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Krude Ansichten: Frühere Nobelpreisträger auf Abwegen

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Die Nobelpreise sind eine der höchsten wissenschaftlichen Auszeichnungen. Die Gefahr: Wenn ein Nobelpreisträger eine Meinung hat, egal wozu, ist ihm die Aufmerksamkeit sicher. Auch wenn später so manch einer krude Ansichten vertritt.

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Es reicht hier, von "Nobelpreisträgern" nur in der männlichen Form zu sprechen, denn die Fälle in diesem Beitrag handeln ausschließlich von Männern.

Der Fall Luc Montagnier

Einer von Ihnen ist der im Februar 2022 verstorbene Aidsforscher Luc Montagnier. 1983 hat der französische Virologe das HI-Virus mit entdeckt und dafür verdientermaßen den Nobelpreis bekommen. Als die erste Aufmerksamkeit nachließ, begann er, mit immer neuen Thesen an die Öffentlichkeit zu gehen, die zwar Schlagzeilen machten, aber keiner Überprüfung standhalten. Mal behauptet er, gesunde Ernährung würde Aids vorbeugen. Ein andermal schlägt er vor, Autismus mit Antibiotika zu heilen.

Vor allem aber jetzt der Corona-Krise lehnt er sich, vorsichtig gesagt, weit aus dem Fenster. Impfungen gegen das Corona-Virus, behauptete er, seien gefährlich, weil sie neue Virusvarianten hervorbringen würden. Das widerspricht nicht nur dem virologischen Grundwissen, sondern lässt sich auch leicht widerlegen. Denn das Corona-Virus ist bereits mutiert, bevor es die Impfungen gab.

Die Medizin-Nobelpreisträger Luc Montagnier (links) und Françoise Barré-Sinoussi 2008 vor Beginn einer Vorlesung im Karolinska Institut in Stockholm (Foto: dpa Bildfunk, (c) dpa - Bildfunk)
Die Medizin-Nobelpreisträger Luc Montagnier (links) und Françoise Barré-Sinoussi 2008 vor Beginn einer Vorlesung im Karolinska Institut in Stockholm (c) dpa - Bildfunk

Und schon früh behauptete Montagnier in einer Fernsehsendung, ein Beweisstück gefunden zu haben, dass das Corona-Virus künstlich in einem Labor erzeugt worden sei. Er habe sich die Daten zum Virus genau angesehen und sei zu dem Schluss gekommen, dass das Virus manipuliert worden sei, denn an einer bestimmten Stelle enthalte es Abschnitte vom HI-Virus.

Montagnier spekuliert, ob die Chinesen vielleicht einen Impfstoff gegen Aids haben entwickeln wollen. Der Virologe Christian Drosten, der das Corona-Virus nun wirklich gut kennt, wurde im NDR-Podcast auf diese Theorie angesprochen und seine Antwort war eindeutig: Die Aids-Theorie sei "kompletter Unsinn" und bereits widerlegt.

virologe christian drosten (Foto: IMAGO, imago images/photothek)
Virologe Christian Drosten hat sich kritisch zu den Schnelltests geäußert. imago images/photothek

Um es klar zu sagen: Die WHO und die meisten Virologen halten die Labor-Theorie für extrem unwahrscheinlich. Und auch wenn die US-Geheimdienste sie nicht gänzlich ausschließen wollen, argumentiert niemand Seriöses mit angeblichen Aids-Virus-Abschnitten.

Natürlich lebt die Wissenschaft vom Streit und von Diskussionen, und es kam in der Wissenschaftsgeschichte immer wieder vor, dass aus einer Außenseiterposition im Lauf der Jahre eine Mehrheitsmeinung wurde. Doch am Ende zählen Belege und Beweise, und wer die nicht liefern kann, ist nun mal nicht seriös.

Der Fall Paul Dirac

Ein anderer Nobelpreisträger erklärte sogar ausdrücklich, dass experimentelle Belege für ihn zweitrangig sind. Das war der britische Physiker Paul Dirac. Er wurde 1933 ausgezeichnet für seine quantenmechanische Atomtheorie. Eine physikalische Gleichung, die Dirac-Gleichung ist nach ihm benannt. Nachdem er den Nobelpreis in der Tasche hatte, verstieg er sich aber in wissenschaftsesoterische Theorien.

Dirac betonte auch immer die ästhetische Seite der Wissenschaft, die es zweifellos gibt, auch in der Physik. Dirac liebte einfache Formeln wie Einsteins E = mc², aber er ging dabei soweit, zu behaupten, die Schönheit einer Gleichung sei wichtiger als dass sie zu den experimentellen Daten passe. Mit anderen Worten: Eine schöne Formel sei im Zweifel näher an der Wahrheit als eine wissenschaftlich belegbare. Den Beweis, dass man damit Erfolg hat, blieb er allerdings schuldig, denn seine späteren wissenschaftlichen Leistungen blieben eher überschaubar.

Der Fall Linus Pauling

Dann gibt es Linus Pauling. Der US-Amerikaner ist einer von ganz wenigen, die gleich zweimal den Nobelpreis bekamen, den für Chemie und später den Friedensnobelpreis für seinen Einsatz gegen Atomwaffentests. Später wurde er aber vor allem bekannt für seine Vitamin-Theorie.

Nobelpreisträger Linus Pauling (Foto: SWR, SWR -)
Nobelpreisträger Linus Pauling SWR -

Pauling war überzeugt, dass insbesondere Vitamin C praktisch gegen alles hilft, sogar gegen Krebs. Seine Ratgeber fanden großen Anklang. Gesundheitstipps von einem Nobelpreisträger, die müssen doch stimmen! Nein, tun sie nicht. Und sie sind auch nie belegt worden, im Gegenteil. Hohe Vitamin-C-Gaben, wie Pauling sie empfahl, helfen nicht nur nicht, sie können sogar schädlich sein.

Der Fall James Watson: "Wenn wir nicht Gott spielen, wer dann?"

Menschen sollten ruhig Gott spielen, denn "wenn wir es nicht tun, wer dann?". Mit solchen Thesen provoziert James Watson gern. Watson hat zusammen mit Francis Crick zusammen herausgefunden, dass unser Erbgut, die DNA die Form einer Doppelhelix, also einer doppelten Spirale hat. Dafür haben die beiden 1962 den Nobelpreis bekommen.

Hätte Watson es dabei belassen und danach den Mund gehalten, würde er heute vielleicht hohes Ansehen genießen. Doch fiel er danach mit rassistischen Thesen und kruden Menschenverbesserungsfantasien auf. Er hatte nichts dagegen, Menschen genetisch zu optimieren, denn: "wenn wir nicht Gott spielen, wer dann?"

Watson findet, Frauen sollten ein Recht auf Abtreibung haben, wenn ein Gentest ergäbe, dass der Embryo homosexuell veranlagt sei. Was nicht nur ethisch höchst fragwürdig, sondern auch von einer Unkenntnis über die Ursachen für Homosexualität zeugt.

Und ohne jeglichen Beleg behauptete Watson einfach mal, Afrikaner seien von Natur aus weniger intelligent als Weiße, deswegen würde Entwicklungshilfe nichts bringen. Später bedauerte er diese Äußerung. Das sei "keine nützliche Art zu denken." Nach einer echten Distanzierung und Reue klingt das aber nicht.

Nobelpreis ist kein Weisheitssiegel

All diese Fälle sind allerdings eher die Ausnahmen – die meisten, die einen Nobelpreis bekommen, bleiben vernünftig. Die Beispiele zeigen dennoch: Ein Nobelpreis ist das, was er ist: Eine Auszeichnung für eine konkrete Leistung auf einem meist sehr engen wissenschaftlichen Gebiet. Er ist keine Schlauheitsgarantie und kein Weisheitssiegel – schon gar nicht, wenn es um Dinge außerhalb des jeweiligen Fachgebiets geht.

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