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Künstler im Ersten Weltkrieg Zwischen Euphorie und Entsetzen

Sie hockten in Schützengräben, wechselten im Lazarett Verbände und fielen an der Front: Maler, Zeichner und Bildhauer erlitten zwischen 1914 und 1918 das gleiche Schicksal wie 70 Millionen andere Europäer. Zugleich verlor die künstlerische Avantgarde ihre internationalen Kontakte. In den Jahren vor dem 1.Weltkrieg hatten die Künste in Europa nie geahnte Höhenflüge erlebt. Wie gingen Künstler wie Max Beckmann, Franz Marc, Max Liebermann oder Otto Dix mit dem Krieg um?

Nach 1918 war nichts mehr so wie vorher. Mit Franz Marc und August Macke hatte die Kunstszene wichtige Protagonisten der Avantgarde im Krieg verloren. Die Ateliers waren verwaist, die Verbindungen abgerissen. Niemand wusste, wie es weitergeht.

Kurze Biografien

In vielen Künstler-Biografien hieß es lange lapidar: "1914 freiwillig gemeldet oder eingezogen, ab 1918 wohnhaft in ...". Die Schreckensjahre des Ersten Weltkriegs wurden kaum thematisiert. Uwe M. Schneede ist einer der wenigen Kunsthistoriker, die in dieses Vakuum vorgedrungen sind. Er erforscht systematisch die Tätigkeit der Künstler vor und während des Ersten Weltkrieges und die Auswirkungen der Kriegsereignisse auf ihre Werke. Dokumentiert hat er das jetzt in einer großen Ausstellung in der Bundeskunsthalle Bonn: "1914. Die Avantgarden im Kampf". Anhand von mehr als 300 Gemälden, Zeichnungen, Skulpturen und Fotografien wird die dramatische Zeit bis 1918 beleuchtet.

Selbstbildnis als Krankenpfleger

Der in Leipzig geborene Künstler Max Beckmann ist bei Kriegsausbruch 30 Jahre alt. Er lehnt den Expressionismus ab, malt figurativ, orientiert sich an einem aktionsreichen Spätimpressionismus. Beckmann ist kein direkter Kriegsbefürworter, dient aber 1914 als freiwilliger Sanitätshelfer an der Ostfront. Beckmanns Zeichnungen aus dieser Zeit spiegeln die ganze Härte des Krieges wider. Sie zeigen immer wieder Kranke, Verletzte, Sterbende in einem neuen, hart konturierten Stil. Seine Soldaten sind traurige Gestalten mit hängenden Köpfen, er selbst blickt im "Selbstbildnis als Krankenpfleger" von 1915 desillusioniert in die Welt. Die existenzielle Bedrohung durch den Krieg verändert Beckmanns Kunst, gibt ihr eine neue Eindringlichkeit und Tiefe.

Zeichnen an der Front

1915 erleidet Beckmann aufgrund seiner Erlebnisse in Flandern, wo er in einem Typhuslazarett stationiert ist und Zeuge des ersten Chlorgasangriffs bei Ypern wird, einen Nervenzusammenbruch. Er wird vorübergehend beurlaubt und arbeitet dann als Zeichner fürs Militär in Straßburg.
Diese und andere Kriegsschicksale schildert Dietrich Schubert in seinem Buch "Künstler im Trommelfeuer des Krieges 1914 -18". Anhand von Briefen und Kunstwerken skizziert er die Ambivalenz vieler Künstler zum Ersten Weltkrieg. Dabei konzentriert er sich auf die Geschehnisse an der Westfront und erzählt sowohl von deutschen als auch von französischen Künstlern.
Der Erste Weltkrieg ist vor allem ein Stellungskrieg. Er zwingt die Soldaten, oft tagelang in Schützengräben und Unterständen auszuharren. So wird an der Front weiterhin künstlerisch gearbeitet – wenn auch mit reduzierten Mitteln.

Leichen statt Akte

Krieg und Gemetzel führen zu den verschiedensten künstlerischen Reaktionen: Erich Heckel, der als Mitglied der Künstlergemeinschaft "Die Brücke" vorher sinnliche Akte gemalt hatte, zeichnet 1915 bei Ostende einen toten Soldaten mit verrenkten Gliedern, drastisch und mit harten Strichen. Eine Anklage.

Der farbenprächtige kubistisch orientierte Maler Paul Klee geht in die Abstraktion und erfindet stachelige, karge Unwelten aus winzigen Strichen. Eines der Blätter von 1915 trägt den Titel: „Nebel überziehen die untergehende Welt“.

Umstrittener Farbverlust

Franz Marc verliert die Farbe im Krieg, konzentriert sich auf kleine schwarz-weiß Zeichnungen. Marcs Künstlerfreund August Macke, ebenfalls Mitglied des „Blauen Reiters“, fällt sieben Wochen nach Kriegsbeginn. Ein schwerer Verlust für die Kunstszene und für Franz Marc. Dieser schrieb noch zu Beginn der Krieges an seine Frau:

Hageville 18.11.1914. Liebste, unser Leben geht still weiter, oft viel Dienst. Das in den amtlichen Berichten angegebene „langsame“ Vorrücken, kleine Erfolge, Zurückweisung französischer Ausfälle und Angriffe ist buchstäblich wahr; alles wartet auf die Entscheidung im Norden; sobald wir dort die Sieger sind, ist die französische Frontstellung nicht mehr haltbar, weil wir dann von Norden her die Etappenlinien der Franzosen eindrücken können. Es waren jetzt wieder wundervolle Herbsttage, schwerer Frost und ganz weiße Morgen; es ist großartig, bei Sternenlicht losreiten oder fahren und dann die Sonne kommen sehen, die den weißen glitzernden Reif löst. In den Dörfern dampfen die Misthaufen – Du kennst ja die Stimmung. Eine merkwürdige Steigerung liegt für mich in dem französischen Dorfbild, lauter Monets, Sisleys und Van Goghs … Aber immer, wenn ich mich in solche Szenen vertiefe, ertappe ich mich dabei, dass ich statt dem Kalt und Warm und der Luftperspektive Zahlen sehe, reine abstrakte Klänge - und schnell ist der impressionistische, anheimelnde Traum vorbei und die Arbeit beginnt!

Jetzt wollen wir sie dreschen!

Doch nicht alle Künstler müssen im Ersten Weltkrieg an die Front. Da ist der 67jährige Impressionist Max Liebermann, der aufgrund seines Alters nicht mehr eingezogen wird, aber patriotische Parolen des Kaisers illustriert. In der Zeitschrift "Kriegszeit" erscheint 1914 ein Bild von Liebermann, das einen Soldaten mit Pickelhaube zeigt, das Schwert in Angriffsstellung. Darunter einer der Lieblingssätze des deutschen Kaisers "Jetzt wollen wir sie dreschen".

Oder Kasimir Malewitsch, der in Russland Bildpropaganda gegen die Deutschen macht. Er greift dabei auf die volkskundliche Malerei zurück und erschafft Karikaturen deutscher Soldaten zwischen Hanswurst und Schlächter.

Feindliche Ausländer

Andere avantgardistische Künstler nehmen am Krieg nicht teil. Die gebürtigen Russen Alexeji Jawlensky und Wassili Kandinsky, die beide zur Künstlergruppe "Der Blaue Reiter" gehörten, müssen Deutschland als sogenannte "feindliche Ausländer" verlassen. Sie flüchten zuerst in die Schweiz, Kandinsky kehrt später nach Russland zurück.

Während sich Jawlensky immer mehr in die innere Emigration und seine Meditationsbilder zurückzieht, gibt Kandinsky vorübergehend die Malerei auf und arbeitet im Moskauer Kommissariat für Volksaufklärung. Und dann gibt es noch jene, die sich bewusst dem Krieg und der Einberufung entzogen haben. Hans Arp oder Hugo Ball erfinden in der Schweiz "Dada", die Kunst gegen alles.

Begräbnis im Schnee

Der 1891 in Gera geborene Otto Dix hatte vor dem Krieg, zu dem er sich dann freiwillig meldete, mit kubistischen und futuristischen Stilen experimentiert. Die Kriegserfahrungen an der Westfront und in Flandern veränderten sein Werk, machten es ausdrucksstärker.

Eines der erschütterndsten Blätter ist das "Begräbnis im Schnee" aus dem Jahr 1915: Otto Dix malt einen Friedhof mit roter Ziegelmauer und frisch aufgeschütteten, mit Schnee bedeckten Gräbern. Kleine schwarze und rote Kreuze setzen Akzente, dazwischen ein winziger Trauerzug. Ein bildnerisch hochästhetisches Werk, in seiner Trauer emotional aber kaum auszuhalten. Nach dem Krieg entwickelte Dix zunehmend eine innere Distanz und wurde einer der wichtigsten deutschen Künstler der Neuen Sachlichkeit.

Der Siegeszug der Abstraktion gerät durch den Ersten Weltkrieg zwar ins Stocken, aufzuhalten ist er aber nicht. Malewitsch malte 1915 sein erstes schwarzes Quadrat, drei Jahre später das weiße Quadrat auf weißem Grund.

Konkrete Realität

Franz Marcs "Skizzenbuch aus dem Felde" und seine Briefe sind bis heute eindrucksvolle Zeugnisse eines Menschen, der für eine Erneuerung der Kunst und der Gesellschaft kämpfte - aber die blutige Realität wohl verkannte. Franz Marc fiel am 4. März 1916 vor Verdun. Zwei Tage vorher schrieb er an seine Frau:

Seit Tagen seh' ich nichts als das Entsetzlichste, was sich Menschengehirne ausdenken können.


Zitatnachweise und Literatur:

(1) "1914 – die Avantgarden im Kampf", Katalog Bonn, Snoeck 2013

(2) Franz Marc, Briefe aus dem Felde, Hrsg. von Klaus Lankheit, Serie Piper 1982

(3) Franz Marc - Schriften, Hrsg. von Klaus Lankheit, Dumont 1978

(4) Künstler im Trommelfeuer des Krieges 1914-18, Dietrich Schubert, Wunderhorn 2013

Manuskript der Sendung

SWR-Schwerpunkt 1914 - 1918

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