Imposante Weltmeisterschaft

Von orientalisierenden Hardcore-Pornos bis zu Berliner Trendsetter-Clubs - einen weiten Weg haben die neuen Bärte zurückgelegt, dabei aber ihre Faszination nicht eingebüßt. Man ist etwas Besonderes, man fühlt sich wohl als Bartträger - und wie es im Lied "You Should Consider Having Sex with a Bearded Man" so schön ausgedrückt wird: Die prickelnde Spannung geht auch von Mann zu Mann:

Kulturgeschichte des Bartes

Faszinierende Männlichkeit

Du bist völlig fasziniert vom Bart deines Gegenübers - er ist riesig, schwarz, imposant - und schon gehst du auf ihn zu! Du glaubst, es liegt außerhalb jeder Möglichkeit, mit ihm Sex zu haben, doch manche Gefühle entziehen sich jeder Kontrolle!

Aber hat Kevin Clarke während der dreijährigen Arbeit an seiner Fotodokumentation "Beards" die magische Wirkung desselben erlebt? Er trug probehalber schließlich selbst einen Vollbart...

Bärte als Gesprächsthema

bushido

Bushido mit Taliban-Vollbart

Mich haben noch nie soviel Leute angesprochen auf diesen Bart und dann gesagt, dass sie ihn entweder gut fanden oder blöd fanden oder dass ich ihn anders tragen sollte. Das hat mich im Grunde positiv überrascht, dass das so ein roter Knopf ist, auf den man visuell drückt und gleich damit Kommunikation mit allen möglichen Menschen erzeugen kann.

Auch der Weihnachtsmann trägt Bart

weihnachtsmann

Der ist echt

Eines jedenfalls ist sicher: Der Trend Vollbart wird sich noch eine Weile halten, und bei den kalten Temperaturen, die wir diesen Winter haben, sind Vollbartträger auf alle Fälle zu beneiden - beispielsweise der Weihnachtsmann, der sich in Bälde auf den Weg macht.

Dieses Jahr ist das erste Jahr, dass der Weihnachtsmann im Modetrend liegt und insofern ist es sicher kein Zufall, dass nun ausgerechnet Aiden Shaw, der aussieht wie ein Weihnachtsmann, als ehemaliger schwuler Pornostar von GQ engagiert wurde für eine große Modestrecke.


Nun, dann kann die Weihnachtsparty ja beginnen - und wilde Nächte sind garantiert...

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